Zeitgeschichte

Schokoriegel mit Fallschirm: Luftbrücken-Pilot Halvorsen wird 100

dpa

Von dpa

Fr, 09. Oktober 2020 um 21:41 Uhr

Panorama

Der US-Pilot Gail Halvorsen bedachte während der Berliner Luftbrücke die Kinder mit Süßem. Jetzt wird er 100 Jahre alt.

Ein paar Brocken Deutsch spricht der "Candy Bomber" immer noch. "Das ist meine zweite Heimat", sagt Gail Halvorsen mit verschmitztem Lächeln. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte der ehemalige US-Pilot zu den Männern, die das von sowjetischen Truppen abgeriegelte West-Berlin über Monate aus der Luft versorgten – mit Hilfe der sogenannten Luftbrücke. Halvorsen kam auf die Idee, nicht nur Grundnahrungsmittel abzuwerfen, sondern auch Süßigkeiten für die Kinder. Dies brachte ihm den Spitznamen "Candy Bomber" ein und machte den jungen Mann zum Symbol der Hilfsaktion. An diesem Samstag wird der in Utah lebende Rosinenbomber-Pilot 100 Jahre alt.

Ob er denn seinen Geburtstag gerne in Berlin feiern würde? "Natürlich", antwortet Halvorsen mit breitem amerikanischen Akzent. Kurz vor seinem Jubiläum zeigt er in einem Videogespräch mit der Deutschen Presse-Agentur stolz seine grüne Uniformjacke von damals. Sie ist mit Orden gespickt, dazu das Große Bundesverdienstkreuz.

Die alte Pilotenjacke trug er auch bei seinem letzten Besuch in Berlin, mit 98 Jahren, als Ehrengast bei den Feiern zum 70. Jahrestag des Endes der Luftbrücke. Mit fast 280 000 Flügen brachten Amerikaner, Briten und Franzosen von Juni 1948 bis Mai 1949 den mehr als zwei Millionen Einwohnern Lebensmittel und Kohle. Und Candys – Süßwaren.

Die Idee kam Halvorsen, als er eines Tages am Ende des Rollfelds auf dem früheren Flughafen Tempelhof eine Gruppe Kinder hinter einem Stacheldrahtzaun traf. "Ich hatte noch zwei Streifen Kaugummi, die sie sich in kleinen Stücken teilten", erzählt er. "Ich versprach ihnen, am nächsten Tag mehr Süßigkeiten abzuwerfen. Und weil ja alle paar Minuten ein Flugzeug landete, würde ich als Erkennungszeichen beim Anflug mit den Flügeln wackeln." Von da an hatte er den Spitznamen "Onkel Wackelflügel".

Der junge Gail Halvorsen schnürte Schokoriegel und Kaugummi zu kleinen Bündeln und befestigte diese an Taschentüchern, die wie Fallschirme vom Himmel fielen. Die Aktion sprach sich im zerbombten Berlin schnell herum. "Bald warteten Hunderte Kinder auf mich", erzählt der Luftbrücken-Veteran stolz.

Halvorsens Geste war beste Werbung für die Berliner Luftbrücke, sie half der deutsch-amerikanischen Freundschaft. Aus den USA kamen mehr und mehr Spenden, Süßes und Taschentücher. Die Kameraden des Piloten halfen mit. Mehr als 23 Tonnen Schokolade und Bonbons warfen sie in den nächsten Monaten ab.

Im Minutentakt flogen die Maschinen mit Lebensmitteln West-Berlin an. Es war ein riskantes Unterfangen. 31 Piloten seien dabei ums Leben gekommen, sagt Halvorsen. "Das waren schwierige Zeiten. Kurz zuvor waren wir noch Feinde, nun brachten wir den Deutschen Güter, damit sie überleben konnten." Er selbst hatte Kameraden im Krieg verloren. "Doch es ging ja um die Kinder in Not." Mit Deutschland ist Halvorsen immer verbunden geblieben.

Seinen 100. Geburtstag feiert Halvorsen mit einer großen Kinderschar. Er hat fünf Kinder, 24 Enkel und 59 Urenkel. Wegen der Corona-Pandemie falle eine noch größer geplante Feier, auch mit dem Besuch früherer Berliner Kinder, leider aus, sagt seine Tochter Denise Williams. Doch der Pilot kann mit vielen Grußbotschaften und Geschenken rechnen.

Fans und Kinder von damals sind eingeladen, Geburtstagsgrüße in Form kurzer Videos zu schicken. Noch bis Ende Oktober läuft diese Aktion im Rahmen der vom Auswärtigen Amt geförderten Initiative "Wunderbar Together".

In Berlin-Dahlem ist eine Schule nach dem einstigen Rosinenbomber-Piloten benannt. Halvorsen war bei seinen Reisen nach Deutschland dort häufig Gast. "Er konnte den Schülern glaubhaft vermitteln, um was es damals eigentlich ging: Dass ein Amerikaner, der kurz zuvor noch Feind war, den Kindern die Hand ausstreckte", sagt Kathrin Röschel, ehemalige Leiterin der Gail-S.-Halvorsen-Schule. "Gail ist eine Art Rockstar."

Und was wünscht er sich zu seinen runden Geburtstag? "Gesundheit und noch viel Zeit mit meiner Familie", sagt der Jubilar. Natürlich gehört auch etwas Süßes dazu. Sein Lieblings-Candy in den USA ist ein Schokoriegel mit Erdnüssen und Karamell. Und in Deutschland? "Marzipan", sagt er schnell. "Dort gibt es viel bessere Süßigkeiten als bei uns."