Stadtgeschichte

Passionsspiele sollten Freiburg einst zur Kulturmetropole machen

Katja Rußhardt

Von Katja Rußhardt

So, 04. April 2021 um 18:09 Uhr

Kultur

Die Passionsspiele haben das bayerische Oberammergau weltberühmt gemacht. Freiburg wollte einst einen ähnlichen Weg einschlagen – und liebäugelte mit der größten Freilichtbühne der Welt.

Es ist ein monumentales Großereignis, das seit 1634 im Bayerischen stattfindet und weltweit Beachtung findet. Wer käme auf die Idee, den berühmten Oberammergauer Passionsspielen den Rang abzulaufen? Freiburg, lautet die Antwort. Genauer gesagt: zunächst die Brüder Adolf und Georg Faßnacht, Besitzer eines kleinen Tourneetheaters. Ganz genau nehmen sie es mit der Wahrheit nicht, denn im Frühjahr vor genau einhundert Jahren klopfen sie im Rathaus an, behaupten, aus Oberammergau zu kommen und in Besitz des "Urtextes" der Passionsspiele zu sein. Ihre Idee ist, dem bayerischen Original in Freiburg nicht nur Konkurrenz zu machen, sondern es weit zu überstrahlen. Mit 200 mal 100 Metern soll Freiburg die größte Freilichtbühne der Welt bekommen.

Kein Wunder, dass das Unternehmen in der Stadt kontrovers diskutiert wird. "Was die bauliche Seite der Anlage betrifft, so dürfte es wohl sehr fraglich sein, ob das Landschaftsbild an der Karthause durch die orientalischen Tempel und Paläste vorteilhaft verändert wird", schreibt die Zeitung Volkswacht am 11. Juni 1921. Das Blatt sieht nicht nur negative Konsequenzen für das Stadtbild, sondern befürchtet auch Nachteile für die weniger betuchte Bevölkerung: "Denn darüber besteht doch kein Zweifel, daß durch die Anwesenheit vieler Unterkunftsuchender und Verpflegung beanspruchender zahlungsfähiger Fremder die Preise in den Restaurants und Hotels ins Uferlose steigen werden", heißt es in einem Beitrag vom 23. Juni.

Beleben Touristen die Stadt?

Während die Gastronomie sich durchaus mit dem Gedanken an eine Zunahme der Gästeschar anfreunden kann, mahnt die Volkswacht: "Zu den schlimmsten Befürchtungen gibt die Unterbringung der Fremden Veranlassung, weil dadurch für viele Wohnungsuchende die Aussicht, endlich in einer rationierten Wohnung ein Heim zu erhalten, bedeutend herabgemindert wird." Ganz anders hatte man am 16. Februar in der Badischen Presse in die Zukunft geblickt: "Die günstige Lage, Freiburg als ein Bahnknotenpunkt, der nahe, im Sommer von Fremden viel besuchte Schwarzwald und vor allem die benachbarte Schweiz mit den vielen Engländern und Amerikanern, wird, durch den Tiefstand des deutschen Geldes begünstigt, eine Menge von Besuchern hierher strömen lassen. Für die Unterbringung der Fremden, soweit sie nicht in der Nachbarschaft Offenburg, Lahr, Müllheim, Basel, dem Schwarzwald oder im Elsaß unterkommen, oder wohnhaft sind, werden bereits jetzt schon Vorbereitungen getroffen." Über Touristen, so das Blatt, könne auch ein positives Bild Deutschlands ins Ausland transportiert werden.

Die Premiere geht im Juli 1921 über die Bühne

Freiburg als internationale Kulturmetropole? Unterstützung bekommen die Brüder Faßnacht durch den film- und theaterbegeisterten Freiburger Kaufmann Bernhard Gotthart (1871-1950), der 1906 mit seinem Endinger Freund, dem internationales Renommee genießenden Filmpionier Robert Isidor Schwobthaler (1876-1934), das erste Freiburger Kino und eine Filmproduktions- und Filmvertriebsfirma gründet. Gotthart gefällt das verwegene Projekt. Mit einer filmischen Werbekampagne für die Passionsspiele soll Freiburg weltweit zum Touristenmagneten werden. "Und zugleich sollte sich Freiburg als ein international bedeutsames Zentrum für Filmproduktionen entwickeln", erzählt Elisabeth Cheauré, Senior-Professorin am Slavischen Seminar der Universität Freiburg, die bei den Recherchen für ihr Buch "Das "russische" Freiburg" auf die Geschichte stieß.

"Bernhard Gotthart und die Gebrüder Faßnacht wollten mit ihrer Unternehmung die Moralität des Volkes fördern, man war der Ansicht, dass es in dem neuen Medium Film zu viel Sensation und sogar Erotik gebe", erklärt Elisabeth Cheauré. Während die Freiburger Passionsspiele am 16. Juli 1921 auf einer mit 150 Meter Breite und 30 Meter Tiefe doch ein wenig kleiner als geplant ausfallenden Bühne am Freiburger Sandfangweg in der Nähe des heutigen Areals des Sportzentrums der Universität Premiere feiern, wird am Marketing gefeilt: Gottharts und Robert Schwobthalers Firma Express-Films verpflichtet den in Berlin lebenden russischen Migranten Dmitri Buchowetzki, der zu den bekanntesten Filmregisseuren seiner Zeit gehört. Mit Freiburger Statisten wird die erste deutsche Verfilmung der Passionsgeschichte Jesu mit dem Titel "Der Galiläer im Sommer" nicht nur auf der mehrmals wöchentlich bespielten Bühne in Freiburg, sondern unter anderem auch im Höllental gedreht. "Man meint, dass die Viadukte ein Feeling des römischen Palästina vermitteln könnten", so Elisabeth Cheauré.
Buchtipp

Elisabeth Cheauré:Das "russische" Freiburg. Menschen – Orte – Spuren. Mit Gastbeiträgen von Marie-Luise Bott, Heiko Haumann, Peter Kalchthaler, Natalia Barannikova und Karin Mourik. 464 Seiten, Rombach Verlag, 34 Euro.

Kuriositäten und Bürokratie am Rande: Tausende Komparsen werden aus der Freiburger Bevölkerung rekrutiert. Die Volkswacht berichtet am 19. September von der zwangsweisen Verpflichtung von Arbeitslosen. Wie es heißt, drohe man ihnen das Streichen der Erwerbslosenunterstützung an. Das Arbeitsamt Freiburg schreibt gar über vermeintliche Gewissenskonflikte: "Widerspruch erhoben die Erwerbslosen Frischauf und Beck, die erklärten, dass sie und andere Erwerbslose es mit ihrer religiösen Überzeugung nicht vereinbaren könnten, bei den Passionsspielen als Statisten mitzuwirken. Sie wurden vom Arbeitsamt mit ihrer Beschwerde an das Bezirksamt als Aufsichtsbehörde verwiesen, das entschied, daß die Annahme von Arbeit in diesem Falle in den freien Willen zu stellen sei."

Während in diesem Fall alles genau genommen wird, frisiert man aus marketingtechnischen Gründen einige historische Fakten auf einem englischsprachigen Plakat: "Hier wird geradezu dreist die Oberammergauer Tradition vereinnahmt, wenn man die Erstaufführung auf das Jahr 1264 zurückdatiert und eine regelmäßige, angeblich in zehnjährigem Rhythmus erfolgte Aufführungspraxis seit 1600 behauptet", weiß Cheauré. Man gab bis zu juristischen Einsprüchen auch vor, die Rollen wie in Oberammergau von Generation zu Generation weiterzugeben.

Trotz anfänglichem Erfolg gerät der Film in Vergessenheit

Der Film hat zunächst Erfolg. In Berlin, wo eine Pressevorführung stattfindet, schreibt Welt-Film am 5. November: "Man merkt um so weniger den Übergang vom Unregielichen zum Regielichen, als Buchowetzki mit Geschick die wirkliche Natur Freiburgs mit dem dortigen Naturtheater und Kunstbauten an- und ineinander zu passen verstanden hat." In Mailand bekommt der Film 1922 zwar den "Silbernen Pokal" in der Kategorie "Historische Filme" – und angeblich werden die Rechte in 17 Länder verkauft. Aber er gerät ebenso in Vergessenheit wie die Passionsspiele, die kein Jahr überdauern.

Filmpionier Gotthart gehört zu den Verlieren: Seine Firma Express Films Co, 1924 nach Berlin verlegt, geht bankrott. Dennoch hat "Der Galiläer" Filmgeschichte geschrieben. Elisabeth Cheauré: "Er wurde 1994 restauriert und nach Jahrzehnten anlässlich der Berlinale 1996 zum ersten Mal wieder vorgeführt. Sobald die Pandemie vorbei ist, plant das Freiburger Zwetajewa-Zentrum für russische Kultur eine Vorführung, um diese bemerkenswerte Episode des ’russischen’ Freiburg in Erinnerung zu halten."

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