Waldkirch

Pflege: Weichen stellen, solange man es selbst kann

Gabriele Zahn

Von Gabriele Zahn

Do, 21. März 2019 um 21:38 Uhr

Liebe & Familie

Mit Pflegebedürftigkeit beschäftigen sich viele erst, wenn sie da ist. Eine Informationsveranstaltung der Senioren Union Waldkirch konnte viele Fragen beantworten.

WALDKIRCH.Auf Einladung der Senioren Union referierten der Leiter des Competence-Centers Pflegeversicherung der AOK, Ralph Schlegel, Pflegedienstleiterin Jolanthe Reis von der Sozialstation St. Elisabeth und St.-Nikolai-Stift-Leiter Wolfgang Ruf über die Leistungen der Pflegeversicherung und Möglichkeiten, im Alter möglichst lange selbstbestimmt wohnen zu können.

Sie alle appellierten, sich frühzeitig mit Pflegebedürftigkeit auseinanderzusetzen und rechtzeitig Weichen zu stellen, damit man als Pflegebedürftiger in vertrauter Umgebung wohnen bleiben kann. Die Menschen werden immer älter, sagte Dieter Ledtje, stellvertretender Vorsitzender des Ortsverband Waldkirch der Senioren Union; und trotz guter medizinischer Versorgung werden aber auch immer mehr Menschen pflegebedürftiger.

Ralph Schlegel informierte, dass es seit 2017 einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff gebe. Bis vor zwei Jahren war die körperliche Einschränkung höher eingestuft als kognitiv-geistige Einschränkungen. Jetzt sei die Pflege gleichwertig wie die betreuerische Leistung. Mit der Änderung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs wurde auch das Gutachtenverfahren erneuert, das der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen vornimmt.

Wer gilt als pflegebedürftig?
Pflegebedürftig sind Personen, die durch körperliche, kognitive oder psychische Beeinträchtigungen gesundheitlich bedingte Belastungen oder Anforderungen nicht selbständig kompensieren oder bewältigen können. Dieser Zustand müsse mindestens ein halbes Jahr bestehen, erläuterte Schlegel. Entscheidend für die Pflegegradeinstufung sei, wie selbständig oder unselbständig jemand bei der Durchführung von Aktivitäten oder der Gestaltung von Lebensbereichen sei. Dies werde beim Gutachten in sechs Modulen erhoben. Die sechs Module sind: Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstversorgung, Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen, sowie Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte. Zu jedem Modul gibt es mehrere Kriterien, die mit Punkten bewertet werden. Aus diesen Punkten wird eine Gesamtpunktzahl errechnet, die dann einem der fünf Pflegegrade entspricht. Sollte jemand mit der Beurteilung nicht einverstanden sein, müsse er Widerspruch einlegen. Es werde aber versucht, dem Kunden den Grund der Ablehnung zu erklären, sagte Schlegel, erfahrungsgemäß gehen in diesen Fällen oft Urteil und Empfinden auseinander.

Wer bekommt Pflegegeld?
Das Pflegegeld komme dann zur Auszahlung, wenn Angehörige die Pflege erbringen. Es wird an den Pflegebedürftigen ausgezahlt. Übernimmt ein Pflegedienst die Pflege, dann spricht man von Pflegesachleistung. Wundversorgung, Infusionen und anderes sind dabei nicht Teil der Pflege. Diese Leistungen werden von der Krankenkasse bezahlt. Schlegel wies darauf hin, dass es auch die Kombinationsleistung von Pflegesachleistung und Pflegegeld gibt. Das Pflegegeld kommt dann nach Abrechnung der Pflegesachleistung prozentual zur Auszahlung. Beispiel: Wird nur 45 Prozent der Pflegesachleistung abgeschöpft, werden 100 Prozent minus 45 Prozent, also 55 Prozent, vom maximal möglichen Pflegegeld ausgezahlt. Darüber hinaus kann teilstationäre Tages- und Nachtpflege in Anspruch genommen werden. Hierfür und für bestimmte andere Leistungen gibt es einen Entlastungsbetrag von 125 Euro pro Monat. Für Pflegehilfsmittel zahlt die Pflegeversicherung maximal 40 Euro pro Monat. Zudem gibt es die Verhinderungspflege, wenn die Pflegeperson wegen Urlaub, Krankheit oder anderen Gründen die Pflege vorübergehend nicht übernehmen kann. Des Weiteren kann für maximal acht Wochen im Jahr die vollstationäre Kurzzeitpflege in Anspruch genommen werden. Die Problematik sei, dass die Nachfrage nach Kurzzeitpflege höher sei als das Angebot, sagte Schlegel. Manchmal seien wohnumfeldverbesserende Maßnahmen angebracht, wie der ebenerdige Umbau der Dusche oder ein Treppenlift. Je Maßnahme wird hier von der Pflegeversicherung ein Zuschuss bis 4000 Euro gezahlt. Schlegel wies darauf hin, dass es immer mehr Wohngruppen gibt, in der die Pflege sichergestellt wird, und dass für Pflegepersonen Beiträge zur Rentenversicherung bezahlt werden, wenn sie nicht mehr als 30 Stunden pro Woche berufstätig oder selbständig ist.

Leben in gewohnter Umgebung:
Viele ältere Menschen wollen auch im Alter in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, sagte Jolanthe Reis. Das Vertraute um sich herum zu haben, gebe Sicherheit, und hier haben die Menschen auch ihr soziales Netzwerk. Kommen die Menschen in ihrer vertrauten Umgebung nicht mehr alleine zurecht, gibt es dafür eine Vielzahl an Hilfsangeboten, die es erlauben, trotzdem noch in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben. Damit das "Zuhause alt werden" gelingt, müsse frühzeitig an eine Wohnraumanpassung gedacht werden, empfahl Reis, dazu gehöre auch die Finanzierung eines Bad-Umbaus. Bezüglich des Pflegebedarfs müsse geschaut werden, welche Aufgaben Angehörige übernehmen können. Wichtig ist auch, dass die Betreuungsbedürftigen regelmäßig besucht werden.

Aufgaben verteilen:
Reis empfahl, die anfallenden Pflege- und Betreuungsaufgaben auf mehrere Personen zu verteilen, und den Betreuungsbedürftigen in gemeinsame Aktivitäten einbinden, damit dieser nicht so allein ist. "Pflegende Angehörige sind ganz wertvoll", sagte Reis, denn bei drei Viertel aller Hilfebedürftigen übernehmen die Angehörigen die Pflege. Reis legte den Angehörigen nahe, sich beim Pflegestützpunkt beraten zu lassen über die vielen Hilfsangebote, die es gibt.

Offen mit Angehörigen reden:
Die Auffassung "pflegebedürftig sind andere, ich nicht" sei eine weit verbreitete Einstellung, sagte Wolfgang Ruf und forderte auf, sich rechtzeitig Gedanken über eine mögliche Pflegebedürftigkeit zu machen und Weichen zu stellen, solange man mitreden kann. Denn obwohl es zu Hause am schönsten sei, auf Dauer gehe das oft nicht. Ruf empfahl, offen mit der Partnerin/dem Partner über das Thema sprechen. Im Elztal gebe es kein Überangebot an Pflegeplätzen, eher zu wenig. Ambulant betreute Wohngemeinschaften seien auch gedacht für Menschen mit Pflegebedarf. Sie seien nicht billiger als Pflegeheime, dafür habe der Hilfsbedürftige aber mehr Selbständigkeit. Bei diesen Wohngemeinschaften mit je zwölf Einzelzimmern mit Bad kommt die Fachpflege von außerhalb, wie beispielsweise von der Sozialstation, der Alltagsbegleiter vom Stift St. Nikolai. Der Alltagsbegleiter hat eine 24-Stunden-Präsenz. Das Stift hat zwei ambulant betreute Wohngemeinschaften gegenüber dem Bahnhof Waldkirch, von denen eine voll belegt ist, die andere in Warteposition. Geplant ist auch eine Wohngemeinschaft in der neuen Ortsmitte Buchholz. Der Eigenanteil, den der Bewohner unabhängig von seinem Pflegegrad in einer Wohngemeinschaft oder vollstationär aufbringen muss, sind 2500 Euro pro Monat, gab Ruf auf Nachfrage bekannt.