Altenpflege

Pflegemanagerin wirbt für Pflege als "unglaublich erfüllenden Beruf"

Mario Schöneberg

Von Mario Schöneberg

Do, 30. Juni 2022 um 19:15 Uhr

Bötzingen

Waltraud Höfflin geht, die als Pflegemanagerin der Kirchlichen Sozialstation nördlicher Breisgau, geht in den Ruhestand. Im BZ-Interview spricht sie über die Bedeutung insbesondere der Altenpflege.

Mehr als 30 Jahre prägte Waltraud Höfflin die Geschicke der Kirchlichen Sozialstation Nördlicher Breisgau wesentlich mit. Nun geht die Co-Vorständin in den Ruhestand. Am Sonntag, 3. Juli, wird sie in einem ökumenischen Festgottesdienst feierlich von ihren Aufgaben entbunden. Mario Schöneberg sprach mit der gelernten Krankenschwester über die spannenden und herausfordernden Jahre und ihre noch immer bestehende Liebe zum Pflegeberuf. Ihr Nachfolger steht auch schon fest: Christoph Kaspar tritt am 1. Juli sein Amt an.

BZ: Frau Höfflin, auch so kurz vor dem Ruhestand sind sie noch immer bis abends im Büro, sind sie im Stress?
Höfflin: Nein, das Wort Stress habe ich mir schon vor Jahren selbst verboten. Ich habe hier als Co-Vorstand der Sozialstation einen Arbeitsplatz mit hohen Anforderungen, und ich bin als Pflegemanagerin auch Vorbild für die Mitarbeiterinnen. Die Frage ist, wie kann man die Arbeit gut und strukturiert bewältigen. Für mich ist und war die Arbeit hier stets eine sinnstiftende Tätigkeit, eine innere Berufung, um die Führungs- und Steuerungsaufgaben der Sozialstation beständig umzusetzen. Allen Herausforderungen bin ich mit dem klaren Ziel begegnet, die Sozialstation pflegepolitisch und fachlich voranzubringen. Angebote zur Stärkung der häuslichen Pflege wurden in mehreren Projekten erfolgreich realisiert. Die Sozialstation hat sich zu einem Kompetenzzentrum entwickelt, bei dem die organisatorische Bündelung von Fachwissen, Verantwortlichkeiten und Befugnissen gemeinsam mit einem erfolgreichen Führungsstab für neun Abteilungen erreicht werden konnte.

I

BZ: Die Sozialstation ist in Ihrer Amtszeit erheblich gewachsen, wie wichtig ist da eine innere Struktur?
Höfflin: Wir haben hier im Team eine gute innere Struktur, um in unseren Reihen Talente zu erkennen. In der Karriereplanung der Mitarbeitenden achten wir konsequent auf die persönliche berufliche Entwicklung und gleichen diese mit ihren persönlichen Lebenszielen ab. So konnten wir uns bisher schon aus der Einrichtung heraus an unsere stetig gewachsene Größe anpassen. Als ich hier angefangen habe, hatten wir 25 Mitarbeiterinnen, heute sind es 240. Natürlich muss sich so eine Einrichtung, auch wenn der Begriff eher behäbig klingt, auch rechnen. Wir haben hier aber stets in neue Entwicklungen investiert, daher sehe ich die Sozialstation eher als modernes Unternehmen. Wir unternehmen ja etwas, aber das Schöne ist, immer in Verbindung mit der Kirche und dem Dienst am Menschen. Damit diese, so lange wie möglich, zu Hause bei ihren Freunden und der Familie leben können.

BZ:
Haben diese Besonderheiten in Zeiten der Pandemie geholfen?
Höfflin: Ich frage mich oft, haben wir die Pandemie schon hinter uns, sind wir noch mittendrin oder kommt die nächste große Welle? Durch fortlaufende Hygieneregeln haben wir die Mitarbeitenden in dieser herausfordernden Zeit sicher begleitet, auch indem ich jederzeit erreichbar war, um alle Fragen rund um die Pandemie mit den Mitarbeitenden persönlich zu klären und um ihnen beizustehen. Diese Gespräche wurden ruhig und besonnen sowie stets wertschätzend geführt, immer mit dem Ziel, in unserm systemrelevanten Beruf die Patienten und deren Angehörigen zu Hause gut zu begleiten.

BZ: Wie sind sie selbst in den Pflegeberuf gekommen?
Höfflin: Ich hatte in den Ferien in der Uniklinik gejobbt und später eine Ausbildung zur Krankenschwester im Emmendinger Kreiskrankenhaus gemacht. Wir waren damals der erste Kurs, der neu ausgebildet wurde. Wir starteten in den Beruf mit einer starken Selbstachtung, verbunden mit der öffentlichen Anerkennung für den Pflegeberuf. Das ist bis heute die Grundlage für mein Handeln. Es ist so ein unglaublich erfüllender Beruf, das gibt mir Ruhe, Demut und Freude. Die Pflegeberufe haben eine umfassende Bedeutung in unserer Gesellschaft: Wir besitzen viel Wissen und Erfahrung und können mit Menschen kommunizieren. Ganz wichtig ist aber auch Empathie und Engagement.

"Es braucht motivierte und qualifizierte Fachkräfte"

BZ: Hat die Pflege Zukunft?
Höfflin: Die Lage der Pflege verschärft sich zunehmend. Es bedarf neuer Ansätze, um einer alternden Gesellschaft ein Älterwerden in Würde zu ermöglichen. Hierfür braucht es motivierte und qualifizierte Fachkräfte. Aber der Fachkräftemangel ist auch bei uns angekommen. Wir als Sozialstation sind auch Ausbildungsbetrieb und setzten die zeitgemäße generalistische Pflegeausbildung mit dem neuen Berufsbild Pflegefachkraft seit einem Jahr in unserer Einrichtung um. Mit den in der konzertierten Aktion Pflege beschriebenen Zielen soll es gelingen, die Attraktivität der Pflegeberufe zu erhöhen und somit die pflegerische Versorgung auch für die Zukunft zu sichern. Auch die stetige Weiterbildung ist für uns ganz wesentlich. Und dann müssen wir fragen: Wie gelingt es, den Beruf attraktiver zu machen? Unsere Mitarbeiterinnen sind ja 365 Tage im Jahr von morgens 6.30 Uhr bis abends um 23 Uhr unterwegs. Auch das muss mit einer Familie und privaten Interessen vereinbar sein.
Waltraud Höfflin, 1958 in Eichstetten geboren, ist verheiratet, Mutter und Großmutter. Nach der Ausbildung zur Krankenschwester arbeitete sie in Teilzeit in der Altenpflege und kam 1990 zur Bötzinger Kirchlichen Sozialstation. 1993 wurde sie Pflegedienstleiterin und bildete sich zwischen 1998 und 2000 in Führung und Pflegemanagement fort. 2011 wurde sie zur Co-Vorständin der Sozialstation mit Zuständigkeit fürs Pflegemanagement berufen. Die Sozialstation wird von 14 evangelischen und kirchlichen Gemeinden aus sieben Kommunen getragen.