Bundesweiter Vorreiter

Physiotherapieschule Bad Säckingen wächst weiter

Hans Christof Wagner

Von Hans Christof Wagner

Sa, 11. Mai 2019 um 22:10 Uhr

Bad Säckingen

Der Sonntag Einst aus der Not geboren, hat heute an der Physiotherapie- und Ergotherapieschule die Akademisierung Einzug gehalten. Günther Nufer, Altbürgermeister und Geschäftsführer, hat noch mehr Pläne.

Ende der 70er Jahre: Säckingen war Heilbad geworden und die rasch aus dem Boden schießenden Kureinrichtungen suchten händeringend Fachpersonal – Masseure und Krankengymnasten. Nur woher nehmen? Nufer: "Keiner kannte Säckingen und keiner wollte sich dort niederlassen. Wir schalteten seinerzeit sogar Stellenanzeigen im Ausland, in Holland und Dänemark. Aber die Resonanz war gering."

Also kamen er und seine Mitstreiter auf die Idee, die Ausbildung in die eigenen Hände zu nehmen – die Schule, zunächst nur für Massage, ging an den Start. Eine adäquate Ausbildung in der "Provinz" wollte sie anbieten, verhindern, dass junge Leute die Hochrhein-Region Richtung Freiburg oder in noch weiter entferntere Großstädte verlassen. Denn Nufers Erfahrung nach gilt: Wer einmal weg ist, kommt nicht wieder.

Auch heute noch kommt das Gros der Schüler aus der Region. Obwohl man heute eher sagen muss: der Studierenden. Denn die allermeisten schreiben sich dort inzwischen für den siebensemestrigen Bachelor-Studiengang ein, den die Schule in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) seit Herbst 2018 anbietet. 44 Studierende sind es noch, die ihren Abschluss im Rahmen der schon seit 2013/14 bestehenden Kooperation mit der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) Lörrach ablegen.

Diese läuft aus, weil Nufer das Konzept der privaten, 2000 gegründeten und staatlich anerkannten FHM mit Sitz in Bielefeld besser gefällt. "Und sie ist mit Waldshut in der Region auch schon präsent", sagt er. Hinzu kam, dass bei der Zusammenarbeit mit Lörrach die Studierenden an der Bad Säckinger Schule wie Arbeitnehmer behandelt wurden – mit entsprechend hohem Verwaltungsaufwand.

Im neuen Konzept sind bis zu acht Ausbildungsstätten in Deutschland und der Schweiz eingebunden; traditionell ist die Ausbildung in Bad Säckingen – auch beim klassischen Physiotherapeuten, für den die Mittlere Reife genügt – eng mit dem Nachbarland verbunden. Von den 890 Absolventen (Stand Ende 2018) stammt rund ein Viertel aus der Schweiz. Und: Für das FHM-Studium genügt bei eidgenössischen Bewerbern die Berufsmatura. "Bei der DHBW war das nicht möglich", so Nufer.

Was haben die Bachelor-Absolventen den "normalen" Physios voraus? Sie kommen in den Genuss einer Lehre, die dank digitaler Technik reichhaltig wie nie sein kann. Die Expertise der dort tätigen Dozenten und Professoren gelangt via interaktive Bildschirme und hyperschnelle Datenleitungen an den Hochrhein, ohne dass diese physisch dort sein müssten. Ohne dass junge Leute in die Unistädte ziehen müssten, ohne hohe Kosten für eine Wohnung oder ein WG-Zimmer dort. Dafür wurde zum Schulgebäude eigens ein Glasfaserkabel verlegt.

"Der Bachelor ist in Bad Säckingen schon die Regel, bundesweit sind es aber noch weniger als fünf Prozent, die auf diesem Weg in den Physiotherapie-Beruf kommen", berichtet Nufer. Auf die Vorreiterrolle seiner Einrichtung ist er stolz, sieht diese damit in guter internationaler Gesellschaft. Und ist überzeugt: "Auch bei den Krankenschwestern und -pflegern wird das die Zukunft sein."

"Sie werden begehrte Absolventen sein", hat Walter Niemeier, Dekan Fachbereich Personal/Gesundheit/Soziales an der FHM, dem ersten Jahrgang bei der Immatrikulationsfeier im Oktober 2018 versprochen. Stimmt wohl. Nur: "In unserer Branche muss mehr bezahlt werden", findet Nufer. Einstiegsgehälter von 2300 Euro seien zu gering, "für das, was man in dem Beruf leisten muss". Schon jetzt wolle kaum noch jemand Masseur werden, so sehr geht der Job in die Knochen. Die Bad Säckinger Massageschule zählt aktuell gerade mal noch vier Schüler. Nufer geht nicht davon aus, dass unter den gegebenen Strukturen der Fachkräftemangel in der Gesundheitsbranche behoben werden kann: "Da gibt es einen Riesenbedarf. Zehntausende in der Physio- und Ergotherapie fehlen." Die im April 2017 neugegründete Schule für Ergotherapie in Bad Säckingen und die noch jüngere für Podologie werden in den Erweiterungsbau kommen, der für fast zwei Millionen Euro auf dem Schulareal entsteht. Nufer plant und baut ihn ganz alleine, ohne Architekten. Das wird auch für das Wohnheim gelten, dem nächsten großen Projekt der Physiotherapieschule Bad Säckingen.