Lockruf des Geldes

Private-Equity-Fonds kaufen sich in die Gesundheitsversorgung ein

Norbert Wallet

Von Norbert Wallet

Do, 14. März 2019 um 09:05 Uhr

Wirtschaft

Glänzende Broschüren, schöne Bilder, viele Statistiken, die Botschaft ist dabei in wechselnden Formulierungen stets dieselbe: Die Gesundheitsbranche verspricht hohe Renditen.

"Europäisches Gesundheitswesen – eine goldene Gelegenheit für Private Equity", so formulierten das die Berater von McKinsey im Juni 2017. Private Equity (PE) steht für private Kapitalsammelstellen: Dahinter stecken große internationale Beteiligungsfonds, die mit dem Geld der Anleger Firmenbeteiligungen erwerben und "höhere Renditen als in den meisten anderen Industrien" versprechen. Das klingt offenbar sehr überzeugend. Die Private-Equity-Fonds jedenfalls sind bekannt dafür, schnell zu reagieren. Auch in Deutschland rollt die Welle. Private Investoren steigen in den deutschen Gesundheitsmarkt ein, übernehmen Kliniken, Pflegeheime und verstärkt auch Arztpraxen, um sie in medizinische Versorgungszentren umzuwandeln (MVZ).

Welche Ausmaße dies inzwischen angenommen hat, ist nicht leicht zu ermitteln. Wenn die Kassenärztlichen Vereinigungen die Gründungsanträge prüfen, können sie aus den Unterlagen nicht ersehen, welche Konzerne oder Geldgeber hinter den Gesellschaftern der MVZ stehen. Wer Näheres erfahren möchte, stößt auf zwei Namen: den des Fachautors Rainer Bobsin, der im Auftrag der Gewerkschaft Verdi die Entwicklung beobachtet; und auf Christoph Scheuplein vom Institut für Arbeit und Technik in Gelsenkirchen. Beide haben vor kurzem unabhängig voneinander aktuelle Zahlen vorgelegt. Bobsin kommt in seiner Zählung auf 486 MVZ in Besitz von Private-Equity-Kapital, 92 davon sind zahnärztliche MVZ. Allein 2018 zählt Bobsin 60 neu erworbene MVZ, im Jahr davor waren es 43. Zwischen 2014 und 2016 waren es zusammen nur 26. Scheuplein berichtet, dass 50 MVZ oder Arztpraxen mit 4100 Beschäftigten in den vergangenen fünf Jahren von PE-Gesellschaften übernommen worden sind. Anders als Bobsin rechnet er aber nicht jeden einzelnen Standort einer Trägergesellschaft ein und berücksichtigt die medizinischen Labors nicht. Dazu kommen 27 Krankenhäuser mit fast 25 000 Beschäftigten und 48 Pflegeeinrichtungen mit 37 000 Beschäftigten.

Die Dynamik ist beträchtlich. Scheuplein gibt an, dass in den Jahren 2014 bis 2016 der Gesundheitssektor nur einen Anteil von drei Prozent aller PE-Übernahmen in Deutschland ausmachte. 2017 lag er schon bei 15 Prozent aller Übernahmen durch Fremdinvestoren. Besonders aktiv im deutschen Gesundheitswesen seien die Fonds Carlyle (USA), Nordic Capital (Schweden) und Waterland Private Equity aus den Niederlanden.

Neue Regelung für den

zahnärztlichen Sektor

In der Ärzteschaft, vor allem bei ihren Standesvertretern, überwiegt die Skepsis gegenüber dem Trend. Rudolf Henke ist CDU-Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund. Ihm geht es "um den Ausschluss kapitalgesteuerter Interessen an Leistungen". Er befürchtet einen "Einfluss von Umsatz- und Renditegesichtspunkten auf Therapie-Entscheidungen". Im Klartext: Es gibt die Sorge, dass teure Therapien und Eingriffe den billigeren Therapien vorgezogen werden, weil mit letzteren kein Geld zu machen ist. Auch der Chef der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, sagte der BZ, die ärztliche Unabhängigkeit könne bedroht sein, "wenn ganze Wertschöpfungsketten von der Trägerfirma bis zu den Herstellern von Geräten und den MVZ in einer Hand sind". Johannes Fechner, Vize der Kassenärztlichen Vereinigung in Baden-Württemberg, findet, "dass mit dem Geld der Versicherten keine Aktionäre bedient werden sollten".

Doch es gibt auch die andere Seite: Gerade jungen Ärztinnen, so wird argumentiert, könne der Trend zum angestellten Status in einem MVZ lieber sein als die selbstständige Niederlassung mit größeren finanziellen Vorleistungen und weniger Zeitsouveränität. Und auch bei den Kassen gibt es nicht nur kritische Töne. "Warum sollte ein Kapitalgeber nach dem Kauf das Geld schöpfen und danach die Quelle des Geldschöpfens fallen lassen?", fragt Franz Knieps, Vorstand des BKK-Dachverbandes in der Ärzte-Zeitung. Oliver Klöck von der Kanzlei Taylor und Wessing, die in den vergangenen fünf Jahren rund 80 Arztpraxen in MVZ umgewandelt hat, sagt, die PE-Gesellschaften unterlägen strengsten Auflagen. Seine Mandanten seien keine Renditejäger, die auf 25-Prozent-Margen hofften: "Die setzen auf stabile und sichere Renditen."

Inzwischen haben Fachpolitiker von Union und SPD sich auf eine Regelung, verständigt, die allerdings nur für den zahnmedizinischen Sektor gilt. Demnach soll die Möglichkeit der MVZ-Trägerschaft an den zahnärztlichen Versorgungsgrad geknüpft werden. Je höher dieser ist, desto weniger MVZ-Gründungen sind möglich. Die Koalition erhofft sich dadurch, dass die privaten Investoren keine "Rosinenpickerei" in für sie lukrativen städtischen Bereichen betreiben können.