Leute in der Stadt

Radmila Abramov leitet in Tel Aviv das Büro für internationale Beziehungen mit Partnerstädten

Julia Littmann

Von Julia Littmann

Sa, 24. August 2019

Freiburg

LEUTE IN DER STADT: Radmila Abramov leitet in Tel Aviv das Büro für internationale Beziehungen mit Partnerstädten.

FREIBURG. Die erste Delegation, die Radmila Abramov in Tel Aviv vor acht Jahren als Leiterin des Büros für internationale Beziehungen begrüßen durfte, war eine Lehrerdelegation aus Freiburg. Viele Jahre davor war Radmila Abramov auf einer Reise kurz in Freiburg gewesen – und konnte sich zumindest an die Bächle erinnern und an den Schwarzwald. "Viele grüne Bäume auf Bergen", sagt die 37-Jährige, "das gefällt uns Israelis sehr." Nun konnte sie all dieses drei Wochen lang genießen: Am Goethe-Institut machte sie einen Deutschkurs. Auf hohem Niveau.

Deutsch kann Radmila Abramov seit ihrem Studium in Jerusalem: Für das Fach "european studies" wählte sie einst Deutsch als zusätzliche Fremdsprache und studierte im Masterstudiengang auch ein Jahr lang in Zürich. Nun konnte sie von einer Kooperation profitieren, die das Goethe-Institut mit der Stadt Freiburg hat: Menschen, die in städtepartnerschaftlichen Verbindungen Funktionen ausfüllen, können hier an Deutschkursen teilnehmen.

Vielsprachig ist Radmila Abramov ohnehin. Im Nordkaukasus im russischen Pjatigorsk geboren und aufgewachsen, war sie von klein auf von Menschen aus etlichen Kulturen umgeben. Zu ihrer Bat Mitzwa führte ihre Mutter sie nicht nur in die Synagoge, sondern auch in eine Kirche und in eine Moschee und zeigte ihr damit ganz selbstverständlich eine Offenheit gegenüber allen Religionen und Kulturen. "Die jüdische Identität ist mir sehr wichtig, aber diese große Offenheit prägt mein ganzes Leben", erklärt sie. Und zu jeder Zeit habe sie in ihrer Familie und in ihrer Umgebung Internationalität genossen. So auch jetzt: Im Deutschkurs sind Menschen von überallher, auch im Gästehaus, in dem sie sich freut, auch mit einer Kursteilnehmerin aus Damaskus und einer Kursteilnehmerin aus Isfahan sehr unkompliziert Kontakt zu haben.

"Im kommunalen Kontext ist Völkerverständigung am besten zu verwirklichen", so die Erfahrung der Tel Aviverin, "da spielt alles auf einer sehr direkten Ebene und es geht nicht um die große Politik." Ganz in diesem Sinne schätzt sie auch, dass Freiburg beide Partnerschaften pflege: die zu Tel Aviv und die zu Isfahan. Im Tel Aviver Rathaus ist Radmila Abramov für die deutschen und die osteuropäischen Städtepartnerschaften zuständig. Allein sechs deutsche Städte sind da zu betreuen: Berlin, Köln, Bonn, Essen, Frankfurt und Freiburg. Dazu kommen Hamburg und München, mit denen sehr enge Beziehungen gepflegt werden. Aber auch Wien, Budapest, Moskau und St. Petersburg gehören in ihre Zuständigkeit und ein halbes Dutzend andere Städte. Insgesamt sind es mehr als 30 Partnerstädte auf der ganzen Welt, mit denen Tel Aviv verbunden ist.

1996 ist Radmila Abramov mit ihrer Familie nach Israel eingewandert – und war in ihrem Studium dann viel unterwegs. Eigentlich sollte Tel Aviv nur eine kurze Etappe zum Auftakt ihrer Berufstätigkeit sein – aber Radmila Abramov blieb. Warum? Sie lacht: "Ich bin ganz verliebt in diese lebhafte Stadt!" Und ihre Arbeit, fügt sie hinzu, bringe jeden Tag Neues. Neues bringt auch sie nun mit von ihrer "halb privaten" Freiburg-Zeit. Zum Beispiel die Anregung fürs Frauen-Nachttaxi. Was sich seit ihren ersten Besuchen in Deutschland geändert hat? Die Reaktion sei verhaltener, wenn sie die Frage nach ihrem Woher beantworte. Umso mehr habe ihr gefallen, dass ihr Kursleiter alle Teilnehmer zum Vorstellen einzelner Plätze verpflichtet habe: So musste eine Gruppe den Platz der Alten Synagoge vorstellen – und jüdische Geschichte und Gegenwart wurde zum Thema. Sie selber hatte sich fürs Rathaus entschieden, von dem so viele Impulse ausgehen, die sie schätzt. Als sehr besonders allerdings erlebt sie nicht das Offizielle: "Was mich hier am meisten beeindruckt, ist das bürgerschaftliche Engagement!"