Berufsleben

Büro-Tratsch ist wichtig – als sozialer Klebstoff und Unmut-Ventil

Katharina Redanz

Von Katharina Redanz (dpa)

Di, 30. Juni 2020 um 13:06 Uhr

Beruf & Karriere

Weil immer noch viele Kollegen im Homeoffice arbeiten, fallen Klatsch und Tratsch im Büro weitgehend aus. Das hat Folgen fürs Miteinander. Braucht es nach der Krise ein neues Teambuilding?

Der neueste Tratsch über Chefs und Kollegen wird oft an der Kaffeemaschine ausgetauscht – und das ist gut für den Zusammenhalt im Team, sagen Wissenschaftler. Aktuell ist dies in zahlreichen Unternehmen kaum möglich, weil viele noch immer zu Hause arbeiten. Doch auch das Homeoffice offenbart den Kollegen Privates und kann verbinden.
"Er ist ein informelles Forum, um Dampf abzulassen und Dinge loszuwerden, die offiziell nicht sagbar sind." Brigitte Weingart
Kollege Meier sieht wieder aus, als habe er die halbe Nacht nicht geschlafen, und dass Kollegin Schmitz befördert worden ist, ist ja wohl wirklich ein Ding: Solch typischer Klatsch und Tratsch in der Kaffeeküche oder vor dem Meeting gehört zum Sozialleben eines jeden Unternehmens. Der klassische Flurfunk sei wichtig für den Zusammenhalt in der Belegschaft, sagt die Medienwissenschaftlerin Brigitte Weingart von der Berliner Universität der Künste: "Er ist ein informelles Forum, um Dampf abzulassen und Dinge loszuwerden, die offiziell nicht sagbar sind." Das Bedürfnis nach Klatsch sei dem Menschen angeboren, meint der Arbeitspsychologe Michael Kastner vom Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke. Dies liege daran, dass für uns Menschen andere Menschen immer am interessantesten sind und "wir aus Erfahrungen und Schicksalen von anderen auch persönlich etwas ziehen können".

In Abgrenzung zu informellem Geplauder über dies und das erklärt Weingart, die sich in ihrer Forschung mit Klatsch und Gerüchten auseinandersetzt: "Zum Klatsch gehören immer mindestens drei – zwei, die tratschen, und eine dritte Person, über die geredet wird." Durch den Tratsch würden – sofern er nicht zu sozialer Ausgrenzung führt – wichtige Funktionen erfüllt. Zum einen setze das Indiskretwerden Vertrauen zum Gesprächspartner voraus, und gleichzeitig werde Vertrauen zwischen den Tratschenden hergestellt. Solange es nicht in Mobbing ausarte, sei eine Arbeitsstätte ohne informelle Informationsweitergabe nicht vorstellbar und auch nicht wünschenswert, sagt auch Tim Hagemann, Arbeitspsychologe von der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld.

Das zufällige Zusammenkommen fällt nun oftmals aus

Medienwissenschaftlerin Weingart kann auch die Beobachtung erklären, dass Klatsch und Tratsch traditionell häufig Frauen zugeschrieben wird: "Das hat damit zu tun, dass Frauen lange in Rollen waren, in denen sie weniger Macht hatten." Denn eine der wichtigsten Funktionen des Klatsches sei der Hierarchieausgleich – "sozusagen die Waffe der Unterlegenen, denen offizielle Machtpositionen verwehrt sind", so Weingart. Und dies sei sehr wichtig für den sozialen Frieden im Büro – nicht, um Chefs aus den Sesseln zu heben, aber als Ventil, um Unmut über die Vorgesetzten abzulassen.

Doch in der Corona-Pandemie fällt das zufällige Zusammenkommen nun oftmals aus, die Kollegen kommen nicht mehr wie früher zum Quatschen – und alles lasse sich mit E-Mails oder Chatprogrammen nicht kompensieren, sagt Weingart. "Ich glaube, dass Leute Sorge haben, hier Gespräche wie in der Kaffeeküche zu führen, weil sie Angst haben, dass jemand mitliest", meint auch Arbeitspsychologe Hagemann. Am ehesten funktioniere noch das Telefon. Michael Kastner vermutet, dass nun häufiger als sonst zum Hörer gegriffen werde, um mit Kollegen zu plaudern, weil man dazu neige, allein am Schreibtisch zu vereinsamen. "Man hat mehr gezielte Kontakte als im Büro und es wird auch gezielter getratscht."

Braucht es nach der Krise ein neues Teambuilding?

Generell verändere sich das Kommunikationsverhalten durch das Homeoffice. Fast komplett falle in der aktuellen Situation die non-verbale Kommunikation weg – dabei sei es für Menschen wichtig, sich gegenseitig zu erleben und zu riechen, erklärt Kastner. Er geht davon aus, dass das dauernde Zu-Hause-Arbeiten in der Corona-Krise langfristige Folgen haben wird. "Psychische Beeinträchtigungen werden nach Corona nach oben gehen." Auch das Miteinander unter Kollegen wird Kastner zufolge anders sein, mehr Teambuilding-Maßnahmen würden notwendig werden.

Tim Hagemann sagt, dies sei vor allem eine Frage der Zeit. Wenn das Arbeiten im Homeoffice noch zwei, drei Jahre so weitergehe, seien sicherlich vermehrte Bemühungen nötig. Der fehlende informelle Austausch in dieser außergewöhnlichen Situation lasse sich nicht auffangen. Er ruft dazu auf, Leute bewusst dazu anzurufen. "Man braucht das und sollte es ganz bewusst machen und quatschen. Man braucht Vertrauen, wenn man im Team arbeitet."

Neben all dem wegfallenden Austausch hat das Arbeiten im Homeoffice aber auch eine privatere Komponente, sagt Brigitte Weingart: "In vielen Videokonferenzen laufen zum Beispiel Kinder oder Katzen ins Bild oder man sieht, wie der Kollege so wohnt." Sowas bekomme man im normalen Büro-Leben nicht mit. Das kompensiere den wegfallenden Flurfunk ein bisschen. Und zu guter Letzt: Weil die Situation für alle neu sei, schweiße sie zusammen. "Insofern wirkt Corona gemeinschaftsbildend."

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