"Auf Wiedersehen – das Wetter"

Christoph Driessen

Von Christoph Driessen (dpa)

Do, 16. Mai 2019

Computer & Medien

"Mister Bonn" lebt jetzt wieder in Bonn: Der ARD-Journalist Friedrich Nowottny wird 90.

Friedrich Nowottny muss erstmal sein Tablet vom Tisch räumen. Darunter liegen Tageszeitungen. Der ehemalige Fernsehjournalist mag am heutigen Donnerstag seinen 90. Geburtstag feiern, aber er ist über das aktuelle Geschehen immer noch voll auf dem Laufenden.

Nowottny war in den 1970er und in der ersten Hälfte der 80er Jahre der Leiter des ARD-Hauptstadtstudios. Das hieß damals nur noch nicht so, denn die Bundesrepublik besaß lediglich eine provisorische Hauptstadt, und dort hielt man sich etwas auf seine Bescheidenheit zugute. "Wenn wir mal eine Exklusiv-Meldung hatten, dann wurde in der ,Tagesschau‘ nur gesagt: ,Wie unser Bonner Büro meldet...‘ Büro, noch nicht mal Studio!"

Während er das sagt, schmunzelt er genauso wie damals als "Bericht aus Bonn"-Moderator. Er pflegte die Sendung mit einer leicht ironischen oder zumindest hintergründigen Bemerkung abzuschließen, gefolgt von den Worten: "Auf Wiedersehen – das Wetter!" Der Fernsehzuschauer ging dann mit der Gewissheit ins Bett, die Bundespolitik wieder einmal völlig durchblickt zu haben. "Mister Bonn" nannte man ihn damals. Und in Bonn wohnt er auch heute noch – oder wieder: Ihr kleines Reihenhaus in Swisttal haben seine Frau und er vor einem Jahr aufgegeben, weil sie den Garten nicht mehr bewältigen konnten. Jetzt leben sie in einer Wohnung mit Aufzug in der Bonner Südstadt. Während des Gesprächs ruft seine Frau an und erkundigt sich, ob er die Einkäufe erledigt habe. Ja, hat er alles gemacht: "Was sie wollte, ist geschehen."

Nowottny hat sich gut gehalten. "Ich bin ganz gut drauf", ist seine Bilanz kurz vor dem Neunzigsten. Jeden Tag steht er um sieben Uhr morgens auf und geht erst gegen Mitternacht ins Bett. Ganz in der Nähe wohnt übrigens ein anderer Dinosaurier der Bonner Republik, Helmut Kohls Arbeitsminister Norbert Blüm. Den habe er noch nie besucht, müsse das aber unbedingt mal tun, sagt Nowottny. Im Raum stehe immer noch eine "Kriegserklärung", die Blüm ihm vor vielen Jahren mal telefonisch übermittelt habe – aus Ärger über einen kritischen WDR-Bericht. Das war in der Zeit, als Nowottny Intendant des größten ARD-Senders war, von 1985 bis 1995. Ein Angebot von Kanzler Helmut Kohl, bei ihm Regierungssprecher und Staatssekretär zu werden, hatte er ausgeschlagen.

Viele ältere Menschen reden gern und viel von früher – nicht so Nowottny. Er scheint ganz in der Gegenwart zu leben. Noch immer nimmt er im Gespräch ganz selbstverständlich die aktuelle Politik durch ("Das ist eine sehr spannende Zeit gerade"), macht zwischendurch einen Schlenker zur Bundesliga ("Was sagen Sie zu Schalke?"), erörtert die schwierige Lage der Medien ("Ich staune immer, was die Kollegen von den Zeitungen noch alles hinbekommen") und erzählt von den Enkeln. Der Älteste liebäugelte damit, Journalist zu werden. "Ich habe ihm gesagt: Lern’ erstmal einen Butter-und-Brot-Beruf!"