Interview

Was kann man gegen Schlafstörungen unternehmen?

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Di, 15. Oktober 2019 um 21:55 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Wer sich nachts unfreiwillig schlaflos in den Laken wälzt, sollte den Blick auf die Uhr unbedingt vermeiden, sagt Dieter Riemann, Schlafforscher vom Universitätsklinikum Freiburg.

BZ: Herr Riemann, stimmt der Eindruck, dass immer mehr Menschen an Schlafstörungen leiden?
Riemann: Das ist schwer zu sagen, denn gute Statistiken dazu gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Auf jeden Fall kann man sagen, dass wir der Schlaflosigkeit, oft auch als Insomnie bekannt, zunehmend mehr Aufmerksamkeit widmen. Wichtig ist: Schlaflosigkeit betrifft jeden einmal, das ist ein normales Alltagsphänomen, für das es meist einen Grund gibt. Stress, Ärger oder nicht abschalten können. Die Schlaflosigkeit bekommt dann Krankheitswert, wenn sie chronisch wird.
BZ: Ab wann genau ist das der Fall?
Riemann: Grob kann man sagen, wenn Ein- und Durchschlafstörungen über etwa drei Monate anhalten und der Betroffene davon tagsüber beeinträchtigt wird, er also müde, nervös oder ängstlich ist, weil ihm Schlaf fehlt. Wobei man hier mit den Begriffen aufpassen muss: Schlaflosigkeit klingt nach null Schlaf, doch die Fälle, in denen jemand gar nicht schläft, sind extrem selten. Wenn wir jetzt von Schlaflosigkeit reden, meinen wir Ein- und Durchschlafstörungen.
BZ: Wie lange dauert es denn normalerweise, bis man einschläft?
Riemann: Das hängt vom Alter ab. Als Richtgröße würde ich sagen, wenn Menschen zwischen 20 und 65 Jahren länger als eine halbe Stunde zum Einschlafen brauchen oder nachts länger als eine halbe Stunde wach liegen, können wir das als Schlafstörung werten. Interessant ist, dass es da eine notorische Unschärfe gibt: Subjektiv empfindet der Betroffene die Zeit, in der er nicht einschlafen kann oder wach liegt, oft als länger als wir es im Schlaflabor messen. Es ist auch okay, wenn man morgens erst noch ein paar Minuten dösig ist, niemand steht auf und sagt: Endlich, der Wecker hat geklingelt. Nach einer gewissen Zeit aber sind wir fit, während Insomnie-Patienten meist müde und erschöpft bleiben.

BZ: Wie sieht es aus mit Schlafmitteln, die müssten doch helfen?
Riemann: Da war ja lange Alkohol gesellschaftlich akzeptiert oder Opium. Beides wirkt auch hammermäßig gut als Einschlafhilfe, aber das Durchschlafen wird gestört. Außerdem haben Sie dann einen Hangover und werden vermutlich abhängig. Vor 50, 60 Jahren hat man die Benzodiazepine eingeführt, das sind Valiumabkömmlinge. Inzwischen weiß man, dass die ebenfalls abhängig machen, da wird also die Therapie zur Krankheit. Derzeit gibt es keine guten Schlafmittel, auch wenn alle fünf Jahre ein neuer Wirkstoff als Wundermittel gefeiert wird. Es herrscht weltweit folgender Konsens: Chronische schwere Schlafstörungen lassen sich mit einer spezifischen kognitiven Verhaltenstherapie behandeln. Dazu gehört, die Betroffenen über Schlaf und Schlafhygiene aufzuklären. In leichteren Fällen hilft es oft schon, einige Regeln der Schlafhygiene zu beachten. Die Wichtigste: Nachts nicht auf die Uhr schauen. Das erzeugt Stress, die fortschreitende Zeit signalisiert: Du schaffst es nicht. Das erhält die Schlafstörung erst recht aufrecht.

Dieter Riemann, Jahrgang 1958, leitet das Schlaflabor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Freiburg.