Fehler zugeben zu können, kommt an

Jürgen Schickinger

Von Jürgen Schickinger

Mo, 12. August 2019

Liebe & Familie

Was ist eine gute Ausrede? Und was eine faule? Die Freiburger Wissenschaftlerin Evelyn Ferstl weiß es /.

Zu spät, weil sich die Straßenbahn verfahren hat? Ausreden bemüht wohl jeder einmal. Neuerdings haben sie offenbar Hochkonjunktur: Jüngeren Untersuchungen zufolge erleichtern es digitale Mitteilungen, sich hinter Vorwänden zu verstecken. Das tun Menschen oft, statt Unlust, Faulheit oder Fehler zu gestehen. Als Ausrede ist eine Straßenbahn auf Abwegen originell, aber wenig überzeugend. Die Erstklässlerin, die sie erzählte, bekam eine Strafe. "Faule" Ausreden haben immer Nachteile. Dem Ansehen schaden sie allemal. Es lohnt, ein bisschen Mühe in gute Ausreden zu investieren. Doch die sind eine Kunst.

"Mit Ausreden versuchen wir, die Schuld für ein Fehlverhalten zumindest teilweise auf andere Personen oder Umstände abzuwälzen", sagt die Kognitionswissenschaftlerin Evelyn Ferstl von der Universität Freiburg. Menschen wollen negative Konsequenzen abwenden oder mildern. Weiter sollen Ausreden das Selbstbild und positive Image aufrechterhalten: Niemand räumt gerne Schwächen und Fehler ein – weder anderen noch sich selbst gegenüber. Im radikalsten Fall verleugnen wir, dass es überhaupt ein Fehlverhalten gab: Nein, nicht ich, sondern der Hund hat das letzte Stück Kuchen gegessen! Alternativ geben wir es zu, machen aber etwas anderes dafür (mit-)verantwortlich: Tut mir leid, mein Bus hatte eine Panne. Wäre das die Wahrheit, sprächen Fachleute von einer Rechtfertigung. Ausreden arbeiten mit Lügen. "Gut scheint zunächst einmal eine, die nicht auffliegt", bringt es Ferstl auf den Punkt: "Der Inhalt sollte schwer zu überprüfen sein, bestenfalls unwiderlegbar."

Angeblich ausgefallene Flüge und verspätete Züge eignen sich darum kaum. Auf Wetterkapriolen zu verweisen, wäre bei blauem Himmel unsinnig. Dagegen ziehen Kopfschmerzen, Bauchweh und Durchfall immer. "Perfekt", meint auch Ferstl. Nur sollten angeblich Geplagte nicht zeitgleich Baggersee- oder Partyfotos von sich im Internet posten. Das geschieht erstaunlich oft: Ungeschickte Ausreden haben schon Jobs gekostet, Abmahnungen und andere Sanktionen nach sich gezogen.

Üblicherweise mogeln sich Erwachsene jedoch ordentlich durch. Laut Studien bringen sie mehrheitlich "Naturgewalten" wie eben Brummen im Kopf, Grummeln im Bauch und Gewitter vor. Als Klassiker gelten auch Kleinkinder und Haustiere. Mutmaßlich verschleppen, verschlabbern oder fressen diese fortwährend Notizen, Terminkalender, Autoschlüssel, Bustickets und dergleichen.

Häufigkeit erhöht die Akzeptanz: Kann ja jedem passieren… Andererseits schwebt bei Abgedroschenem unausgesprochen ein "kann ja jeder sagen" im Raum. Doch Kreativität hat Tücken. Bis zu einem gewissen Punkt verblüffen und entwaffnen originelle Ausreden. Übliche Einwände laufen ins Leere. "Aber zu abstrus und abgefahren dürfen die Geschichten nicht sein", warnt Ferstl. 2003 überführten Kontrolleure den belgischen Radprofi Mario De Clercq des Dopings. Er, so De Clercq, sammle lediglich Erfahrungen für einen Dopingroman, an dem er arbeite. Bei US-Sprinter Justin Gatlin fiel 2006 mal wieder ein Test positiv aus. Der Leichtathlet behauptete, ein Masseur habe ihm das Mittel in den Po geknetet. Beide kamen mit ihren Märchen nicht durch.

Ferstl nennt noch ein Problem: Wer flunkert, muss seine Dichtung auf Fragen hin mit "Nachfolgelügen" weiterspinnen. Die sollten kommen, wie aus der Pistole geschossen. "Da darf man nicht erst lange überlegen", sagt die Professorin vom Zentrum für Kognitionswissenschaft, die etwa über "Pragmatische Aspekte des Sprachverstehens" forscht. Je gewagter der Stoff, desto eher verheddern sich Lügende in einem Netz aus Ungereimtheiten. Meist fällt ihr Konstrukt spätestens dann zusammen, wenn sie ihre Story beispielsweise zeitlich umgedreht erzählen sollen – was Verhörexperten gerne fordern. Oft verlangen sie von Verdächtigen auch, mehr Einzelheiten anzugeben. "Lügen enthalten in der Regel nur wenige Details", erklärt Ferstl, "Sprache kann sehr aufschlussreich sein." Sie rät noch davon ab, den vermeintlichen Wahrheitsgehalt übertrieben zu betonen: "Lügner verwenden vermehrt Ausdrücke wie ,tatsächlich’, ,ganz bestimmt’ oder ,niemals’."

Ein Paradebeispiel sei die Pressekonferenz, auf der Ex-US-Präsident Bill Clinton eine sexuelle Beziehung zu Monica Lewinsky abstritt. "Lügende neigen dazu, sprachlich von sich wegzuweisen", zählt die Psychologin ein weiteres Unterscheidungsmerkmal auf: Sie fabulieren vorwiegend in der zweiten und dritten Person, über "dich", "ihn" und "sie", "dein", "sein" und "ihr". In Ausreden, die echt klingen sollen, steckt viel Ich.

Den Inhalt zu beherrschen, sei höchstens die halbe Miete, betont Ferstl: "Auch Emotionalität und nichtverbale Kommunikation spielen wichtige Rollen!" Mit Ausreden demonstrieren Vortragende nämlich Zugehörigkeit: Ich teile die Werte der anderen Beteiligten und will die Beziehungen zu ihnen nicht gefährden. Da ist Einfühlsamkeit günstig. An der mangelt es, wenn jemand jede Verfehlung von sich weist. Ähnlich wecken uneinsichtige, trotzige Äußerungen wie "Das machen doch alle" keine Sympathie. Wer zuerst überdenkt, an wen sich Ausreden richten, kann diese Personen mit ins Boot holen – gemeinsamen Ärgernissen den schwarzen Peter zuschieben: Überall Straßenbaustellen! Dauernd Demonstrationen! Und die Bahn hat bekanntlich eh immer Verspätung…

Ebenso wichtig ist, wie schwer der Anlass wiegt. "Es bedeutet viel weniger Einsatz und Stress, fünf Minuten Verspätung vor Arbeitskollegen herunterzuspielen als Seitensprünge gegenüber Partnern", verdeutlicht es die Expertin für Kognitionswissenschaft und Genderforschung. Im ersten Fall nimmt ein lässiger, lustiger Spruch oft schon Spannung aus der Luft. Im zweiten würde er sie sicherlich verschärfen.

Per Blickkontakt sind Lügen leichter zu durchschauen
Derart grobe Verstöße sind die Geschäftsgrundlage von Unternehmen wie Alibi-Profi und Alibiagentur. Sie beschaffen gefälschte Hotelrechnungen, Postkarten, Einladungen, fingierte Lügendetektortests und Ähnliches. Einige bieten Alibi-Flatrates an! Ob die ein schlechtes Gewissen und Selbstvorwürfe lindert? Beide können gehörig quälen.

Zur Glaubwürdigkeit trägt nicht zuletzt die Darbietung bei – Mimik, Gestik, Sprachfluss. Diese Kanäle fehlen in digitalen Textnachrichten. Darum hält es Ferstl für plausibel, dass sie Ausreden begünstigen: "Schon mit Blickkontakt können wir Lügende leichter durchschauen." Menschen, die Blicken ausweichen und unruhig zappeln, wirken wenig überzeugend. Allerdings mahnt Ferstl zur Vorsicht: Wer emsig übt, kann lernen, seine Körpersprache zu kontrollieren. Umgekehrt können Personen schlicht unsicher gestrickt sein. Ihnen bricht trotz echter Gründe zur Rechtfertigung womöglich der Schweiß aus. Selbst den Profis von der Polizei falle es oft schwer, ehrliche Nervenbündel und abgebrühte Lügner auseinanderzuhalten, erzählt Ferstl: "Nicht einmal am Blutdruck, Herzschlag und anderen physiologischen Maßen lassen sich Lügen und Wahrheit sicher unterscheiden."

Hinzu kommt: Ausgekocht Lügen strengt an. Schwindler müssen sich merken, wem sie welchen Bären aufgetischt haben und konsequent weitermachen. Doch verräterische Widersprüche rutschen leicht unversehens raus: Spontan tendieren Menschen dazu, die Wahrheit wiederzugeben. "Lügner müssen ihre natürliche Antworttendenz für die echte Geschichte hemmen, damit sie sich nicht verplappern", so die Forscherin. Da bringen auch Ausreden-Apps und Ausreden-Generatoren für Smartphones nichts. Kognitiv, sagt Ferstl, beanspruche Herausreden viel mehr Kraft als bei der Wahrheit zu bleiben. Wenn Selbstbetrug mitspielt, bergen Ausreden noch dazu teils ernste Gefahr. Sie verschließen die Augen für schädliches Verhalten und nachteilige Wesenszüge. Betroffene erkennen und stellen sich ihrem Problem nicht. Sie verbauen sich Lösungswege.

"Das Beste ist, immer ehrlich zu sein", zieht Ferstl ein Fazit. Schwächen und Fehler eingestehen zu können, kommt menschlich gut an. Eine Ausnahme fällt der Expertin bei Ausreden allerdings ein: "Wenn ich einer Freundin, an der mir etwas liegt, etwa sage, dass ich Kopfweh habe, statt keine Lust, mich mit ihr zu treffen." Solche Ausflüchte sollen ja dafür sorgen, dass sich die Adressaten besser fühlen, meint Evelyn Ferstl: "Das ist eine sozialverträgliche Zurückweisung." Die ist zwar unaufrichtig, schadet aber nicht und stößt niemanden vor den Kopf – sofern die Ausrede eben nicht auffliegt. Dann droht auch hier eventuell Ungemach.