"Schlecht für die Hirnentwicklung"

Frederik Jötten

Von Frederik Jötten

Mo, 09. Dezember 2019

Liebe & Familie

BZ-INTERVIEW mit dem Neurobiologen Gerald Hüther über die weihnachtliche Geschenkeflut und was sie mit Kindern macht.

Weihnachten ist ein Milliardengeschäft. Nach einer aktuellen Erhebung planen die Deutschen, in diesem Jahr 282 Euro pro Kopf für Geschenke auszugeben. Zu den bekanntesten Kritikern der alljährlichen Geschenke-Orgie gehört der Neurobiologe und Autor Gerald Hüther. Frederik Jötten hat mit ihm gesprochen.

BZ: Was ist so schlimm daran, Kinderaugen mit einem Geschenk zum Strahlen zu bringen?
Hüther: Es ist nichts Schlimmes daran – man muss sich nur fragen, warum man das unbedingt will. Kinder sind sehr dankbar und freuen sich auch darüber, wenn sie auf den Schoß genommen werden und man ihnen etwas vorliest. Aber an Weihnachten geht es vielen Erwachsenen um das große materielle Geschenk, das die Augen der Kinder zum Leuchten bringt. Das brauchen sie – das Kind dagegen nicht so sehr.

BZ: "Was die Spielwaren- und Süßwarenindustrie inzwischen global aufgebaut hat, ist die perfideste Verführungsmaschinerie, die es in der gesamten Menschheitsgeschichte bisher gab", schreiben Sie.
Hüther: Spielwaren und Süßwaren werden hergestellt, verbreitet und beworben, weil Menschen Geschäfte mit Kindern machen wollen.
"Eltern machen sich zu

Handlangern von Profiteuren."
BZ: Aber muss es immer moralisch verwerflich sein, etwas zu verkaufen, was Kinder mögen?
Hüther: Es ist nichts daran verkehrt. Man muss sich nur als Eltern klar machen, dass man sich zu Handlangern von Profiteuren macht. Der Wunsch, Playmobil haben zu wollen, kommt nicht aus dem Kind heraus, sondern wurde ihm von jemandem ins Hirn gepflanzt, meist durch Werbung.

BZ: Was können Eltern und Großeltern tun, um nicht wie Sie schreiben "zu hilflosen und willfährigen Erfüllungsgehilfen der umsatzorientierten Spielwarenanbieter" zu werden?
Hüther: Das einfachste, was man als Eltern und Großeltern machen kann, ist sich daran zu erinnern, was man selbst als Kind als wertvollstes Geschenk empfunden hat. Dann stellt man meistens fest – das sind nicht die gekauften Geschenke. Ich habe viele Menschen gefragt – und ich habe von niemandem gehört: Das schönste Geschenk war diese Barbie-Puppe oder sonst etwas Materielles.

BZ: Sondern?
Hüther: Die Momente, die andere Menschen ihnen geschenkt haben. Als kleiner Junge bin ich sehr früh aufgestanden wie auch mein Großvater. Er hat sich in der Küche seine Brotsuppe gekocht – Malzkaffee mit Zucker und trockenem Brot, das man damals nicht weggeworfen hat. Mein Opa hat mich auf den Schoß genommen. Wir haben zusammen diese Brotsuppe gelöffelt und er hat mir erzählt, was er erlebt hat und was ihm wichtig ist im Leben. Wie er seine Frau kennengelernt hat. Wie er versuchte zu leben. Das sind die wertvollsten Momente meiner gesamten Kindheit gewesen, an die ich mich bis heute erinnere. Er hätte nicht nötig gehabt, diese Zeit mit mir zu verbringen, das war ein Geschenk, das ich bis heute noch spüren kann.

BZ: Aber wenn jetzt an Weihnachten die Bescherung ansteht und auf dem Gabentisch liegt nichts, stattdessen sagt der Opa: Ich schenke dir Zeit. Da werden die Kinderaugen kaum leuchten, sondern es gibt wohl eher Tränen.
Hüther: Wenn die Industrie in der Absicht, einen materiellen Gewinn zu machen, in dem Kind einen Wunsch geweckt hat, dann ist der natürlich da. Es ist dann nicht günstig zu sagen: Ich schenke dir nichts. Denn das zwingt das Kind dazu, sein Wünschen zu unterdrücken, vielleicht ein Leben lang, wenn das Kind nie etwas bekommt, was es sich wünscht. Deshalb würde ich das herbeigesehnte Geschenk, wenn ich es kann, bereitstellen. Aber ich würde mir vornehmen, im Laufe des Jahres viel zu unternehmen, was mich mit dem Kind verbindet.

BZ: Kann man Schaden anrichten, wenn man Kindern zu viel schenkt?
Hüther: Wenn Kinder alles bekommen, was sie sich wünschen, ist das schlecht für ihre Hirnentwicklung. Sie brauchen eine Diskrepanz zwischen Wünschen und Realität. Dieser Unterschied wird durch die Suche nach einer Lösung überwunden. Das wichtigste im Leben ist nicht, dass man alles hat, sondern dass man so oft wie möglich Gelegenheit hat, nach Lösungen zu suchen. Wer keine Probleme hat, kann keine Problemlösungskompetenz herausbilden.

BZ: Generationen von Kindern sind schon reich beschenkt worden – und haben sich doch ganz gut entwickelt?
Hüther: Klar, es kommt keiner um davon, aber es geht darum, dass wir Kindern statt materiellen Dingen alles schenken, was ihnen hilft, ihr angeborenes Vertrauen zu sich selbst und ihr Vertrauen zu uns als ihren Begleitern zu stärken: Liebe, Zeit und Freiheit. Damit können wir unsere Kinder davor bewahren, auf das hereinzufallen, was ihnen von Menschen angeboten wird, denen nicht das Glück der Kinder, sondern ihr eigener Vorteil am Herzen liegt. Wenn Kinder lernen, dass Geschenke, also materielle Dinge, Glück bringen sollen, sind sie später als Erwachsene verführbar.

BZ: Ihnen ist sogar pädagogisch wertvolles Spielzeug ein Gräuel?
Hüther: Die Zeiten sind unsicher und die Eltern haben unglaubliche Angst, dass ihr Kind später zu denen gehört, die es nicht schaffen, Karriere zu machen oder einen guten Arbeitsplatz zu bekommen. Das macht sie besonders offen für Anbieter von Produkten, auf denen "Lernspielzeug" oder "pädagogisch wertvoll" steht. Erwachsene schenken so etwas, weil sie etwas mit dem Kind vorhaben. Man hat eine bestimmte Vorstellung, wie das Kind zu sein hat, was es lernen soll. Man macht das Kind zum Objekt seiner Vorstellung davon, wie es werden soll.

BZ: Warum ist es falsch, Kinder mit einem Geschenk zu etwas Bestimmten motivieren zu wollen? Es können doch tolle Sachen, wie etwa Experimentierkästen, sein?
Hüther: Die meisten Experimentierkästen liegen nach dreimaliger Benutzung in der Ecke rum und müssen dann als Sondermüll entsorgt werden. Ich habe noch nie ein Kind gesehen, dass über einen Experimentierkasten ein Interesse für die Chemie oder Physik herausgebildet hat. Man kann ein bisschen was zaubern – aber was dann bleibt, ist Enttäuschung, denn es geht nicht weiter. Dann lieber in den Wald gehen – da gibt es wenigstens eine Umgebung, die nicht zu Ende geht.

BZ: Und für die Regentage Lego oder eine Carrera-Bahn?
Hüther: Es wäre schön, ein Geschenk auszusuchen, was implizit gar keine andere Möglichkeit zulässt, als dass das Kind sagt: Lass uns das gemeinsam machen. Mit Lego spielen kann es alleine, dann geht es in sein Zimmer und ist für den Rest des Weihnachtsabends weg. Die meisten Eltern haben nicht so viel Zeit für ihre Kinder, wie die sich das wünschen. Deshalb würden die Erwachsenen am besten etwas schenken, das Eltern und Kinder zusammen spielen können: "Mensch ärgere dich nicht" zum Beispiel.

BZ: Ein Spiel, bei dem es auf Nichts ankommt, außer auf Glück?
Hüther: Sie bieten Ihrem Kind damit eine wunderbare Möglichkeit, spielerisch auszuprobieren, wie man miteinander umgeht, wenn man sich rausschmeißt. Es ist ein soziales Spiel, in dem Kinder lernen, mit Niederlagen umzugehen.

BZ: Das hört sich an wie ein Märchen aus guten alten Tagen. Heute sind die Kinder wohl eher an digitalem Spielzeug interessiert. Was halten Sie von einem Smartphone als Weihnachtsgeschenk?
Hüther:  Es ist gut, wenn Kinder von Anfang an unter Begleitung Erwachsener die Erfahrung machen, dass digitale Geräte Werkzeuge sind. Kinder können ein Smartphone benutzen, um sich mit der Freundin zu verabreden. Wenn sie aber diese Funktion nutzen, um mit sämtlichen Freundinnen stundenlang rumzuschwatzen, dann wird das digitale Gerät nicht mehr als Werkzeug genutzt, sondern um damit ein ungestilltes Bedürfnis nach Nähe zu befriedigen. Aber anstatt dieses mit einem Treffen zu realisieren, wird am Smartphone getippt. Das führt dann dazu, dass sich Freundinnen und Freunde immer weniger treffen und am Ende vielleicht gar nichts mehr miteinander anfangen können.
"Verbote erzeugen clevere Ideen, wie man das Verbot umgeht."
BZ: So läuft Kommunikation unter Jugendlichen heute sehr oft. Das will man ja nicht noch unterstützen durch ein Weihnachtsgeschenk?
Hüther:  Ich würde den Wert eines digitalen Geräts nicht noch betonen, indem ich es verschenke. Es hilft aber nicht, die Nutzung digitaler Medien zu verbieten oder Nutzungszeiten vorzuschreiben. Verbote erzeugen Widerstand und clevere Ideen, wie man das Verbot umgeht. Bieten Sie den Kindern stattdessen Möglichkeiten, ihre Bedürfnisse auf eine Art und Weise zu stillen, die es nicht erforderlich macht, dass sie die Geräte brauchen.

BZ: Wie kann man das konkret angehen?
Hüther: Eltern könnten ihrem Kind statt eines fertigen Geschenks etwas geben, mit dem es etwas gestalten kann, am besten etwas, das später wirklich benutzt wird. Zum Beispiel Hammer, Nägel, Holz und einen Bauplan, um ein Vogelhäuschen oder einen Kaninchenstall zu bauen. So lernen Kinder spielerisch, was funktioniert, erwerben immer mehr Wissen und erleben sich als autonome Gestalter ihrer Umgebung.

Gerald Hüther (68), ist Neurobiologe und hat bis 2005 in der experimentellen Hirnforschung gearbeitet. Seitdem hat er mehrere Bestseller zum Thema Erziehung geschrieben. Sein aktuelles Buch, verfasst mit Co-Autor André Stern, "Was schenken wir unseren Kindern? –Eine Entscheidungshilfe" ist im Penguin-Verlag erschienen.