Krise überstanden

Reedereien trotzen dem Handelsstreit und dem Brexit-Chaos

Hermannus Pfeiffer

Von Hermannus Pfeiffer

Fr, 15. März 2019 um 12:59 Uhr

Wirtschaft

Rund 90 Prozent des Welthandels erfolgt auf dem Seeweg. Die großen Reedereien halten die Krise der Handelsschifffahrt für überwunden. Und: Die Flotten sollen umweltverträglicher werden.

Rolf Habben Jansen sieht die internationalen Reedereien auf dem richtigen Kurs. Die Logistikbranche trotze den globalen Risiken, wie dem Handelsstreit zwischen USA und China oder den Querelen um den Austritt Großbritanniens aus der EU. Der Vorstandsvorsitzende von Hapag-Lloyd, der größten Reederei Deutschlands, bleibt optimistisch. Von den Turbulenzen profitierte die Schifffahrt sogar, weil "Ladung vorgezogen wurde", sagte er kürzlich vor Journalisten. Industrieunternehmen und Handelsketten füllten rechtzeitig ihre Lager, um für den Tag X gewappnet zu sein. Auch deswegen fuhr Hapag-Lloyd im vergangenen Jahr in die Gewinnzone.

Auch für die Zukunft ist der Niederländer zuversichtlich. Die Überkapazitäten, die auf dem Höhepunkt der Globalisierung aufgebaut wurden und unter denen Reedereien seit der Finanzkrise 2007/08 ächzen, nehmen langsam ab. In den kommenden Jahren werden mehr alte Schiffe abgewrackt und weniger neue Frachter vom Stapel laufen. "Nein, ich glaube nicht, dass wir immer noch in der Krise sind", stellt Jansen seiner maritimen Zunft ein gutes Zeugnis aus.

Konsolidierungen sind abgeschlossen

Das tun auch Jansens Kollegen an der Weser. "Der Rückblick auf die vergangenen Jahre zeigt, dass sich die Schifffahrtsmärkte zwar langsam, aber trotz diverser Schwankungen in der Tendenz nach oben entwickeln", ist der 1884 gegründete Bremer Rhederverein überzeugt.

Zum verhaltenen Optimismus der Vorstandsvorsitzenden und Firmenpatriarchen in der weitgehend mittelständischen Branche trägt bei, dass die sogenannte Konsolidierung, also der Zusammenschluss von Reedereien, weitgehend abgeschlossen scheint.

An Hapag-Lloyd sind seit der Krise die Stadt Hamburg und Klaus-Michael Kühne beteiligt. Kühne ist ein Urgestein der Hansestadt, der auch die Fußballer des Hamburger Sportvereins HSV am Laufen hält. Hapag wuchs in neue Dimensionen: 2014 übernahm die Reederei die Containersparte der chilenischen Compañía Sudamericana de Vapores, 2017 fusionierte sie mit der arabischen United Arab Shipping Company (UASC). Sechs Mega-Frachter mit einer Kapazität von 19 000 Standardcontainern (TEU) brachte UASC in die Zweckehe ein, die im Verkehr mit China eingesetzt werden. Hapag stieg zur Nummer fünf unter den weltweiten Containerreedereien auf.

Auf Augenhöhe mit der Konkurrenz aus China

Die Flotte umfasst 222 recht junge Schiffe und eine Gesamttransportkapazität von 1,6 Millionen TEU. Habben sieht sich jetzt auf Augenhöhe mit den Konkurrenten aus Frankreich und China sowie dem Branchenprimus Maersk aus Dänemark. Er betont: "Maersk ist kaum noch besser bei den Skaleneffekten" – hat also kaum noch Größenvorteile bei den Kosten. Seit der Übernahme von Hamburg Süd, der zweitgrößten deutschen Reederei, durch die Dänen hat die Maersk-Flotte eine Kapazität von 2,5 Millionen Standardcontainern.

Ob Maersk oder Hapag – die Flotten sollen umweltverträglicher werden. Zwar sind Frachter pro Tonnenkilometer im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln vergleichsweise sauber, dennoch beträgt ihr Anteil an den Emissionen aller Verkehrsträger mehr als zehn Prozent. Der von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation beschlossene und von 2020 an weltweit geltende Schwefelgrenzwert von 0,5 Prozent (bisher 3,5 Prozent) hat erhebliche Auswirkungen. Künftig müssen hochwertige und daher teurere Kraftstoffe eingesetzt werden. Die neuen Konditionen stoßen bei den Kunden laut Hapag-Lloyd-Chef Jansen jedoch auf "überraschend große Akzeptanz".

Im vergangenen Jahr nahmen die weltweiten Containertransporte um knapp vier Prozent zu. Für das laufende Jahr erwartet Maersk nur noch ein Wachstum zwischen einem und drei Prozent. Mittelfristig zeigt man sich aber auch in Kopenhagen optimistisch. "Der Welthandel bleibt auf hohem Niveau", ist auch Professor Roland Döhrn vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen überzeugt. Seit 2010 legt der Containerumschlag-Index, den das RWI mit dem Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik monatlich erstellt, im Kurs zu. Der Index erfasst ungefähr 60 Prozent des weltweiten Containerumschlags. Die von vielen Experten erwartete Abschwächung des Welthandels sei "bislang nicht erkennbar", sagt Döhrn.

Skeptisch bleibt hingegen der Bremer Rhederverein: "Wenn die Reeder eines in den vergangenen zehn Jahren gelernt haben, ist es, dass eine Fortschreibung positiver Entwicklungen zwar wünschenswert, keinesfalls aber gesichert ist." Die Schifffahrt werde auch zukünftig immer wieder Schwankungen ausgesetzt sein.