Reise zurück in der Zeit

Ingrid Mylo

Von Ingrid Mylo

Sa, 09. Januar 2021

Literatur & Vorträge

Die "Beskiden-Chroniken" des polnischen Schriftstellers Andrzej Stasiuk spielen beharrlich das Alte gegen das Neue aus.

Er liebt sein Land, er liebt die Vergangenheit, und er liebt es, unterwegs zu sein: Daraus macht der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk keinen Hehl, daraus macht er, im Gegenteil, eine Menge Worte. Aus dem, was er nicht mag, auch. Wahrhaftigkeit ist ihm wichtig, seine Leser sollen wissen, woran sie mit ihm sind. Mit Ramsch von chinesischen Märkten muss man ihm nicht kommen, auch nicht mit den "grinsenden Mumien" auf den Wahlplakaten, und Leute, die zu wissen glauben, was gut für Polen ist, kann er gar nicht ausstehen. Mit der Betonarchitektur moderner Kirchenbauten hat er ebenso ein Hühnchen zu rupfen wie mit der Popkultur, die, einem Tumor gleich, die Identität und das Gedächtnis der Menschen zerfrisst. Wobei die immer neueren Technologien aus einer verbindlichen Identität ohnehin Makulatur machen. Überhaupt: die Entwicklung, die die Welt genommen hat. Der Fortschritt.

Stasiuk ist einer, der in der Zeit zurück reist oder weiter in den Osten, die Steppen, die Wüsten: dorthin, wo einem das Leben noch kräftig in den Knochen sitzt und das Überleben vom Körpereinsatz abhängt, von der schweren Arbeit, die täglich verrichtet werden muss, "im Schweiße deines Angesichts", wie es heißt. Und wie er es gutheißt: Bequemlichkeiten verderben den Charakter. Armut adelt. Die einfachen Menschen: Ihr Bild beschwört Stasiuk herauf. Man spürt seine Zuneigung und die Achtung, die er vor ihnen hat. Von seinen Reisen in fremde Einsamkeiten kehrt er gern zurück in die ihm vertraute, um auf dem Hof eines abgelegenen Dorfs in den Beskiden über das zu schreiben, was ihn bewegt: den Bau eines Supermarktes auf einer Wiese, auf der früher die Kirmes stattfand. Propheten, die auf den Weltuntergang warten. Die unterschiedlichen Holzsorten, die beim Verbrennen unterschiedliche Düfte verströmen. Über den Wind, oft und oft, das hat er in allen Büchern getan, den schwarzen, kalten, heißen oder eisigen Wind, den Wind, der "hinter der Ecke hervorstürzt wie ein Räuber", Röcke hochhebt, Plakate von den Wänden reißt, durch schattenlose Räume fegt und Gebete verweht. Über die Stille und die Schönheit und das Licht und den Regen, Nebel und Schnee.

Oder er räsoniert über die Vielzahl von Themen, über die er schreiben könnte, ohne sich auf eins davon einzulassen: Und dann landet er wieder bei dem Fernseher, den er nicht besitzt, und dem Motorrad, das er sich nicht leisten kann, und dem Regal voller Biographien über Diktatoren. Und wenn ihm gar nichts einfällt, geht er vors Haus und schreibt darüber, wie es hell wird und dass seine Schafe noch schlafen, von denen eines Mania heißt und Schwarzbrot liebt. Und hin und wieder unterhält er sich mit ihr und lässt sich von ihr den Kopf zurechtrücken.
77 Texte versammelt dieses Buch, und weil Stasiuk sie für eine katholische Wochenzeitschrift verfasst hat, mangelt es weder an Kreuzen noch an Kerzen, Bibelzitaten oder kirchlichen Feiertagen. Am Ende eines Artikels sagt er manchmal Amen. Er sagt auch Ach. Das hat er in früheren Essays häufiger getan: aufgeseufzt zu Beginn eines Satzes. In Gesprächen fällt dieser Laut nicht weiter auf, ach, sagt man, was soll’s, ein Steinchen, das man beiseite schiebt. Doch wenn es dasteht, dieses Ach, verliert es seine Beiläufigkeit und klingt wie ein Echo aus alten Gedichten. An den besseren Stellen besitzt Stasiuks Art, etwas darzulegen, eine poetische Qualität: Ganz gewöhnliche Vorgänge enthüllen unerhörte Möglichkeiten, weil er sie anders wahrnimmt und beschreibt.
Er ist ein Nostalgiker. Auch wenn er die Gegenwart sehr genau ins Auge fasst und in Sätze, die einem das Herz öffnen für die kleinen Schönheiten abseits des Marktgängigen: Zu beharrlich spielt er das Alte gegen das Neue aus. Diese Aufzeichnungen sind ein Hohelied auf die Vergangenheit und ein Abgesang auf die Zukunft, die er fürchtet.

Andrzej Stasiuk: Beskiden-Chroniken. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 299 Seiten, 23 Euro.