Reporterin wirft Giscard (94) Belästigung vor

Knut Krohn

Von Knut Krohn

Mi, 13. Mai 2020

Ausland

Er soll sie mehrfach am Gesäß berührt haben / Ermittlungen.

PARIS. Valéry Giscard d’Estaing ist eine Ikone der französischen Politik. Hoch angesehen in ganz Europa ist der ehemalige Präsident (1974 bis 1981) seit fast zwei Jahrzehnten Mitglied der Académie française. Er gehört auch dem Verfassungsrat in Paris an. Als Elder Statesman tut er bisweilen in Interviews seine Meinung zur Weltlage kund. Aus diesem Grund fuhr im Dezember 2018 ein Team des WDR nach Paris.

Alles lief wie geplant – zumindest bis zu einem Fototermin nach dem Interview. Der 94 Jahre alte Ex-Präsident habe sie bei dieser Gelegenheit mehrfach am Gesäß berührt, sagt die WDR-Journalistin Ann-Kathrin Stracke. Sie habe immer wieder versucht, seine Hand wegzuschieben, dies sei ihr jedoch nicht gelungen. Die 37-Jährige hat daraufhin Anzeige gegen Giscard d’Estaing erstattet, weswegen die französischen Behörden nun gegen ihn wegen sexueller Belästigung ermitteln. Die Situation sei für sie "extrem degradierend, extrem herabsetzend" gewesen, erklärt Ann-Kathrin Stracke im WDR ihren Schritt.

Giscard d’Estaing erinnere sich nicht an die von Ann-Kathrin Stracke beschriebene Situation, erklärt der Anwalt des früheren Staatsoberhaupts, Jean-Marc Fédida. Der Ex-Staatschef betrachte das Ganze als einen "besonders unwürdigen und verletzenden Medien-Angriff" und werde sich nicht weiter dazu äußern .

Der WDR stellt sich hinter seine Mitarbeiterin. Das Büro des Politikers habe weder auf einen Beschwerdebrief noch auf die Strafanzeige vom März inhaltlich reagiert. "Der WDR hält die Vorwürfe für glaubwürdig", heißt es vom Sender. Ein Kameramann bestätige die Vorwürfe. Programmdirektor Jörg Schönenborn sagte: "Es verdient großen Respekt, wenn eine Mitarbeiterin den Mut hat, sich nach einem solch einschneidenden Erlebnis nicht nur an ihre Vorgesetzten im WDR, sondern auch an die Öffentlichkeit zu wenden." Ann-Kathrin Stracke betont: "Ich habe sehr lange darüber nachgedacht, ob ich es veröffentliche." Nun hoffe sie auf eine Debatte über sexuelle Belästigungen.