Die Zeit heilt viele Wunden

Dagmar Leischow

Von Dagmar Leischow

Fr, 14. Februar 2020

Rock & Pop

Für "The Slow Rush", das neue Album seines Projekts Tame Impala, ist Kevin Parker noch tiefer in die Popgeschichte eingetaucht.

Kevin Parker ist dem Nerd-Stadium längst entwachsen. Zumindest in seiner Heimat Australien, wo sich das Nummer-eins-Album "Currents" seiner Formation Tame Impala 2015 wochenlang in den Charts hielt. Auch in den USA oder in Großbritannien tummelte sich diese Platte in den Top Five. Nicht schlecht für einen Jungen aus Perth, der während seiner frühen Teenagerzeit hauptsächlich gegen alles und jeden rebellierte. Er kiffte, er klaute, er hatte in der Schule Probleme. Während des Interviews in einem Berliner Hotel wirft er die berechtigte Frage auf: Wie hätte er klarkommen sollen, wenn es in seiner Familie dauernd Turbulenzen gab? Seine Eltern trennten sich, kamen wieder zusammen, dann scheiterte ihre Beziehung abermals: "Für meinen Bruder und mich war es ein wirkliches Drama, dass um uns herum das Chaos tobte."

Dadurch sank Parkers Selbstbewusstsein zusehends. Er flüchtete sich in eine Bad-Boy-Attitüde. Bis sein Vater ihn und seine Kumpel eines Tages mit einem Joint erwischte. Wutentbrannt informierte er die Eltern seiner Freunde, das hatte Konsequenzen: Fortan war der 13-Jährige ziemlich isoliert. Ihm blieb bloß eins: Musik. Er bastelte an eigenen Songs, 2007 gründete er Tame Impala, deren Debütalbum "Innerspeaker" 2010 erschien und die Band als Psychedelic-Rocker etablierte. "The Slow Rush" heißt nun die vierte Platte, die als eine der zentralen Rock- und Pop-Neuveröffentlichungen gehandelt wird. In zwölf Stücken umkreist Parker vor allem das Thema Zeit. "Ich habe mich gefragt, welchen Einfluss Zeit auf uns Menschen hat", sagt der 34-Jährige. "Theoretisch könnten wir in unserem Leben jede Menge zum Besseren ändern, doch wir lassen uns ständig ablenken." So bleibe vieles Utopie, statt zur Realität zu werden: "Am Schluss schlägt die Zeit uns alle. Sie ist einfach schneller als wir."

Diese Erfahrung machte Parker ein ums andere Mal. Etwa als sein Vater starb, dem er nun den Titel "Posthumous Forgiveness" gewidmet hat. "Wir hatten ein recht distanziertes Verhältnis und haben nie über unsere Gefühle gesprochen." Gleichwohl warnte ihn sein Vater, ein Hobbymusiker, nachdrücklich davor, sich ganz der Musik zu widmen: "Er wollte mich lediglich vor dem Schicksal seiner Freunde bewahren, die mit ihren Coverbands jeden Tag auftreten mussten, um halbwegs über die Runden zu kommen." Heute, ist sich Parker absolut sicher, wäre sein Vater stolz auf ihn: "Er würde sich wahnsinnig über meinen Erfolg freuen."

Seine positive Bilanz wird Parker, der 2019 seine Freundin Sophia Lawrence heiratete, nun wohl noch ein bisschen weiter ausbauen. Mit Musik, der einige womöglich das Etikett "Retro" anheften werden. Schließlich sind die Lieder mit Referenzen gespickt. Hier hört man Curtis Mayfield heraus, da Stevie Wonder. "Ich habe mich mit dem Soul der Sechziger und Siebziger beschäftigt", erklärt Parker. "Dadurch stieß ich auf einen organischeren Sound, der sich nicht mehr so stark an die Achtziger anlehnt wie ,Currents’." Vielmehr gab er den Nummern Raum zum Atmen, Details wie Bongas oder Congas können wirken.

"Borderline" wurde von Kritikern bereits als Yachtrock gefeiert. "Breathe Deeper" oszilliert zwischen Fleetwood Mac und Daft Punk. Keyboardklänge rücken "One More Year" in eine andere Sphäre. "Lost in Yesterday" huldigt der Nostalgie, was den Verdacht nahelegt, Parker sei selber rückwärtsgewandt. Er zuckt die Schultern: "Wir verklären doch alle irgendwie die Vergangenheit. In der Erinnerung wird plötzlich alles schöner, als es tatsächlich war." Er selbst neigt dazu, seine Highschool-Zeit zu romantisieren: "Ich rede mir ein, dass ich viele toller Erfahrungen gemacht habe. Dabei war diese Phase ein einziger Albtraum." Besonders nachdem er die Schule gewechselt hatte, weil er von seiner Mutter zu seinem Vater gezogen war. Der wohnte in einer wohlhabenderen Gegend: "Die reichen Kids hielten mich bloß für den armen Jungen. Das zog mich total runter."

Er wäre so gern wie die anderen gewesen, konnte aber nicht mithalten. Musik wurde sein Rettungsanker: "Sie war für mich ein Ventil. Ich konnte all meine Emotionen rauslassen." So befreite er sich von gesellschaftlichen Ansprüchen: "Gerade von Australiern erwartet man, dass sie tough und fröhlich sind. Wer da nicht mithalten kann, fühlt sich als Versager." Parker propagiert Offenheit statt Selbstoptimierung: "Keiner kann sich dauerhaft hinter einer Fassade verstecken. Es ist wichtig, zu seiner wahren Persönlichkeit zu stehen."

Tame Impala: The Slow Rush (Caroline).