Schriftsteller mit Fußball-Vorliebe

Ror Wolf ist tot

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Di, 18. Februar 2020 um 11:11 Uhr

Literatur & Vorträge

Sprachgewaltig und humoristisch sezierte Ror Wolf in Romanen, Gedichten, Bild-Collagen und Hörspielen die Wirklichkeit. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.

Auf die Frage, wie er sterben wolle, antwortete er vor bald zwei Jahrzehnten im guten alten Fragebogen des FAZ-Magazins: "Im höchsten Alter, freundlich, schmerzlos, rasch, unmittelbar nach einer Flasche Taittinger." Dass nicht alles von diesen frommen Wünschen in Erfüllung gegangen ist, lässt sich mutmaßen. Am Montag ist Ror Wolf in einem Mainzer Krankenhaus gestorben, im Alter von 87 Jahren, nach längerem Leiden. Manchmal ist das Leben noch banaler, als es der leidenschaftliche Literat in seinem surrealen Collagen-Kosmos skizzierte.

Traurig, dass viele mit dem Namen Ror Wolf gar nichts mehr anfangen können. Dabei hatte ihn sich der gebürtige Thüringer aus Saalfeld selbst gegeben – auch eine Form von Collage. In Richard Georg, aus dem er sich sein neues Markenzeichen bastelte, war zu viel Bürgerliches enthalten. Jenes Bürgerliche, wegen dem ihm, Jahrgang 1932, im Arbeiter- und Bauernstaat DDR der Weg zu einem Studium verwehrt blieb und das ihn somit 1953 in den Westen trieb. Jenes Bürgerliche, das er im Namen hatte, aber nicht im Herzen. Als er im Westen ankam, begann er dort, wo er drüben aufgehört hatte – ganz unten, als Hilfsarbeiter.

Da, in Stuttgart, kam er mit dem Sujet in Verbindung, das ihn in seiner literarischen Auseinandersetzung damit über die klassische Zielgruppe hinaus bekannt machte: dem Fußball. Der sollte ihn lange nicht loslassen und war ein wichtiges Medium im Entwickeln seiner Kompilationstechnik. Mit "Punkt ist Punkt. Fußball-Spiele" landete er 1971 einen Coup, in dem er die Sprache des Fußballsports sezierte, neu zusammensetzte. Das zeitigte Fachjargon à la: "Keiner wusste eine Erklärung dafür, warum Gecks diesmal hinten stand und Koch an der Stelle, wo man eigentlich Kraft erwartet hatte."

Mit seiner surrealen Prosa war Wolf nicht weit weg von Dada & Co, als solchermaßen "Materialsammler" lief er gleichwohl immer Gefahr, über die eigenen Abnützungserscheinungen zu stolpern. Schon deshalb brauchte der Avantgardist Ror Wolf unterschiedliche Spielwiesen. Bis hin zur gespaltenen eigenen Existenz, die den Autor laut Netzenzyklopädie Wikipedia zu mehr als 30 Umzügen trieb – von New York über Basel, Frankfurt, wo er schon nach der Umsiedlung in den Westen den Vorlesungen Horkheimers und Adornos gelauscht hatte, bis schließlich in die Wahlheimat Mainz. Mit ihm wechselte nicht nur der Künstlername Ror, sondern auch das literarische Alter Ego Raoul Tranchirer die Orte. In diesem "Sezierer" konnte er sein dadaistisches Ich am besten ausleben, etwa in skurrilen Lexika oder Zusammenstellungen wie den "Mitteilungen an Ratlose" (1988). Tranchirer agierte auch als Bänkelsänger in der Tradition Frank Wedekinds, und dann gab es da noch die Gedichte "hans waldmanns abenteuer" (1960–1984), in denen der Autor – welcher von den dreien auch immer – manchmal eine lustvoll erotische Lyrik bemühte. Politische Korrektheit stand nicht auf seiner Agenda. Anstiftung zum Voyeurismus schon eher.

Dass Wolfs Collagentechnik sich auch für das Medium Rundfunk anbot, lag auf der Hand. Als Hörspielmacher landete er große Erfolge, seine Radio-Ballade über "Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke" erhielt 1988 den Hörspielpreis der Kriegsblinden. In ihr setzte er auch seiner Liebe zum Jazz ein Denkmal – in dem Collagetechnik bekanntlich eine wichtige Rolle spielt. Für sein Schaffen wurde Wolf mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet – erst 2016 gab es noch den Schiller-Gedächtnispreis des Landes Baden-Württemberg. Und trotzdem scheint es, ist die Zeit etwas über seine Metakunst, die mit "Nachrichten aus der bewohnten Welt" in den frühen 1990er noch auf den Bestenlisten stand, hinweggegangen. Womit ein Wunsch aus dem FAZ-Fragebogen postum erfüllt worden wäre. Auf die Frage "Was möchten Sie sein" antwortete Wolf dort: "Ein unterschätzter Autor".