Scharfe Kritik an Verfahren für Atommüll-Endlager

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Sa, 10. April 2021

Offenburg

Auf Einladung von VHS und Bürgerinitiative Umweltschutz berichtet Aktivist Jochen Stay über die Standortsuche auch in der Ortenau.

. Die Ortenau als potenzielles Gebiet für ein Atommüll-Endlager, diese Meldung aus dem Zwischenbericht der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) ist im vergangenen September wohl nicht vielen Menschen aufgefallen. Kein Wunder, denn schließlich wurden 54 Prozent des Bundesgebietes und 50 Prozent von Baden-Württemberg nach dem ersten von drei Auswahlschritten für zumindest theoretisch geeignet ausgewiesen. Wie es zu diesem Ergebnis kam, nach welchen Kriterien der endgültige Standort bestimmt wird, und wie es um die im Gesetz geforderte Einbeziehung der Öffentlichkeit steht, erläuterte der Umwelt-Aktivist Jochen Stay bei einem Online-Vortrag.

Eingeladen hatte die Volkshochschule Offenburg zusammen mit der Bürgerinitiative Umweltschutz Offenburg (BUO) und dem BUND-Umweltzentrum. Stay, der seit Jahrzehnten gegen Atomkraft agitiert, vertritt dennoch keine Fundamentalopposition, sondern regt dazu an, sich konstruktiv und realistisch in die Standortsuche einzubringen. Es müsse nach wissenschaftlichen und nicht nach politischen Kriterien entschieden werden, wie der im Moment noch zwischengelagerte Atommüll für – wie es im Gesetz heißt – eine Million Jahre sicher gelagert werden könne.

Die Bezeichnungen "Endlager" oder "Entsorgung" lehnt Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation ".ausgestrahlt", als verharmlosend ab. Es gebe keine optimale Lösung für das Problem, aber da der Atommüll nun einmal da ist, müsse alles darangesetzt werden den sichersten Ort für die Aufbewahrung zu finden – und zwar im eigenen Land.

Stay kritisiert die BGE für ihr bislang undurchsichtiges und unter unnötigem Zeitdruck durchgeführtes Verfahren und belegt diesen Vorwurf mit nachvollziehbaren Beispielen. Er erklärt die Entscheidungskriterien, die dem dreistufigen Suchverfahren zugrunde liegen, und kann in der rege geführten Diskussion mit den rund zwanzig Teilnehmern und Teilnehmerinnen allgemeinverständliche und nachvollziehbare Antworten geben. Die Ausweisung von so vielen Gebieten als potenzielle Standorte hält er für strategisch motiviert, um Widerstände in dieser frühen Phase zu vermeiden. Schlimmer noch wiegt sein Vorwurf, dass wissenschaftliche Expertise der Landesämter für Geologie nicht ausreichend einbezogen wird, und dass durch das intransparente Verfahren am Ende statt eines gesellschaftlichen Konsenses ein erzwungener Standort durchgesetzt werden muss.

Nicole Schilli (VHS) moderierte den Abend souverän, auch eher unkonventionelle Vorschläge wie die Entsorgung im Weltall wurden ernsthaft und sachlich beantwortet. Allein die Gefahr, dass Raketen beim Start explodieren könnten, lasse die Umsetzung des Vorschlags als zu riskant erscheinen. Die Verlängerung der Zwischenlagerung, die wegen der langwierigen Standortsuche ohnehin kommen müsse, sei ebenfalls nicht ungefährlich.

Die Castor-Behälter und die Trägermaterialien für die Brennstoffe könnten Schaden nehmen. Das Seminar machte auf jeden Fall klar, dass das Thema Umgang mit Atommüll einer dauerhaften und kritischen Begleitung durch die Öffentlichkeit bedarf.