"Schlag ins Kontor"

Das Gespräch führte Savera Kang

Von Das Gespräch führte Savera Kang

So, 17. Februar 2019

Wirtschaft

Der Sonntag Wie bereiten sich südbadische Unternehmen auf den Brexit vor?.

Am 29. März soll der Brexit vollzogen werden – unter welchen Bedingungen, ist weiterhin offen. Südbadische Unternehmen bereiten sich auf die Zeit danach vor, eine Veranstaltung morgen bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Freiburg ist bereits ausgebucht. Der Sonntag hat mit der Leiterin des Enterprise Europe Network, Petra Steck-Brill, bei der IHK gesprochen.

Der Sonntag: Frau Steck-Brill, momentan sieht alles danach aus, als ob es zu einem ungeordneten Brexit käme. Mit welchen Fragen kommen Unternehmer auf Sie zu?

Im Moment geht es in erster Linie darum, was mit Lieferketten, Zollformalitäten und Limiteds geschieht. Es ist ein sehr breit gefächertes Spektrum an Fragen.

Der Sonntag: Was hat es mit der Rechtsform Limited auf sich?

Es gibt einige Unternehmen in Deutschland, die eine Limited gegründet haben – es ist in der EU möglich, eine ausländische Gesellschaftsform zu gründen. Das wird nach dem Brexit aber so nicht mehr funktionieren. Und nun gibt es einige Limiteds – sie unterliegen dem britischen Recht – die sich Gedanken darüber machen müssen, was mit dieser Gesellschaftsform passiert, wenn Großbritannien nicht mehr im EU-Binnenmarkt ist. Diese Limiteds werden in eine deutsche Gesellschaftsform überführt werden müssen, das hat dann auch Auswirkungen auf Haftung et cetera.

Der Sonntag: Welche Industriezweige in Südbaden sind denn allgemein besonders vom Brexit betroffen?

Beim produzierenden Gewerbe sicherlich Automobil, Maschinenbau und Pharma, aber natürlich sind auch der Handel und Dienstleister betroffen, die Transport- und Logistikbranche, Finanzdienstleister, aber auch Tourismusbetriebe.

Der Sonntag: Dienstleister haben vermutlich ganz andere Fragen als das produzierende Gewerbe?

Ja, da geht es dann weniger um zollrechtliche Themen, sondern um Personenfreizügigkeit und beispielsweise Vertragsrecht.

Der Sonntag: Ein möglicher Extremfall wäre, dass Flugreisen aus Großbritannien nicht mehr in der EU landen dürfen.

Großbritannien hat ein besonderes Interesse daran, dass der Flugverkehr nicht plötzlich zum Erliegen kommt. Da werden von Seiten der Politik und der Regierungen denke ich auch einige Maßnahmen getroffen – auch Frankreich bereitet sich ja intensiv darauf vor, dass der Verkehr über den Channel-Tunnel und den Kanal zwischen Frankreich und Großbritannien nicht zum Erliegen kommt.

Der Sonntag: Es ist aber damit zu rechnen, darauf spielen Sie auch an, wenn Sie von den Lieferketten sprechen. Es gibt wieder Grenzkontrollen, Zollformalitäten nehmen zusätzlich Zeit in Anspruch und der Verkehr staut sich.

Im Moment wissen wir nichts und das ist auch die Schwierigkeit, vor der die Unternehmen stehen – für sie ist es ein Schlag ins Kontor. Diese Hängepartie ist eine große Gefahr für die Unternehmen, weil sie keine Planungssicherheit haben, aber jetzt schon Vorkehrungen treffen müssen für Tag X, wenn es tatsächlich zum "No Deal" kommen sollte, sprich zum ungeregelten Austritt. Darauf muss man ja vorbereitet sein. Etliche Unternehmen nehmen schon Verlagerungen vor, ziehen sich zurück aus Großbritannien und geplante Investitionen werden unter Umständen auf Eis gelegt. Und wenn hinterher doch ein "weicher Brexit" kommt, dann sind teilweise Maßnahmen ergriffen worden, die man nicht ohne weiteres zurücknehmen kann.

Der Sonntag: Rückzug, Investitionen auf Eis legen – Sie sprechen damit eher Vermeidungstaktiken an.

Ja, das sind eher Schutzmaßnahmen. Das kann sein, dass man Lagerkapazitäten aufstockt oder verlagert; unter Umständen neue Lieferantenbeziehungen aufbaut. Das kann eine ganze Reihe von Maßnahmen sein, die jetzt schon Fakten schaffen.

Der Sonntag: Haben Sie auch Tipps, die für beide Fälle gelten – einen geregelten Brexit und einen ungeregelten?

Das ist schwierig, weil die Implikationen ganz unterschiedlich sind. Letztenendes gehen wir davon aus, dass der Brexit in irgendeiner Form kommt – es gibt ja noch ein paar Hoffnungsvolle, die hoffen, dass er abgesagt wird.

Der Sonntag: Sie erleben auch Unternehmer, die sich nicht darauf vorbereiten, weil sie hoffen, der Brexit würde abgewendet oder die sagen: "Ich bereite mich nicht vor, bevor ich nicht weiß, was kommt"?

Es gibt tatsächlich Unternehmer, die sagen: "Auf was soll ich mich denn vorbereiten? Solange ich nichts weiß, ist es da nicht besser, ich halte erstmal die Füße still?" Davor kann ich nur warnen, denn wenn es tatsächlich zum "No Deal" kommt, dann ist es schwierig, von jetzt auf gleich Maßnahmen zu ergreifen.

Der Sonntag: Ist ein möglicher zu starker Euro im Vergleich zum abgewerteten britischen Pfund ein Thema?

Was man sicherlich beobachten kann, ist, dass Unternehmen verstärkt an ihre britischen Kunden in Euro fakturieren, also Rechnungen in Euro stellen. Das habe ich schon von einigen Unternehmen gehört, die vorher in Pfund fakturiert haben.

Der Sonntag: Nochmal die Frage nach dem allgemeinen Tipp . . .

Wichtig wäre, dass die Unternehmen ihre Bereiche abklopfen auf eine eventuelle Betroffenheit.

Der Sonntag: Gibt es denn Betroffenheiten, die man womöglich erst auf den zweiten Blick feststellt?

Insbesondere bei Vorprodukten aus Großbritannien könnte es sein, dass man aufpassen muss, dass unter Umständen "Ursprung EU" zum Problem werden kann. Es müssen nicht nur Etiketten geändert werden, es betrifft auch zollrechtliche Fragen und vielleicht neue Preiskalkulationen.Das Gespräch führte Savera Kang
Brexit-Checkliste des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zum Herunterladen: http://www.mehr.bz/brexit-checkliste http://mehr.bz/brexit-checkliste