"Schlimm ist das furchtbar rasche Umsichgreifen"

BZ-Redaktion

Von BZ-Redaktion

Mi, 06. Mai 2020

Literatur & Vorträge

BZ-SERIE (2): Pandemie vor 100 Jahren – Tagebuchaufzeichnungen eines deutschen Unternehmers zur Spanischen Grippe in Samoa.

Mehr als 22 000 Dokumente – Tagebücher, Erinnerungen und Briefe – sind im Deutschen Tagebucharchiv (DTA) Emmendingen archiviert. Aus diesem Schatz der Erinnerungen hat das DTA für eine Serie in der Badischen Zeitung Zeugnisse einer Pandemie herausgesucht, die zwischen 1918 und 1920 viele Millionen Tote forderte: die Spanische Grippe. In je vier Teilen richten wir unseren Blick zunächst auf West-Samoa, dann auf Australien. Ernst Heinrich Demandt hat im Winter 1918 diese Zeilen geschrieben:

24. November 1918: Das Volk ist furchtbar deprimiert. Überall hört man die Frage: Warum hat "Peletania" nur solche Krankheit hier hereingelassen? Heute weiß man, wie es gegangen ist: Der Dampfer kam mit Quarantäneflagge herein, der Hafenarzt (Dr. Applebee) ging an Bord und berichtete 2-3 akute Fälle von Spanischer Influenza, doch Logan (Militärverwalter Colonel Robert Logan) erklärte: Landen lassen! Diesem Menschen verdankt Samoa also das Unglück. Das ist britische Gewissenhaftigkeit und Verantwortungsgefühl! Was tun sie nun: jetzt gilt es als Sport, die Toten aufzulesen, Gräber zu graben, mit dem Suppentopf herumzulaufen, selbst Logan hat Gräber gegraben – man hätte ihn mit hineinwerfen sollen. Wie es außerhalb Apia aussieht, ist nur schwer zu erfahren, man weiß, dass die Seuche bereits bis Mulofanua und Tagaloa gelangt und dass es Tote und Tote gibt. (...) Mit dem letzten Dampfer kam die Familie des Missionars Neels von der Methodisten-Mission an, man begab sich nach Savaii und nun wurde gleich eine Rundreise angetreten zur Besichtigung der Schäfchen und zum Ruhm Englands. In jedem Dorf, das der Gottesmann betrat, hinterließ er weiterziehend den verheerenden Bazillus! Auch eine Form praktisch-britischen Christentums – mag er auch so beschränkt sein, der Gottesmann, dass er das nicht begriff! Die armen Samoaner klammern sich jetzt an den Strohhalm, dass Dienstag der "Encounter" (Versorgungsschiff) mit Hilfe kommen soll. Bis dahin werden manche auf keinen Fall mehr sein.

28. November 1918: Die Seuche selbst ist in Apia am Abflauen, seit heute sind wieder einige Geschäfte, der Zoll etc. auf. Tagtäglich werden noch Opfer der Folgen der Influenza begraben, alles Lungenentzündungen. Auf dem Massenfriedhof in Vaimea bestattete man 92 (Samoaner). Dabei werden die meisten bereits wieder von den eigenen Leuten begraben. Den Eingeborenen passt das Massengrab absolut nicht. Capt. Hogedorn hat 86 Tote bestatten lassen. Derselbe ist gestern nach Muilifauna auf Ansuchen Logans mit Nachforschung gegangen und hat festgestellt bis Tasiloo 430 Tote, davon 100 noch nicht beerdigt. Verschiedene Häuser, in denen Tote seit 4-6 Tagen lagen, hat er abbrennen lassen, da die Leichen nicht mehr zu handhaben waren. Tausend Tote kommen aus einem Distrikt mit etwa 7-9000 Einwohnern (Samoaner). Unter der halbweißen Bevölkerung Apias hat die Krankheit schlimm gehaust … An Weißen haben wir bis heut Gott sei Dank noch keinen Deutschen verloren … Das Schlimme bei der Seuche ist, daß 99 Prozent aller Toten Erwachsene und ¾ davon Männer sind. Schlimm ist das furchtbar rasche Umsichgreifen, wodurch ganze Familien und Dörfer auf einmal krank werden...dass auf einmal alles hilflos daliegt. So ist es vorgekommen, dass in einzelnen Häusern die ersten an der Krankheit selbst, dann andere an den Folgen starben und endlich die letzten an Entkräftung und Hunger elend zugrunde gingen...Was dann noch die Sache so gefährlich für die Eingeborenen macht, ist die Indolenz der Leute. Man kann ihnen alle möglichen Verhaltensregeln vorbeten, sie versprechen alles und tun gar nichts. Oder sie resignieren einfach, legen sich in die Ecke und warten bis der Tod kommt. Es ist nicht mehr der geringste Hang zum Leben vorhanden...die Seuche wird weiter wüten bis sie in jedes Dorf gelangt ist.