Schopfheim / Todtnau

Jung und begabt: Talente aus Südbaden

Marlies Jung-Knoblich und Hermann Jacob

Von Marlies Jung-Knoblich & Hermann Jacob

Fr, 24. Juli 2015 um 00:00 Uhr

Schopfheim

Beide sind jung und fielen schon als Kinder wegen ihrer Begabungen auf: Jan Steinebrunner aus Todtnau (17) hat das Mathe-Gen, Lukas aus Schopfheim-Wiechs (13) das Kunst-Gen.

Beim 17-jährigen Jan Steinebrunner aus Todtnau hängen komplizierte mathematische Formeln an der Wand, beim 13-jährigen Lukas aus Schopfheim-Wiechs (Künstlername Ephraim Heftrich) großformatige Bilder, mit denen er schon erste Ausstellungen bestritten hat. Auch wenn es zwei verschiedene Wege sind, gibt es in den Ansätzen Gemeinsamkeiten.

WIE ES ANFING
Sowohl Jan Steinebrunner als auch Lukas fallen bereits im Kindergarten auf. Jan fällt das Zählen leicht. Dass man ihm "nichts erzählen konnte", wie seine Mutter sagt, deutete schon damals auf eine besondere Auffassungsgabe hin. Lukas war gerade mal vier Jahre alt, als er im Kindergarten ein Krokodil malen sollte. Kein Problem für den Knirps. Während die anderen Kinder Striche zeichneten, hatte Lukas ein glasklares Krokodil auf dem Papier.

In der Grundschule ging es bei beiden weiter. Bei einem Einschulungstest kommt bei Jan heraus, dass er in Mathematik schon in der dritten Klasse mithalten könnte. Zur Halbzeit des zweiten Schuljahres überspringt er eine Klasse und schreibt einen Bericht über die "Enigma"-Verschlüsselungsmaschine.

Auch die Lehrerin von Lukas staunte nicht schlecht, was er im Malen schon als Erstklässler draufhat. Die Grundschule hat ihn für die Hektor-Akademie in Efringen-Kirchen vorgeschlagen. Er musste Proben einreichen und wurde mit Kusshand genommen.

Man hat es, oder man hat es nicht – Jan Steinebrunner sozusagen das "Mathe-Gen" oder Lukas das "Kunst-Gen". Jedenfalls ist das Talent beider Jugendlichen außergewöhnlich. Als Achtjähriger löst Jan Steinebrunner gerne Rechenaufgaben der 5. bis 7. Klasse, zum Beispiel die binomischen Formeln. Mit 9 Jahren besteht er die Aufnahmeprüfung für den ersten Hochbegabtenzug an Lörracher Gymnasien, der aber wegen des Schulwegs nicht infrage kommt. Währenddessen erhält Lukas mit 6 Jahren Malunterricht beim Künstler Marek Puk und seit der vierten Klasse darf er einmal in der Woche am Oberstufenkurs in der Schopfheimer Waldorfschule teilnehmen. Lukas zaubert Landschaften in Acryl auf die Leinwand, die er selbst gesehen hat oder die er aus seiner Fantasie malt. Lukas geht heute aufs Gymnasium in Schönau, die Familie ist umgezogen.

Dort war auch Jan Steinebrunner Schüler. In der 5. Klasse schien ihm plötzlich die Lust an Mathe verlorengegangen zu sein, aber es war nur die Unterforderung des Hochbegabten. Auf Empfehlung eines Professors beginnt Jan, im Fach Mathematik immer wieder eine Klasse, einmal sogar zwei, zu überspringen. Als Zwölfjähriger nimmt er bereits am Mathematikunterricht der 13. Klasse teil, besucht das mathematische Forschungsinstitut in Oberwolfach und das Seminar für begabte Oberstufenschüler am Rotteck-Gymnasium Freiburg.

AUSSERGEWÖHNLICHE ERFOLGE
Jan ist 13 Jahre alt, als er an der Universität Freiburg wöchentlich zwei Tage das Schülerstudium in Mathematik beginnt. Den versäumten Unterrichtsstoff am Gymnasium Schönau holt er am Wochenende nach. Mit 15 Jahren wird er im Februar 2014 zum ersten Mal Bundessieger in Mathematik, schreibt im selben Jahr sein Abitur mit Note 1,1 und erhält drei Preise für Geschichte, Informatik sowie den Ferry-Porsche-Preis für Mathematik, Physik und Technik. Im Oktober 2014 beginnt er an der Uni Freiburg ein Parallelstudium in Mathe und Physik. Er wird zum zweiten Mal Bundessieger im Mathematikwettbewerb, wird als einziger Badener unter den größten Mathe-Assen Deutschlands ausgezeichnet und unterrichtet im Januar 2015 als Tutor an der Uni bereits 22-jährige Lehramtsstudenten. Als Bundessieger erhält er ein Stipendium des deutschen Volkes.

Auch Lukas hat mit seinen Bildern etliche Preise gewonnen und durfte als Drittklässler einen Kurs an der Kunstakademie des Landes Baden-Württemberg in Schloss Rosenfels besuchen. Er selbst wertet die Tatsache, dass er mit seinem Talent schon dreimal im Fernsehen war und drei Ausstellungen mit seinen Bildern zeigen durfte, als seine größten Erfolge. Die erste Ausstellung war die im Atelier seiner Kunstlehrerin Elena Politowa in Lörrach. "Das war toll und ich werde es nie vergessen", sagt der heute Dreizehnjährige. Die Themenausstellung "Brücken" in der Sparkasse Zell und schließlich die Ausstellung bei der Schopfheimer Volkshochschule gemeinsam mit den Schulen folgten. Seine Mutter erinnert daran, dass er für den Jugendbuchautor Daniel Kowalsky die Illustrationen für einen Band aus der Reihe "Joe Hart – Im Netz von Tarantola" gemacht hat. Daniel Kowalsky hörte von Lukas Talent und "engagierte" den Zwölfjährigen als Buchillustrator. Der Junge war im gleichen Alter wie die Helden seines Buches. "Das war stressig", sagt Lukas.

WAS MOTIVIERT SIE, TREIBT SIE AN?
Das Thema von Jans Bachelor-Arbeit beschäftigt sich mit "algebraischer Topologie". Welche Form kommt heraus, wenn ich einen Stuhl zu einer Scheibe plattdrücke? Etwa um solche Fragen geht es. Es ist die ständige Neugier, die den Mathematiker antreibt. Er braucht die Herausforderung. Es macht ihm einfach "verdammt viel Spaß", wenn er es schafft, eine abstrakte Theorie zu verstehen und Beweise zu finden, "als würde ich ein Rätsel lösen". Damit kann er sich stundenlang beschäftigen und vergisst alles um sich herum. Im Wohnzimmer des Elternhauses hängt eine große Tafel, auf der Jan mit Kreide mathematische Formeln entwickelt.

"Der Malunterricht bei Elena macht mir am meisten Spaß", sagt Lukas. Um gut zu sein, "muss man Geduld haben und es wollen", sagt er. Zwischen drei und sechs Stunden – in der Regel nicht am Stück – sitzt er an einem Bild. Der Aufwand lohnt, denn er hat auch schon Bilder verkauft. Im Schnitt, so verrät er, kostet so ein Bild 300 Euro. Und weil ihn das Malen interessiert, geht er auch gern in Kunstausstellungen. "Im Malen kann ich meine Gefühle ausdrücken." Lukas sieht seinen Bildern an, wann er gut oder schlecht drauf war. "Die Farben sind dunkel, wenn ich schlechte Laune hatte", lacht er.

AUSGLEICH ZUM TALENT
Die Eltern von Jan Steinebrunner – der Vater Maschinenbauingenieur, die Mutter Physiotherapeutin – wollten kein gedrilltes Wunderkind. Spaß und Hobbys, zum Beispiel Karate, Querflöte oder Schach, sollten bei Jan nicht zu kurz kommen. Im Abitursjahr lief er in Freiburg den Halbmarathon mit 1:29 Stunden, und zur Abwechslung hat er sich das Jonglieren mit vier Bällen beigebracht. Den Autoführerschein B und den Motorradführerschein A1 hat er schon in der Tasche.

Auch Lukas hat noch andere Interessen. "Ich klettere gern und fahre gern Mountainbike", erzählt er. Und fürs Musical, das in der christlichen Gemeinde einstudiert wird, spielt er schon mal ein Instrument oder singt. Denn die Musik gefällt ihm ebenfalls.

ZIELE UND ZUKUNFTSPLÄNE
Seine Ziele hat Jan klar vor Augen: Im Sommer 2015 wird er die Prüfung zum Bachelor of Science in Mathematik absolvieren, in zwei Jahren strebt er den Master in Mathe und den Bachelor in Physik an, dann will er "auf jeden Fall promovieren". Er würde gerne in der Mathematik bleiben, Traumjob wäre eine Professur, "die einzige Möglichkeit, um längerfristig in der Mathematik zu forschen und lehren", wie er sagt. Bei einem Empfang der Porsche-Preisträger durfte Jan die übliche Rede halten und bekam schon ein Angebot für ein Praktikum. Als Preisträger des Mathematik-Wettbewerbs erhält er außerdem die Gelegenheit, einmal am Max-Planck-Institut mit Spitzenmathematikern zu forschen. Welcher 13-Jährige weiß schon, was er später einmal werden möchte. Für Lukas steht aber fest, dass er auf jeden Fall weitermalen will. "Vielleicht kann ich mal Kunstlehrer werden oder ein Mallehrer, wie es Elena macht."