Vatikanisches Archiv

Schweigen kann für eine Seligsprechung hilfreich sein

Michael Weiss

Von Michael Weiss (Lehen)

Fr, 13. März 2020

Leserbriefe

Zu: "Auf der Suche nach der Mehrheit", Beitrag von Julius Müller-Meiningen (Politik, 3. März)
Die Öffnung der vatikanischen Archive ist nicht vergleichbar mit dem Öffnen der Büchse der Pandora. Während die antike Pandora durch Anheben des Deckels sämtliche bis dahin unbekannten Übel in die Welt entließ, werden die in der Dunkelkammer des Vatikans schlummernden Übel keine neuen Erkenntnisse zu Pius XII. bringen. Und schon gar keine negativen – zumal sich der Vatikan 70 Jahre Zeit gelassen hat, den Keller aufzuräumen.

Die Frage bezüglich des päpstlichen Kenntnisstandes über den Holocaust kann jeder selbst beantworten. Dazu benötigt es keiner jahrelangen Alimentation von Historikern, Hobby-Detektiven und Medien. Pius XII. wusste mindestens so viel wie Millionen Verfolgte, Politiker, Botschafter, Bischöfe, Nuntii und andere Täter und Helfer. Wozu also noch tiefer einsteigen in das Hirn eines "heroischen Tugend- und Moralapostels", der kriminelle Nazi-Kollaborateure beschäftigte?

Als Geschäftsführer einer Organisation, die für Nazi-Mörder massenweise Ausreisedokumente nach Südamerika ausstellte, kann "Der Stellvertreter" noch so viele politische Zwänge vorbringen – es entlastet ihn ebenso wenig wie einen neuzeitlichen Papst, der für ein weiteres Bühnenstück mit dem Titel "Der Verwalter" (des Missbrauchs) herhalten könnte. Schweigen, Unterlassen und Verdrängen macht immer mitschuldig – kann andererseits aber auch für eine provokative Seligsprechung durch Gleichgesinnte hilfreich sein. Michael Weiss, Lehen