Unterm Strich

Sebastian Vettel und Eros Ramazotti

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Mo, 03. Mai 2021

Unterm Strich

Deutsche und Italiener wissen nicht viel voneinander / Von Bettina Schulte.

Fast zweihundert Jahre war Italien für die Deutschen das Land, wo die Zitronen blühen, wie es der Dichterfürst Goethe so sehnsuchtsaufgeladen und erfahrungsgesättigt formuliert hat. Bella Italia: ein Territorium für Leichtigkeit, Lebensfreude und gutes Essen. Bis sich an einem Abend im März 2020 eine Kolonne von Militärlastwagen durch das nächtliche Fernsehbild schob: Seitdem steht Bergamo für ein Land, das von der Pandemie wie ein Tsunami überrollt wurde. Andererseits: Wo anders als in Italien hätten sich Menschen auf Balkone gestellt und dem ärztlichen Personal Mut zugesungen?

Da kommt diesseits der Alpen doch wieder die neidvolle Gewissheit auf, dass wir Deutschen allenfalls klatschen, aber niemals über den Hof schmettern würden. Was könnte der Nachbar dazu sagen?

Nun beschränkt sich das Verhältnis der europäischen Nationen zueinander nicht auf ihren Umgang mit Inzidenzen und Lockdown. Eine von der Friedrich-Ebert-Stiftung im Herbst in Auftrag gegebene Umfrage unter Deutschen und Italienern, welche Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Sport sie im jeweils anderen Land kennen, brachte Deprimierendes an den Tag. Den Italienern fiel – ein Schelm, wer Böses dabei denkt – nur Michael Schumacher und Sebastian Vettel ein, dann kamen ihnen noch die Band Rammstein und die Schriftstellerin Herta Müller in den Sinn, die eigentlich aus Rumänien stammt. Bei den Deutschen sah es für die italienische Kultur etwas besser aus. 50 Prozent nannten spontan Eros Ramazotti – ist ja auch ein toller Name –, 20 Prozent Gianna Nannini, 16 Prozent Adriano Celentano. Dass sie alle singen, führt unmittelbar zurück auf die Balkone.

Und sonst? Kommt Italien bei den Deutschen schlechter weg als umgekehrt. Die Italiener neigen im Gegenteil zur grandiosen Überschätzung Deutschlands, was dessen Wirtschaftskraft angeht. Man weiß wenig voneinander, so das Fazit – und das wenige Wissen nehme auch noch ab, die schleichende Entfremdung dagegen zu. Ach, Goethe.