Interview

Sind Baden-Württemberger tatsächlich ein Volk von Revoluzzern?

Sebastian Kaiser

Von Sebastian Kaiser

So, 29. November 2020 um 09:56 Uhr

Südwest

BZ-Plus Wyhl, Stuttgart 21, jetzt die "Querdenker"-Bewegung: Sind Menschen im Südwesten wirklich so rebellisch? Ein Gespräch mit Politikwissenschaftler Ulrich Eith über Bürgerproteste und ihre Geschichte.

Die gescheiterte badische Revolution von 1848, das verhinderte Kernkraftwerk in Wyhl, die Proteste gegen Stuttgart 21 und die Querdenker-Bewegung, die sich gegen die Corona-Politik der Bundesregierung richtet. Sind die Menschen im Südwesten besonders aufsässig? "Baden-Württemberg hat schlicht eine aufmüpfige Tradition", meinte kürzlich die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung Gisela Erler. Und im Magazin "Cicero" fragte sich der Journalist Moritz Gathmann, was es denn sei, das den vermeintlich braven Baden-Württemberger so rebellisch mache. Ob die Baden-Württemberger tatsächlich ein Volk von Revoluzzern sind? Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Ulrich Eith, der dafür einen Streifzug durch die Landesgeschichte unternommen hat.
BZ: Herr Eith, was ist denn mit den Baden-Württembergern los? Sind wir wirklich so rebellisch, wie einige derzeit behaupten?
Eith: Also zunächst einmal muss man bei so einem Thema aufpassen, nicht unzulässig zu verallgemeinern und alle Menschen über einen Kamm zu scheren. Am Ende kommt es immer auf den Einzelnen an. Aber man kann sicherlich von bestimmten Mentalitäten sprechen, die einzelne Landstriche prägen und sich dann auch auf gesellschaftspolitische Verhaltensweisen auswirken. Und da gibt es auf dem Boden des heutigen Baden-Württembergs einige Ereignisse und Entwicklungen, die man zunächst in so eine revolutionäre oder rebellische Perspektive stellen könnte.
BZ: Und wenn man genauer hinsieht?
Eith: Dann erkennt man, dass all diese Ereignisse ihre eigenen Ursachen und Verläufe haben. So etwas wie ein Revoluzzer-Gen gibt es jedenfalls nicht. Zumal Baden-Württemberg erst nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde und aus ganz unterschiedlichen Kulturräumen besteht. Die wiederum sind jeweils auf ihre eigene Weise historisch, religiös und wirtschaftlich geprägt.
BZ: Welche Kulturräume sind das denn?
Eith: Nehmen Sie beispielsweise den Rheingraben. Hier war der Südwesten wirtschaftlich betrachtet immer schon ein Durchgangsland. Seit jeher sind die Menschen den Kontakt zu Fremden gewöhnt. Die staatliche Einheit hingegen kam in Baden vergleichsweise spät. Erst 1806 ist das Land Baden von Napoleon als politische Einheit ins Leben gerufen geworden. Es hatte durch seinen Großherzog eine für die damalige Zeit bereits sehr liberale Verfassung. Zuvor gehörten die Städte und Ortschaften teilweise sehr unterschiedlichen geistlichen oder weltlichen Herrschern an. Es gab evangelisch geprägte Gegenden, große ...

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