Gesundheit und Soziales

Sinnstiftende Berufe – es gibt gute Gründe für eine Ausbildung in der Pflege

Inga Dreyer

Von Inga Dreyer (dpa)

Di, 09. März 2021 um 08:44 Uhr

Beruf & Karriere

Die Pflege hat keinen guten Ruf. Hohe Arbeitsbelastung, geringe Löhne: Pflegekräfte kämpfen für bessere Bedingungen. Stellt sich die Frage: Warum sollte man sich überhaupt für den Beruf ent scheiden?

Eigentlich wollte Lea Friedrich Theater machen. Die Hospitanz an einer Berliner Bühne gefiel ihr gut, doch dann kam es anders. Auf einer Party lernte sie einen Krankenpfleger kennen, der ihr Einblicke in ein ganz anderes Berufsfeld eröffnete. "Gerade im Vergleich zur Kunstwelt hat mich das total fasziniert", sagt sie.

Um eigene Erfahrungen zu sammeln, machte sie ein Praktikum in der Krankenpflege. "Dann war schnell klar, dass ich die Ausbildung machen will", erzählt die 27-Jährige. Vom Theater ins Krankenhaus? Viele in ihrem Umfeld reagierten irritiert. Doch Lea Friedrich war sicher. "Ich habe gemerkt, dass ich etwas brauche, das mich am Boden hält."

Die Pflege hat in Deutschland einen schlechten Ruf. "Jeder kennt irgendjemanden, der in dem Bereich arbeitet, und bekommt mit, wie hoch die Belastung ist", sagt die Gesundheits- und Krankenpflegerin. Auch während der Corona-Pandemie wird über Fachkräftemangel, Arbeitsbelastung und zu niedrige Löhne diskutiert. Aus dem Blick gerät dabei oft, wie motiviert viele Pflegekräfte ihren Job ausüben. "Ich wäre nicht so engagiert, wenn ich meinen Beruf nicht so lieben würde", sagt Valentin Herfurth. Er wollte eigentlich Medizin studieren und absolvierte deshalb ein Pflegepraktikum. "Dabei habe ich gemerkt, dass das, was ich mir vom Beruf als Arzt versprochen habe, in der Pflege viel präsenter ist."

Wichtig war für ihn die Nähe zu den Patientinnen und Patienten. "Ich dachte, ich kann Menschen in der Bewältigung von existenziellen Krisen unterstützen", sagt er. Beim Praktikum habe er gemerkt, dass es in der Praxis eher die Pflegekräfte sind, die Menschen in solchen Momenten zur Seite stehen. Seine Ausbildung hat er an den Wannseeschulen für Gesundheitsberufe in Berlin absolviert. Er empfiehlt, immer erst ein Praktikum in der Pflege zu machen. "Dort kann man dann Kolleginnen und Kollegen, von denen man den Eindruck hat, dass sie fachlich etwas draufhaben, nach ihrem Werdegang fragen." Ein großer Vorteil seines Berufs sei, dass Pflegekräfte immer gebraucht werden, sagt Herfurth. "Ich werde mein Leben lang immer einen Job haben." Als Krankenpfleger könne er überall auf der Welt arbeiten und Hilfe leisten – ob auf Festivals oder in der Flüchtlingshilfe.

Überrascht habe ihn der inhaltliche Anspruch der Ausbildung. "Ich habe gemerkt, dass das Ganze auf einem extrem hohen Niveau stattfindet – was auch richtig ist. Ich trage ja nachher Verantwortung für Menschenleben." Wichtig sei, Reflexionsfähigkeit und Gelassenheit gegenüber stressigen Situation mitzubringen. "Man muss sich bewusst sein, dass wir Pflegenden täglich in sensible Lebensbereiche eindringen. Ich sollte mich nicht persönlich angegriffen fühlen, wenn Patientinnen und Patienten auch mal gereizt reagieren."

Als wertvoll empfinde er, viel über menschliche Kommunikation zu lernen. Das erzählt auch Annette Stein (Name geändert), die seit Langem als Altenpflegerin arbeitet – sowohl in Pflegeheimen als auch im ambulanten Bereich. Gerade in der Altenpflege sei die Bezahlung schlecht, die Arbeitsbelastung hoch und die gesellschaftliche Anerkennung viel zu gering. Leider habe die Pflege ein schlechtes Image, sagt sie. "Wenn ich positiv darüber rede, schaue ich häufig in fassungslose Gesichter. Dabei liebe sie ihren Beruf – vor allem wegen der älteren Menschen. "Das sind interessante Leute, die ein langes Leben hinter sich haben." Von Außenstehenden höre sie oft, dass sie den Alten bloß den Hintern abwische. "Das gehört dazu, denn wir sind mit der ganzen Person beschäftigt. Ein alter Mensch besteht aber nicht nur daraus, dass er frisch gemacht werden muss."

Schön sei, wenn sich langsam ein Vertrauensverhältnis zu den Menschen entwickele. "Es ist toll, wenn die älteren Herrschaften von sich erzählen, aus sich rausgehen, mit dir Spaß haben und sich trauen, ihre Persönlichkeit zu zeigen und ihre Wünsche zu äußern." Wer in der Pflege arbeiten wolle, sollte empathisch sowie körperlich und psychisch belastbar sein, sagt Gabi Heise. "Das ist ja nicht immer so hübsch wie im Fernsehen", betont die ausgebildete Krankenpflegerin. Sie arbeitet als Betriebsrätin bei den Vivantes-Kliniken in Berlin und engagiert sich beim Bündnis "Gesundheit statt Profite".

"Die Pflege ist ein wunderschöner Beruf, wenn man Zeit für seine Patienten hat", sagt sie. Während der Ausbildung durchlaufe man viele unterschiedliche Bereiche. "Da bekommt man schon ein Gefühl dafür, was einem liegt." Ausbildungsplätze gebe es derzeit viele, weil Nachwuchs gesucht werde. Leider verließen viele junge Menschen den Beruf schnell wieder. Wer heutzutage in der Pflege arbeiten wolle, solle bereit sein, sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen, findet die Betriebsrätin.

Lea Friedrich arbeitet gerne in der Pflege – und möchte es noch lange tun. Ihr gehe es darum, dass es den Menschen, die sie betreut sowie ihren Kolleginnen und Kollegen, gut geht. Langweilig werde es in ihrem Job nie. "Wer Lust hat auf viele extreme Erfahrungen, ist auf jeden Fall richtig in dem Beruf."
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