Die Schanze ist noch ein fernes Ziel

Annemarie Zwick

Von Annemarie Zwick

Fr, 14. Februar 2020

Skispringen

Skisprung-Teamweltmeisterin Ramona Straub ist nach ihrem Kreuzbandriss im Aufbautraining und nimmt sich Zeit für andere Dinge.

TITISEE-NEUSTADT. "Vom Feeling her ist es noch etwas holprig", sagt Ramona Straub über ihr "Annäherungstraining", wie sie es nennt. Bei Landestrainer Rolf Schilli tastet sich die Langenordnacherin am Ski-Internat Furtwangen (SKIF) gerade wieder an die üblichen Übungen der Skispringer heran. In der Halle wohlgemerkt. Denn um wieder über eine Schanze zu gehen, "reicht’s noch lange nicht", weiß die 26-jährige Skisprung-Teamweltmeisterin. Unter anderem fehle es noch an der nötigen Stabilität.

Doch ihr rechtes Knie ist nach dem Kreuzbandriss am 10. März 2019 beim Weltcupspringen in Oslo wieder voll belastbar. Elf Monate später, nach erfolgreicher Operation bei ihrem bevorzugten Orthopäden Andreas Kugler in München, anschließender Reha und einer Null-Bock-Phase bis zum Wiedereinstieg ins Aufbautraining, mit reichlich Abstand zum folgenschweren Sturz, erzählt Ramona Straub von ihrer Vorahnung vor dem entscheidenden Sprung an jenem Tag auf der Großschanze am Holmenkollen.

Im ersten Durchgang des Auftaktspringens der Raw-Air-Tournee, einer Premiere im Frauenskispringen, lag die Hochschwarzwälderin nach einem 117 Meter weiten Flug auf dem zweiten Platz. Mit Aussicht auf den zweiten Podestplatz ihrer Karriere in einem Einzelspringen, womöglich den ersten Weltcupsieg. Denn Ramona Straub schien in der Form ihres Lebens. Zwölf Tage zuvor war sie in Seefeld Teamweltmeisterin geworden – mit der besten Einzelleistung.

Das war ihre Ausgangsposition, als sie der Zweifel befiel: "Soll ich jetzt Vollgas machen?" Denn da gab’s diese negative Ahnung, vermutlich mit angerissenem Kreuzband auf dem Anlaufbalken zu sitzen. "Ich hab’s eiskalt ignoriert", sagt sie über ihre Entscheidung für das Risiko. Ramona Straub glaubt, dass sich von 100 Weltcup-Skispringern und -springerinnen in dieser Situation genau 100 wie sie entschieden hätten: für den Sprung, gegen den Rückzug. Gegen die Vernunft, wie sie heute weiß.

In der Luft war noch alles gut, auch die Landung nach 118,5 Metern schien geglückt, doch dann kippte sie nach rechts und stürzte. Aus der Traum. Ramona Straub hatte versucht, sich abzusichern. Zwischen dem WM-Einzelspringen in Seefeld, bei dem sie sich mutmaßlich das Kreuzband angerissen hatte, und dem Weltcup in Oslo war sie beim Arzt. Doch die Ultraschalluntersuchung ergab keinen Befund: "Manche Sachen sieht man nicht." Und sie habe damals nicht bemerkt, dass sie ihre Landung mit dem 2014 operierten linken Knie nicht stabilisieren konnte.

Inzwischen hat sie ihre Sprünge analysiert und sich gefragt: "Wo merk’ ich die Belastungen am meisten?" Dabei stellte die Sportsoldatin Defizite "im körperlichen Aufbau" fest. Die Idee, an ihrem Sprungstil etwas zu verändern, könne sie natürlich erst nach und nach umsetzen, wenn sie wieder auf der Schanze ist. Die 26-Jährige beschäftigt sich jetzt auch zunehmend mit der Technik des Skispringens und überlegt, was man ändern könnte, um die Kreuzbänder zu entlasten.

"Der Kopf will, aber die

Frage ist, was der Körper

noch erträgt."

Ramona Straub über ein Comeback
Kreuzbandrisse legen allein bei den deutschen Springerinnen derzeit auch Teamweltmeisterin Carina Vogt und Gianina Ernst lahm, Anna Rupprecht wurde vom Meniskus ausgebremst. Bei den Männern ist neben anderen der Baiersbronner David Siegel betroffen, mit dem Ramona Straub am Olympiastützpunkt Freiburg ein spezielles Aufbautraining absolviert. Für die unkomplizierte Unterstützung am OSP ist sie sehr dankbar. Sie wirke als Motivationsschub. Ebenso das freudige Wiedersehen mit den Kolleginnen aus aller Welt kürzlich beim Frauen-Weltcup in Oberstdorf.

Ramona Straub strebt die Rückkehr in den Weltcup an. Nach der dreiwöchigen Reha im Mai lag dieser Gedanke noch sehr fern. Sie habe "immer Physio gemacht fürs Knie, aber sonst eher Halbgas". Rückblickend sagt sie, "ich war echt raus". Sie nahm sich Zeit für Dinge, zu denen sie im Leistungssportgetriebe nicht gekommen war: betreute ihre Großeltern, machte Urlaub mit ihrer Mutter in Schottland und auf Einladung der Deutschen Sporthilfe mit anderen Medaillengewinnern im "Club der Besten" auf Fuerteventura. Sie befasste sich mit Politik und mit der Psyche. Die Möglichkeiten, die Mentaltraining bietet, findet sie "faszinierend". Beim Weltcup der Männer in Neustadt gewann sie tiefe Einblicke in die Organisation und war "fast geschockt", wie viel Arbeit die ehrenamtlichen Helfer meist im Hintergrund leisten. Für die "Running Dragons", den Hochschwarzwälder Skisprungnachwuchs, organisierte die Weltmeisterin einen Trainingstag mit Schnitzeljagd und staunte, "was man da alles machen muss". Deshalb möchte sie den rührigen Dragons-Trainer Philipp Rießle gerne weiter unterstützen.

In der gemischten Trainingsgruppe von Rolf Schilli kann die erfahrene Athletin ihren jungen Kolleginnen Agnes Reisch (20) aus Isny und Anna Jäkle (16) aus Schonach "kleine Hilfestellungen und Tipps" geben. Wobei das Training auf jede individuell zugeschnitten ist. Bei Ramona Straub, die ihren Einsatz nach und nach intensiviert hat, stehen in Kürze Tests auf der Kraftmessplatte an. Noch fehle es der Muskulatur an Substanz. Falls alle Tests positiv ausfallen, könne sie im Sommer erstmals wieder auf die Schanze. Dann werde sich zeigen, ob die Heim-Weltmeisterschaft 2021 in Oberstdorf ein realistisches Ziel ist.

"Der Kopf will, aber die Frage ist, was der Körper noch erträgt." Doch solange sie Spaß an ihrem Sport habe, will Ramona Straub um die Rückkehr auf die Schanzen kämpfen. Ob sie es jemals wieder in die Weltspitze schaffen wird, ist ihr nicht so wichtig: "Man nimmt trotzdem noch so unfassbar viel mit und lernt so viel dabei."