Baumaterial

So soll Beton klimafreundlicher werden

Jelka Louisa Beule

Von Jelka Louisa Beule

Do, 24. November 2022 um 09:44 Uhr

Wirtschaft

Das wichtige Baumaterial Beton hat eine schlechte Klimabilanz. Es gibt Möglichkeiten, den Beton umweltfreundlicher zu machen. Doch in der Masse ist die Technologie noch nicht angekommen.

Beton ist das wichtigste Baumaterial – aber mit der CO2-Bilanz sieht es katastrophal aus. Technisch gibt es längst Möglichkeiten, den Beton umweltfreundlicher zu machen. Doch in der breiten Masse ist die Technologie noch nicht angekommen.
Eigentlich klingt Beton nicht wie der Klimakiller schlechthin. Der Baustoff besteht zu rund 90 Prozent aus natürlichen Materialien wie Sand, Kies und Wasser. Fürs Klima problematisch ist das Bindemittel Zement: Dieses verschlingt bei der Herstellung Unmengen an Energie. Hinzu kommen ein enormer Abbau- und Verarbeitungsaufwand, der Transport – und vor allem die gigantische Menge: Beton zählt zu den meistgenutzten Produkten der Welt. In der Summe wird die Betonherstellung für fast zehn Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich gemacht.

Es gibt ganz verschiedene Ansätze

Um die Klimabilanz zu verbessern, wollen Forscher und Unternehmen den Beton umweltfreundlicher machen. Der globale Verband der Zement- und Betonbranche will bis 2050 klimaneutral sein. Doch den einen nachhaltigen Beton gebe es nicht, betont Alexander Rother von der Bauwirtschaft Baden-Württemberg: Begriffe wie Ökobeton seien nicht definiert, es gebe verschiedene Ansätze. Aber: Ökobeton hat auf dem Markt nur dann eine Chance, wenn er genauso stabil und haltbar ist wie herkömmlicher Beton.

Welcher Betonart die Zukunft gehört, sei noch nicht absehbar, sagt Rother. "Aber wir sehen ganz große Hebel, um CO2 einzusparen." Um den Prozess voranzutreiben, haben sich in Baden-Württemberg und Bayern Partner aus Bauplanung, Bauwirtschaft, Baustoffindustrie sowie Forschung zusammengetan und das Netzwerk "Solid Unit" gegründet.

Alt-Beton wird schon vielfach verwendet

Eine naheliegende Möglichkeit ist, Alt-Beton nach dem Abriss von Gebäuden wiederzuverwerten. Das wird schon viel gemacht, allerdings sei der Recyclingbeton zwar ressourcenschonend, ändere am CO2-Fußabdruck aber nichts, gibt Thomas Richter vom Informationszentrum Beton aus Berlin zu bedenken. Denn dem aufbereiteten Alt-Beton muss noch immer Zement zugesetzt werden – der eigentliche Klimakiller. Außerdem werde ein Großteil des Alt-Betons bereits wiederverwendet zum Beispiel als Unterbau für den Straßenbau. Wandere der Recyclingbeton stattdessen in Häuser, sei für die Umwelt nichts gewonnen.

Dass das Bindemittel Zement so klimaschädigend ist, liegt an den hohen Temperaturen im Herstellungsprozess und an chemischen Reaktionen. In Zementwerken entsteht aus Kalkstein und Ton bei 1450 Grad Celsius der Zementklinker, der die übrigen Betonzutaten zu einem festen Gemisch verbindet. Dafür wird viel Energie benötigt. Außerdem wird bei dem Prozess der im Kalkstein gebundene Kohlenstoff frei. Deshalb ist das Ziel, den Zement ganz oder teilweise durch andere Stoffe zu ersetzen. Als alternative Zusatzstoffe eignen sich Abfälle anderer Industriezweige, etwa Schlacke aus Roheisen-Hochöfen oder Flugasche, die bei der Kohleverbrennung übrigbleibt. Andere Möglichkeiten sind Pflanzenfasern.

Bislang gibt es kaum Nachfrage aus der Bauwirtschaft

Geforscht wird auch an CO2-negativem Beton, der Kohlendioxid bindet, anstatt es freizusetzen. Dies könnte durch das magnesiumhaltige Gestein Olivin möglich werden. Als sehr zukunftsfähig gilt Carbonbeton, der deutlich leichter und tragfähiger ist als Stahlbeton und bei dem Carbonfasern eingesetzt werden.

Insgesamt sei technisch sehr viel machbar, sagt Rother: "Dennoch ist die Technologie noch nicht in der breiten Masse angekommen." Das liege auch an der mangelnden Nachfrage aus der Bauwirtschaft. "Das ist so ein Henne-Ei-Problem": Wenn niemand nach umweltfreundlicheren Betonen frage, stelle sich die Industrie nicht darauf ein – schließlich sei dies mit Aufwand und Kosten verbunden – und entsprechend gebe es kaum Angebote. Welche Anteile die ökologischen Betone aktuell am Markt haben, dazu können die Experten keine Aussagen treffen.

Es braucht politische Anreize, etwa bei Ausschreibungen

Um die Klimabilanz von Massivbauten zu verbessern, spielen aber auch die Transportwege und die Bauweise eine Rolle, sagt Richter. Zum Beispiel werde in Deutschland traditionell viel mit Massivdecken gearbeitet. Durch andere Konstruktionen ließe sich jede Menge Beton einsparen: "Auch damit kann man schon viel erreichen." Wichtig sei es, das Thema "nun auf allen Ebenen in die Köpfe zu bringen". Architekten, Planer, Industrie, Bauunternehmen: Sie alle müssten mit ins Boot geholt werden, sagt auch Christine Buddenbohm vom Zentralverband des Deutschen Baugewerbes aus Berlin. Wichtig seien auch Ausschreibungsmodalitäten, etwa bei öffentlichen Gebäuden: Bislang spielten umweltfreundlichere Betone kaum eine Rolle. Dabei könnten Kommunen zum Vorreiter werden.

Und wie sieht es mit den Kosten aus? Die Bauwirtschaft ächzt schon darunter, dass alles teurer wird. Zumindest beim Recyclingbeton sei diese Sorge unbegründet, sagt Buddenbohm: Dieser sei kostenneutral zu bekommen. Bei anderen alternativen Betonen müssten Bauherren jedoch mit Mehrkosten rechnen, erklärt Rother. Genaue Zahlen seien schwierig zu nennen. Dies hänge von vielen Faktoren ab. Perspektivisch könne sich das Rad aber drehen – etwa durch neue politische Vorgaben oder Fördermittel, die Anreize zum Bauen mit grünem Beton bieten.

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