Soll man den Wald in Ruhe lassen?

Alexander Huber

Von Alexander Huber

Sa, 21. September 2019

Müllheim

Informationsveranstaltung der Stadt und der BI "Rettet den Eichwald" zur Forstwirtschaft im Müllheimer Stadtwald.

MÜLLHEIM. Wie soll der Eichwald in Zukunft aussehen? Wie soll er bewirtschaftet werden? Über diese Fragen ist in Müllheim eine heftige Diskussion entbrannt, die zur Gründung der Bürgerinitiative "Rettet den Eichwald" führte. Stadt und BI einigten sich auf eine gemeinsame Informationsveranstaltung, die nun am Donnerstagabend im Bürgerhaus stattfand. Ein Ergebnis brachte sie nicht, wohl aber viele interessante Aspekte eines hochkomplexen Themas, das vor allem in der Frage mündete: Wie stark sollen wir in die Natur eingreifen?

Wenn man bedenkt, wie viel Wirbel die Eichwald-Diskussion im Frühjahr ausgelöst hat, musste man sich doch ein wenig wundern, dass die Info-Veranstaltung, gemeinsam von Bürgerinitiative und Stadtverwaltung mit einigem Aufwand auf die Beine gestellt, nur den kleinen Saal im Bürgerhaus gerade so füllte. Eher spärlich war auch das Interesse aus den Reihen des Gemeinderates – eine gute Handvoll aus dem Gremium war zugegen – worüber Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich in ihrem Schlusswort recht unverhohlen ihre Enttäuschung bekundete.

Denn es dürfte damit zu rechnen sein, dass sich die Müllheimer Kommunalpolitik unter dem Nachfolger von Siemes-Knoblich weiter mit dem Eichwald beschäftigen muss – und die Veranstaltung am Donnerstag, souverän moderiert von Regina Rhodius, machte die Komplexität des Themas überdeutlich. Vor allem die Impulsvorträge von vier Forstfachleuten brachten viele interessante Aspekte und ließen dabei vor allem zwei sehr unterschiedliche Philosophien herauskristallisieren, wie mit dem Wald umzugehen sei – nicht zuletzt unter dem Eindruck des Klimawandels. Die traditionelle Forstwirtschaft geht von relativ deutlichen Eingriffen des Menschen in den Wald aus, sie modelliert sozusagen die Natur, begegnet aktuellen und prognostizierten Problemen mit planvollem Handeln – und sieht den Wald nicht nur, aber auch als ökonomischen Faktor. Lutz Fähser, leitender Forstdirektor im Ruhestand, der während seiner Berufslaufbahn unter anderem für den Lübecker Stadtwald verantwortlich war, setzt an diesen klassischen Ansatz ein dickes Fragezeichen. Seine Devise lautet: Möglichst wenige Eingriffe in den Wald und vor allem eine deutlich stärkere Rücksicht auf die Bodenstrukturen – "auf das, was wir nicht sehen", wie Fähser sagt. Der aktuellen Forstwirtschaft wirft er vor, etwa durch Bodenverdichtung durch Forstfahrzeuge wichtige organische Beziehungen zu zerstören.

In die gleiche Kerbe schlug, noch um einen Ticken radikaler, Volker Ziesling von den Landesforsten Rheinland-Pfalz, Grünen-Mitglied und Sprecher bei Greenpeace: Für ihn stellt der Klimawandel den Wald in Deutschland schon jetzt vor die Existenzfrage, wie Ziesling anhand einiger Fotos aus den vergangenen beiden Trockenjahren demonstrierte. Bilder, die auch illustrierten, dass sich der Müllheimer Eichwald noch in vergleichsweise gutem Zustand befindet, was Ziesling vor allem auf die "sehr guten Böden" zurückführt. Generell aber gilt für ihn: Der Erhalt des Waldes muss absolute Priorität haben. Die multifunktionale Waldwirtschaft funktioniere unter dem Eindruck des Klimawandels nicht mehr – und Aktionismus angesichts der aktuell zu beobachtenden Waldentwicklung sei der falsche Weg. "Bitte etwas Geduld", lautet seine Devise; Ziesling plädiert, ähnlich wie Fähser, den Wald möglichst in Ruhe zu lassen und die Natur zu belauschen. Ganz wichtig ist beiden Referenten, vor allem alte Baumstrukturen möglichst zu erhalten.

Den Wald sich selbst zu überlassen, bringt aber auch so manches Dilemma mit sich – speziell im Müllheimer Eichwald, der in besonderem Maße ein Kulturwald ist, wie Ulrich Kohnle, Professor von der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg, erläuterte. Überlasse man den Eichwald sich selbst, werde er unweigerlich zum Buchenwald. Eine Stabilisierung oder gar Erhöhung der Eichenbestände – die in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zurückgegangen sind und nun bei unter 50 Prozent liegen – sei ohne Eingriffe in den Wald nicht möglich, da ohne ausreichende Belichtung immer die Buche die Eiche verdränge.

Genau von diesem Szenario geht das aktuelle Forsteinrichtungswerk für den Eichwald aus, dass Forstdirektor Michael Kilian noch einmal erläuterte. Es sieht eine Stabilisierung der Eichenbestände durch Verjüngung vor, die man aber behutsam über einen langen Zeitraum vornehme, wie Kilian betonte. Kilian trat dem Vorwurf entgegen, man beute den Eichwald wirtschaftlich aus. Trotz der geplanten Einschläge, so Kilian, werde dort der Holzvorrat, auch der Bestand an alten Eichen, signifikant zunehmen.

Als wäre die Ökologie nicht schon kompliziert genug, kommt auch noch die menschliche Psyche hinzu, wie Andy Selter von der Professur für Forst- und Umweltpolitik der Uni Freiburg in seinem Vortrag über die Erholungsfunktion des Waldes erläuterte. Zwar gebe es ein paar allgemeine Kriterien, die eine Wald für Menschen attraktiv erscheinen lassen – wie eine gute Zugänglichkeit, Abwechslungsreichtum und auch eine gewisse Offenheit – doch letztlich habe jeder sein ganz eigenes Bild von einem guten Wald.

Dass zumindest das Bild der Anhänger der BI "Rettet den Eichwald" nicht oder nur in Teilen dem Status quo im Müllheimer Stadtwald entspricht, wurde natürlich auch am Donnerstagabend wieder deutlich. Die "Zeichen stehen auf Rot", meinte Hubert Kohler als Sprecher der BI, die nach wie vor eine deutliche Änderung der Zielsetzung bei der Bewirtschaftung des Eichwaldes fordert.