Bundestagswahl

Die Rennen um die südbadischen Direktmandate sind offen

Karl-Heinz Fesenmeier

Von Karl-Heinz Fesenmeier

So, 26. September 2021 um 09:39 Uhr

Südwest

Der Sonntag An Prognosen mangelt es vor dieser Bundestagswahl nicht. Noch ist der Ausgang offen. Jetzt entscheiden die Wählerinnen und Wähler - Wer kann die Stimmen in Südbaden auf sich vereinen?

Sätze wie "Die Wahl ist ja ohnehin schon gelaufen" hört man vor dieser Bundestagswahl nicht. Zurecht. Das liegt nicht nur an knappen Prognosen, sondern auch an der hohen Zahl von Unentschlossenen. Überraschungen sind möglich – auch im Hinblick auf die südbadischen Mandate.

Die SPD liegt vorne, eng wird es trotzdem

Die Reden sind gehalten, die Trielle ausgefochten, die Wahlstände abgebaut. Jetzt entscheiden die Wählerinnen und Wähler. Und natürlich gibt es noch mal einen letzten Blick auf das Stimmungsbild: Nach fünf Umfragen in dieser Woche (Kantar, Forschungsgruppe Wahlen, Forsa, Insa, Yougov) liegt die SPD mit 25 Prozent vor der Union (21 bis 23). Die Grünen kommen auf 14 bis 17 Prozent, die FDP auf 11 bis 12, die AfD auf 10 bis 12 und die Linke auf 6 bis 7 Prozent.

Doch das könnte alles Schall und Rauch sein. Denn geht man davon aus, dass jeder Wert – wie die Institute einräumen – eine Unschärfe von plus 3 bis minus 3 Prozentpunkte hat, wird klar, wie eng der Wettlauf um die Macht werden kann. Der Wahlabend jedenfalls verspricht spannend zu werden. Vieles deutet daraufhin, dass man lange ausharren muss, ehe sich ein Ergebnis abzeichnet. Auch die ersten Prognosen um 18 Uhr können ein verzerrtes Bild liefern. Der Grund: Sie beruhen auf Befragungen nach der Wahl und berücksichtigen nicht die Briefwähler, die dieses Mal nach Schätzungen fast 50 Prozent ausmachen.

Spannend wird es auch beim Kampf um die südbadischen Mandate. Bei der letzten Bundestagswahl 2017 hat die CDU alle 38 Direktmandate in Baden-Württemberg geholt. Sie war bei Bundestagswahlen meistens der Platzhirsch in Südbaden. Vor allem in ländlich geprägten Wahlkreisen galt ein Direktmandat fast als Selbstverständlichkeit.

Direktmandate für CDU entscheidend

Diese Zeiten sind für die CDU vorbei. Ihr Umfragetief könnte auch bei den Erststimmen ihre Spuren hinterlassen. Alle vier CDU-Direktkandidaten der Wahlkreise Emmendingen-Lahr, Freiburg, Lörrach-Müllheim und Waldshut sind nicht über die Landesliste abgesichert. Das würde wohl auch nichts bringen, weil die CDU vermutlich immer noch so viele Mandate direkt erringen wird, dass es über die Landesliste ohnehin nichts zu verteilen gäbe. Für die südbadischen CDU-Kandidaten ist der Gewinn des Direktmandats also der einzige Weg nach Berlin. Für die Kandidaten aller anderen Parteien gilt, sich möglichst über die Landesliste ihrer Partei abzusichern. Was bedeutet das? Jeder Wähler hat bekanntlich zwei Stimmen: Mit der Erststimme wählt er den Abgeordneten seines Wahlkreises direkt. Wer von den Direktkandidaten die meisten Stimmen erhält, zieht in den Bundestag ein. Mit der Zweitstimme wählt der Bürger eine Partei. Die Zweitstimme entscheidet allein über die Kräfteverhältnisse im Bundestag. Wenn nun wie bei der Wahl 2017 eine Partei – wie damals die CDU – alle Direktmandate in einem Bundesland holt, bekommen die anderen Parteien zum Ausgleich so viele Mandate zugesprochen, bis am Ende das Kräfteverhältnis zwischen den Parteien wieder stimmt.

Landeslisten bestimmen, wer die besten Chancen auf ein Mandat hat

Wer bei den Landeslisten welchen Platz belegt, entscheiden die Parteien auf Wahlparteitagen. Sie wählen die Kandidaten auf die Plätze 1 bis 38 (weil es 38 Wahlkreise sind). Je weiter vorne jemand steht, desto größer sind seine Chancen auf ein Mandat.

Die baden-württembergischen Abgeordneten im aktuellen Bundestag verteilen sich wie folgt: Die CDU hat 38 Abgeordnete (alle direkt gewählt). Alle Abgeordnete der anderen Parteien zogen über die Landeslisten ein: 16 für die SPD, 13 für die Grünen, 12 für die FDP, 11 für die AfD und 6 für die Linke. Maßgeblich für die Berechnung der Abgeordnetenzahl ist das Abschneiden der Partei im jeweiligen Bundesland. Als grobe Faustregel für Baden-Württemberg galt bisher: Pro ein Prozentpunkt gibt es etwa ein Mandat. Falls die CDU allerdings mehrere Direktmandate verlieren sollte, stimmt die Regel vermutlich nicht mehr so ganz.
Welche Kandidatinnen und Kandidaten der Wahlkreise zwischen Lahr und Waldshut haben nun die besten Chancen, in den Bundestag einzuziehen?

Wahlkreis Emmendingen-Lahr:

Peter Weiß, der das Direktmandat für die CDU innehatte, tritt nicht wieder zur Wahl an. Für ihn geht der 31-jährige Yannik Bury ins Rennen. Johannes Fechner (SPD) hat auf der Landesliste einen komfortablen Platz 6 und wird praktisch sicher wieder in den Bundestag einziehen. Gute Chancen auf einen Wiedereinzug hat auch der AfD-Abgeordnete Thomas Seitz, der Listenplatz 9 einnimmt.

Wahlkreis Freiburg:

Matern von Marschall tritt an, um nach 2013 und 2017 ein drittes Mal das Direktmandat für die CDU zu holen. Verhindern könnte das die 26-jährige Chantal Kopf von den Grünen. Sie gilt mit Listenplatz 14 allerdings als recht gut abgesichert. Mitmischen im Kampf ums Direktmandat will auch Julia Söhne von der SPD. Mit Listenplatz 33 geht sie allerdings ohne Sicherungsnetz ins Rennen. Eine Zitterpartie wird es für den Bundestagsabgeordneten der Linken, Tobias Pflüger. Er belegt Platz 6 auf der Linken-Liste, was angesichts der Umfragewerte für seine Partei knapp werden könnte. Sollte die FDP sensationell gut abschneiden, könnte auch Claudia Raffelhüschen mit Platz 17 Chancen auf ein Mandat haben.

Wahlkreis Lörrach-Müllheim:

Armin Schuster, der 2017 das Direktmandat klar für die CDU holte, ist 2020 aus dem Bundestag ausgeschieden. Kanzlerin Angela Merkel hatte ihn an die Spitze des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe berufen. Für ihn versucht nun Diana Stöcker, Bürgermeisterin in Rheinfelden, den Wahlkreis für die CDU zu gewinnen.

Christoph Hoffmann von der FDP hat mit Listenplatz 9 die Fahrkarte nach Berlin fast sicher. Knapper wird es für Gerhard Zickenheiner von den Grünen, der 2019 in den Bundestag nachgerückt ist. Er belegt einen recht unsicheren Platz 23. Sollte es für die SPD am Wahltag so gut laufen wie bisher in den Umfragen, könnte Takis Mehmet Ali mit seinem Listenplatz 22 für die SPD in den Bundestag einziehen.

Wahlkreis Waldshut:

Um wieder im Bundestag dabei zu sein, muss CDU-Mann Felix Schreiner (35) erneut den Wahlkreis direkt gewinnen. Praktisch gesetzt ist Rita Schwarzelühr-Sutter von der SPD. Die 58-jährige Staatssekretärin im Umweltministerium hat den sicheren Listenplatz 3. Auffallend in diesem Wahlkreis: 5 der 6 Kandidatinnen und Kandidaten der im Bundestag vertretenen Parteien sind unter 38 Jahre alt.

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