"Die Athleten waren Versuchstiere"

dpa

Von dpa

Fr, 04. Oktober 2019

Leichtathletik

Ermittler erhebt schwere Vorwürfe gegen Nike Oregon Project.

DOHA/FREIBURG (dpa/gg). Den schmutzigen Details aus dem Bericht der amerikanischen Dopingjäger im Fall Salazar zum Trotz: Das deutsche Toptalent Konstanze Klosterhalfen will nach Oregon zurückkehren. Zuvor steht am Samstag (20.25 Uhr/MEZ) erstmal ihr Auftritt im 5000-Meter-Finale an, für das sie sich am Mittwochabend als Zweite ihres Vorlaufes hinter der zeitgleichen Tshehay Gemechu (Äthiopien/15:01,57 Minuten) locker qualifizierte.

Tapfer und ohne zurückzuweichen stellte sich die 22-Jährige danach den Fragen, die auf die zierliche Ausnahmeläuferin einprasselten. Klosterhalfen, die am Samstag vor ihrem wichtigsten Rennen steht, will auch künftig im Nike Oregon Project (NOP) in den USA trainieren, wie sie überraschend deutlich sagte: "Das bleibt das beste Team der Welt." Die sehr leichte Klosterhalfen (1,74 Meter/48 Kilo) selbst will "auf keinen Fall" Konsequenzen ziehen und wird damit leben müssen, dass ihre Erfolge noch kritischer beäugt werden als bisher. "Ich weiß für mich und alle, die drumherum sind und Einblicke haben, was da passiert und was nicht passiert. Doping ist da nie ein Thema", sagte die deutsche Rekordhalterin.

"Schmeißt

ihn raus!"

Jenny Simpson über Alberto Salazar
Die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) machte derweil noch deutlicher, was wenige Jahre vor Klosterhalfens Wechsel nach Oregon auf dem berühmt-berüchtigten Campus passiert ist. "Die Athleten waren Versuchstiere, so muss man es sagen", urteilte Usada-Chef Travis Tygart im Interview mit dem ZDF. Man habe den Sportlern keine Chance gegeben, "Medikamente oder verbotene Methoden von ihm oder seinem Arzt Jeffrey Brown abzulehnen". Nach Aussage des Anwalts ist kein WM-Teilnehmer von Doha in den Fall Salazar verwickelt – also nicht in die abgeschlossenen, vier Jahre andauernden Ermittlungen. "Wir hatten Aussagen von zehn anderen Sportlern, die im NOP zwischen 2010 bis 2014 dabei waren. Alle von ihnen haben uns ihre medizinischen Auswertungen zur Verfügung gestellt", erklärte Tygart.

Der ebenfalls gesperrte Brown habe nicht zu Aussagen bewegt werden können. "Das gesamte Umfeld im NOP hat versucht, alles zu verheimlichen", sagte Tygart. "Was wir feststellen konnten war, dass medizinische Experimente an Sportlern vorgenommen wurden, mit hochgradig gefährlichen Medikamenten, nicht nur Testosteron, sondern noch anderen verbotenen Dopingmitteln." Klosterhalfen sagte, sie sei über diese Nachrichten "schockiert" und "ein bisschen traurig". Den Mediziner Brown kenne sie nicht, und wie so oft zuletzt betonte sie, dass Pete Julian ihr Trainer sei. Der 48-Jährige war Assistent von Salazar."Andere beschäftigen sich damit mehr als wir Athleten selbst", sagte Klosterhalfen. Die aktuellen Sportler im Salazar-Stall, "waren auch noch Babys, als das passiert ist".

Jenny Simpson (USA), Ex-Weltmeisterin über 1500 Meter, fand für die Vorgänge andere Worte: "Jeder, der jetzt schockiert ist, ist nicht in diesem Sport involviert." Und: "Jeder, der sich auch nur ein bisschen in diesem Sport auskennt, weiß, dass ein Schatten über dieser Gruppe liegt." Sie sei eine Verfechterin von lebenslangen Sperren und forderte diese auch für Salazar: "Schmeißt ihn raus!"

Klosterhalfen trainiert seit dem vergangenen Jahr in Oregon und hat danach sechs deutsche Rekorde pulverisiert. Sie ist die große deutsche Medaillenhoffnung für den 5000-Meter-Endlauf am Samstag im Khalifa-Stadion. Klosterhalfen schwört auf das Nike Oregon Project mit seinen hochprofessionellen Einrichtungen. "Ich freue mich schon darauf, nach der Saison wieder dahin zu gehen und besser und schneller zu werden", erklärte sie.

Vor dem Endlauf der Hallen-Vize-Europameisterin bestreitet am Samstag die Niederländerin Sifan Hassan die 1500 Meter. Sie trainiert ebenfalls in Portland und holte in Doha bereits Gold über 10 000 Meter – dabei lief sie die letzten 1500 Meter in einem keineswegs langsamen Rennen (30:17,62 Minuten) unter vier Minuten. Das haben in diesem Jahr über die 1500-Meter-Strecke lediglich 13 Frauen geschafft – unter ihnen sind Hassan und Klosterhalfen.

Der Deutsche Leichtathletik-Verband will sich mit den Vorgängen im Nike Oregon Project nach der WM ausführlich beschäftigen. Mächtig unter Druck steht NOP-Sponsor Nike. Der Sportartikelhersteller hat flugs angekündigt, Salazar bei seinem Einspruch gegen die Sperre zu unterstützen. Usada-Boss Tygart sagte an die Geldgeber gerichtet: "Nike sollte aufzeigen, dass dieses Verhalten, Sportler als Versuchstiere zu halten, falsch war und nicht mehr wieder vorkommen wird."