Eine traurige Geschichte – und viele schöne

Jürgen Ruoff

Von Jürgen Ruoff

Mo, 13. Januar 2020

Biathlon

Nachwuchsbiathletin Nicola Lange beendet beim Deutschlandpokal am Notschrei ihre Laufbahn, Emilie Behringer feiert ein beeindruckendes Comeback.

NOTSCHREI. Man sieht sofort, dass etwas anders ist. Nicola Lange vom SV Kirchzarten skatet nicht mit der gleichen Dynamik, nicht mit der gleichen Leichtigkeit und Entschlossenheit wie ein Jahr zuvor an gleicher Stelle. Die 18-Jährige wird den Einzelwettkampf beim Deutschlandpokal (DP) rund um das Nordic Center am Notschrei auf Rang elf beenden, ebenso den Sprint tags darauf. In den Jahren zuvor hatte sie stets zu den Besten ihrer Altersklasse gehört, ihr erfolgreichster Winter liegt zwei Jahre zurück: Sie gewann die J-17-Gesamtwertung des Deutschlandpokals, das ist national die höchste Rennserie. Sie wurde deutsche Vizemeisterin im Sprint und DM-Dritte im Einzel. Zwei Jahre sind seither vergangen, nach dem Einzelrennen hält sie im Ziel einen Moment inne und lässt die Katze dann aus dem Sack: "Das hier sind meine letzten Rennen. Ich höre auf", sagt Nicola Lange und schaut in einige ratlose Gesichter. Sie beendet ihre Laufbahn da, wo sie auch begonnen hat: am Notschrei. Was ist in den beiden vergangenen Jahren schief gelaufen? Wieso verabschiedet sich so ein vielversprechendes Talent aus dem Biathlonsport? "Es gibt viele Gründe dafür", sagt sie vieldeutig, "es war ein längerer Prozess", über die Weihnachtsfeiertage habe sie sich dann zu diesem Schritt entschlossen. Sie stellt sich mit ihrem Vater, der sie immer enthusiastisch unterstützt hat, für ein Biathlon-Erinnerungsfoto auf. Beide lächeln – und doch wohnt diesem Foto viel Traurigkeit inne. "Ich werde jetzt das Abitur machen und anschließend Betriebswirtschaft studieren", sagt Nicola Lange. Ihre Geschichte ist eine, in der sich etwas Gutes ins Gegenteil verkehrt hat. Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet.

Die Geschichte der gleichaltrigen Emilie Behringer vom SC Todtmoos verläuft andersherum. Die deutsche Jugendmeisterin hat im vergangenen Winter eine schwierige Zeit durchgemacht. Sie konnte keine Biathlonrennen bestreiten, weil die Ferse schmerzte, was sich zunächst nicht nach einer schweren Verletzung anhört. Die Schmerzen am rechten Fuß waren jedoch so penetrant, dass die 18-Jährige keine geschlossenen Schuhe mehr tragen konnte. Wenn die anderen Nachwuchsbiathleten draußen trainierten, stand sie mit hinten offenen Gummischuhen im Kraftraum. Es gibt Karrieren, die an einer derart langen Wettkampfpause zerbrechen. Aber es gibt auch Beispiele dafür, dass Athleten nach einer Wettkampf-Abstinenz voller Energie zurückkommen. Bei Emilie Behringer scheint das der Fall zu sein. Die 18-Jährige gewinnt am Nordic Center nach drei Schießfehlern das Einzelrennen der Jugend II (18/19), es ist bereits ihr dritter Erfolg im Deutschlandpokal in diesem Winter. Einen Tag später im Sprint wird sie Dritte. Da die Rennen am Notschrei für die Nominierung zur Jugend- und Junioren-Weltmeisterschaft herangezogen werden, braucht es nicht viel Spürsinn, um vorherzusagen, dass Emilie Behringer bei der Nachwuchs-Weltmeisterschaft in Lenzerheide (Schweiz) dabei sein wird. Jule Schelb vom SC Münstertal beendet den DP-Sprint auf Rang 13.

Deutschlandpokal-Ausrichter SC Todtnau schickt in der Altersklasse Jugend 17 mit Sophia Weiß und Carina Gutmann zwei ambitionierte Nachwuchsbiathletinnen ins Rennen. Beide kennen die Tücken des Schießstands aus den jahrelangen Übungseinheiten, dennoch verfehlen viele ihrer 20 Schüsse im Einzelrennen das Ziel. Weiß leistet sich sieben Fahrkarten am Schießstand und wird Achte, Gutmann, die im vergangenen Winter deutsche Jugendmeisterin geworden war, belegt nach zehn Fehlschüssen den zwölften Platz.

Die Wege von Weiß und Gutmann haben sich getrennt

Beide gehen derzeit unterschiedliche Wege: Während die aus Lörrach stammende Sophia Weiß seit dem vergangenen Sommer am Skiinternat in Furtwangen (SKIF) ausgebildet wird und deshalb "mehr Freizeit als zuvor" hat, weil die Wege kürzer sind, geht Carina Gutmann in Schönau auf die Schule und trainiert weiter am Nordic Center. "Vielleicht habe ich das Schießen ein bisschen unterschätzt, weil mir hier alles bekannt ist", sagt Gutmann, "ich bin in letzter Zeit auch ziemlich oft krank gewesen und hänge deshalb im Moment ein bisschen durch". Nach nur einem Fehlschuss im Sprint schafft Carina Gutmann als Dritte den Sprung auf das Siegertreppchen, Sophie Weiß verfehlt drei Scheiben und wird Achte.

Fabian Kaskel (SC Todtnau) und Diogo Martin (SC Hinterzarten) sind seit Jahren die dominierenden Nachwuchsbiathleten ihres Jahrgangs. Im vergangenen Winter sicherte sich Kaskel den Deutschlandpokal-Gesamtsieg in der Jugendklasse 16, Martins wurde deutscher Jugendmeister vor Kaskel. Sie haben lange am Notschrei gemeinsam trainiert und sich gegenseitig gepusht, mittlerweile ist Martins am SKIF, während Kaskel weiter in Bad Säckingen wohnt und in St. Blasien zur Schule geht. "Wäre ich in Titisee-Neustadt auf der Schule geblieben, hätte ich das Training zeitlich nicht mehr geschafft, weil ich dort viel Nachmittagsunterricht gehabt hätte", erzählt Martins. In Furtwangen ist nun alles ein bisschen einfacher und er hat Schulzeitstreckung. Auch Kaskel hat sich überlegt, an den Stützpunkt in Furtwangen zu wechseln, letztendlich hat er sich dagegen entschieden. "Das mit der Schule in St. Blasien klappt gut, sie kommen mir entgegen", sagt Kaskel, der an drei Tagen der Woche ein enormes Programm abspult: Morgens Fahrt von Bad Säckingen zur Schule, nach Schulschluss Fahrt von St. Blasien zum Training an den Notschrei und nach dem Training Fahrt zurück nach Bad Säckingen. "Ich mache das seit sechs, sieben Jahren." Ein Programm, das dauerhaft nur schafft, wer seinen Sport liebt.

Kaskel bricht ein und siegt im Einzel dennoch

Im Einzelwettkampf sei er am Schluss etwas eingebrochen, erzählt Kaskel, dennoch sichert er sich nach zwei Schießfehlen mit großem Vorsprung den Sieg. Im Sprint bleibt er ohne Fehler und triumphiert erneut. Martins, der laufstärkste Athlet in der Klasse J 17, verfehlt im Einzelrennen beim Schießen fünf Scheiben und wird Dritter. Im Sprint findet er sich nach sechs Fehlschüssen auf Rang neun wieder, Zehnter wird Mathis Färber vom SC Schönwald.

Für den Bonndorfer Christian (SC Schönwald) läuft es im Einzelrennen am Notschrei nicht gut. Er verfehlt sechs Scheiben – Rang 14. Deutlich besser macht es Fabian Dietrich vom SC Gütenbach. Er leistet sich am Schießstand nur drei Fehler bei 20 Schuss und belegt nach einer starken Laufleistung den zweiten Platz. Den Sprint beendet Krasman nach einer Strafrunde als Vierter, Dietrich muss zweimal in die Runde und wird Fünfter. Aufgrund seiner guten Rennen am Notschrei darf Dietrich auf eine JWM-Nominierung hoffen.

Nach der Biathlon-Veranstaltung am Nordic Center, als sich Sportler, Trainer, Betreuer und Zuschauer auf den Heimweg machen, bleibt Vater Lange noch einmal kurz stehen. Natürlich hätte er es gern gesehen, wenn seine Tochter sportlich weiter erfolgreich gewesen wäre, "ich kann ihre Entscheidung aber durchaus verstehen, weil ich sehe, wie ihr es geht." Auch wenn sie jetzt schon mit 18 aufhört, ein Trost bleibt: Auf alle sportliche Fähigkeiten, die sich Nicola Lange als Kind und Jugendliche angeeignet hat, kann sie ein Leben lang zurückgreifen. Das ist von unschätzbarem Wert.