Radsport

Wie Anton Benedix aus Lörrach Radrennen in Afrika erlebte

Uwe Rogowski

Von Uwe Rogowski

Di, 24. Dezember 2019 um 13:30 Uhr

Radsport

Anton Benedix aus Lörrach spricht im BZ-Interview über Radrennen in Afrika und die Menschen, die er dort getroffen hat. Und er erklärt, warum wir in Europa glücklich sein können.

Wenn der Präsident kommt, wird der Start verschoben. Und der Sieger wird durchs Dorf getragen. Radrennen in Afrika sind anders, so wie das Leben auf dem schwarzen Kontinent. Radamateur Anton Benedix aus Lörrach hat es hautnah erlebt, er fährt seit diesem Jahr als einer von vielen Südbadenern für das Freiburger Team "Embrace the World" (Umarmt die Welt). Uwe Rogowski sprach mit Benedix über Fahrten im Polizeibus, skurrile Fahrerwertungen, fliegende Trinkflaschen und das Spendenkonzept seines Teams.

BZ: Herr Benedix, Sie sind zwei Rundfahrten in Afrika gefahren: die Tour du Faso und Tour du Senegal. Klingt nach Abenteuer.
Benedix (26): Ist es auch. Die Radrennen laufen dort ganz anders. Man darf schon mal nicht erwarten, dass der Start pünktlich erfolgt. Oder dass er überhaupt da ist, wo er sein sollte. Man ist nicht immer so gut informiert, wie man es von Europa gewöhnt ist. Gute Beziehungen sind der Schlüssel zum Erfolg.

BZ: Es heißt, in Afrika herrsche sympathisches Chaos. Oder nervt es?
Benedix: Ich fand es sympathisch. Aber ich habe auch erlebt, wie es einige genervt hat. Ab und zu ist mal ein Fahrer ausgeflippt, wenn es mal wieder eine Desinformation gab. Wenn wir zum Beispiel im Hotel waren und dann hieß es noch neun Uhr abends, ihr müsst doch in das andere Hotel. So etwas kam vor.

BZ: Was ist haften geblieben?
Benedix: Vor allem die Begeisterung der Zuschauer in Burkina Faso. Das war Wahnsinn, wie sie das gefeiert haben. Und einen Eindruck vom Leben dort zu bekommen, wie die Fahrer trainieren, was sie teilweise für Abenteuer durchmachen müssen.

"Das Team aus dem Kongo hatte nicht mal Trinkflaschen."

BZ: Zum Beispiel?
Benedix: Das Team aus dem Kongo erfuhr am Tag vor der Rundfahrt in Senegal, dass sie jetzt doch fahren dürfen und sind noch schnell ins Flugzeug. Sie waren natürlich später am Start, ohne jegliche Vorbereitung, sie hatten nicht mal Trinkflaschen. Wir haben ihnen mit welchen ausgeholfen und ihnen wenigstens ein paar Bananen gegeben für die 180-Kilometer-Etappe. Der Start wurde einfach mal um zwei, drei Stunden verschoben.

BZ: Sie haben tolle Ergebnisse eingefahren, unter anderem zwei Etappensiege.
Benedix: Ein megatolles Gefühl. Vor allem, weil super viele Zuschauer da waren in Faso. Ich war zwei Tage vorher schon Dritter und Mathias Sorgho aus Burkina Faso hatte gewonnen, da wurde er durchs Dorf getragen. Ich musste Interviews geben, meine Französischkenntnisse wurden hart auf die Probe gestellt. Auch das Fernsehen war sehr interessiert. Bei der Siegerehrung musste ich dann Bürgermeister, Offizieren, den Persönlichkeiten der Region die Hand schütteln. Und es gab super viele Sonderwertungen. Teilweise wusste man gar nicht, wofür man schon wieder einen Preis bekommt, ich stand bestimmt drei- viermal auf dem Podium. Als kämpferischster Fahrer habe ich mich sehr geehrt gefühlt. Irgendwo wurde ich auch zum glücklichsten Fahrer gekürt. Vielleicht war es aber auch falsch übersetzt.

BZ: Gab es Dopingkontrollen?
Benedix: Ja. Ich wurde aber nicht kontrolliert, trotz Etappensieg. Sollte eigentlich üblich sein. Sie waren nicht so konsequent, wie ich es mir gewünscht hätte.

"Alle Teams haben noch geschlafen. Wir waren die Deppen."

BZ: Wie lief die Organisation?
Benedix: In Burkina Faso ganz gut, in Senegal war es manchmal krass. Der Start war sowieso immer zwei Stunden später als angekündigt. Dann hieß es aber einfach mal: Achtung, morgen kommt der französische Premierminister nach Dakar und da müssen wir jetzt mal pünktlich sein, denn da muss die Polizei fertig sein mit der Etappe. Wir waren also zum geplanten Zeitpunkt unten im Hotel. Doch alle Teams haben noch geschlafen, wir waren also die Deppen, die aufgestanden waren. Ich fand das aber nicht so wild. Am Ende ist es übrigens doch so gewesen, dass zuerst der Premier durchfuhr, und wir dann die Etappe gefahren sind. Keiner wusste, wieso.

BZ: Wie liefen die Transfers?
Benedix: Sehr anstrengend. Fünf Stunden Busfahrt, und das vor dem Start. In ziemlich ramponierten Bussen. Wir hatten einen von der Gendarmerie, bei dem man denken würde, der ist super in Schuss. Aber da war eine Scheibe komplett kaputt, eingeschlagen. So zugeklebt. Es bröckelten Teile vom Glas runter. Bei jedem Schlagloch kam ein Regen. Die Etappenplanung war auch interessant: Erst komplett in den Süden, eine Etappe in die eine Richtung, dann die gleiche Straße am nächsten Tag zurück.

"Die Renntaktik ist ganz anders als in Europa."

BZ: Wie ist es mit der Renntaktik?
Benedix: Ganz anders. In Europa gibt es einen sehr strukturierten Ablauf. Es fährt eine Ausreißergruppe und man einigt sich, dass die erstmal fahren gelassen werden oder nicht. Nach diesem Schema kann man in Afrika nicht fahren. Es wird immer attackiert, auch aus der hintersten Gruppe heraus. Ich habe erlebt, wie Europäer die Nerven verloren haben, weil zwei Welten aufeinandergetroffen sind. Man wollte nicht wahrhaben, dass die afrikanischen Fahrer sich nicht an der Führungsarbeit beteiligen. Da ist schon mal eine Trinkflasche geflogen.

BZ: Wie war das Tempo?
Benedix: Geringer, weil das Klima es nicht zulässt. 40er Schnitt hatten wir aber. Ich bin kein Datenfreak, aber die anderen meinten, man muss von den Watt, die man tritt, immer so 50 abziehen.

BZ: Die Straßen?
Benedix: Waren entgegen meiner Erwartungen sehr gut. Wohl, weil wir auf den Hauptverkehrsrouten unterwegs waren. Hier wären das die Autobahnen. In Afrika ist es möglich, die einfach mal zu sperren, weil man kein so hohes Verkehrsaufkommen hat. Man musste auf die Fahrer der Begleitwagen achten, die sind nicht alle so geschult wie in Europa. Man konnte auch froh sein, dass es immer mal wieder Poller gab. Sonst wären die Busfahrer wahrscheinlich mit 150 Sachen durch den Ort gebrettert. Die Straßen gehen meist geradeaus und es wird ausgefahren, was geht.

BZ: Sie wurden vom Militär gesichert und eskortiert. Hat es sich mal gefährlich angefühlt?
Benedix: Innerhalb der Organisation, im Hotel oder bei den Transfers, nicht. Einmal bin ich in Togo, wohin eine Etappe führte, abends in der Dämmerung raus auf die Straße. Dann habe ich aber vom Gefühl gemerkt, mmh, ich dreh jetzt lieber wieder um. Ich wollte es nicht drauf ankommen lassen.

"Das mobile Internet ist in Afrika besser als in Deutschland."

BZ: Wie war es mit dem Internet?
Benedix: WLAN konnte man meistens vergessen. Das ging im Hotel eine Minute, dann hatten sich die anderen Fahrer eingeloggt und es ging nichts mehr. Die Leitungen kann man nicht vergleichen mit denen in Europa. Aber das mobile Internet war besser als in Deutschland. Wir hatten selbst in kleinen Städten 4G.

BZ: Wie war das Frühstück im Hotel?
Benedix: Es gab meist Brot, Instantkaffee und Milchpulver. Bananen auch öfter. Wir haben das Frühstück immer ergänzt mit unseren Haferflocken. Wir waren überrascht, wie es andere Fahrer mit Weißbrot schaffen konnten. Das verfliegt halt nach ein paar Stunden. So etwas erlebt man aber auch bei europäischen Rundfahrten, dass das Frühstück nicht ganz so gut ist.

BZ: Es heißt: In Afrika sind die Menschen trotz allem immer glücklich, lachen immer.
Benedix: Kann ich voll bestätigen. Im Bus mit den anderen Fahrern war immer gute Laune. Egal wie anstrengend das Rennen war, wie kaputt alle waren. Manche hatten Räder in so schlechtem Zustand, das kann man sich nicht vorstellen. Und sie hatten Betreuer, die nicht wissen, was die Fahrer brauchen. Die teilweise nicht mal Trinkflaschen zur Verfügung stellen. Der eine hatte einen Defekt und das Begleitauto hält nebendran und der Mechaniker hinten im Auto schläft, weil er in der Nacht kein Bett zugewiesen bekommen hatte. Und die Fahrer sind trotzdem froh, dass sie überhaupt teilnehmen dürfen und behalten ihre gute Laune.

BZ: Sind es Berufsfahrer?
Benedix: Ja. Die meisten fahren für das Nationalteam. Ich würde sagen, es geht ihnen verhältnismäßig gut. Man hat aber gemerkt, das Essen im Hotel, die Büfetts, war für sie etwas Besonderes.

BZ: Bei uns steht Weihnachten vor der Tür. Muss man dankbarer sein für das, was wir haben?
Benedix: Wenn man vergleicht, wie die Leute sich hier manchmal beschweren, passt das nicht. Es wird einem bewusst, dass man sehr, sehr zufrieden sein kann. Der Horizont erweitert sich, man kann Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel betrachten, insofern erdet es einen, was man dort erlebt, man bekommt eine gewisse Gelassenheit und ist vielen wahrscheinlich einen Schritt voraus, was das Betrachten von Problemen angeht. Wenn man das Leben in Afrika sieht, worüber die Leute sich freuen, zum Beispiel über unsere Materialspenden, dann macht das nachdenklich. Das waren im Prinzip Dinge, die in Deutschland noch auf dem Flohmarkt laufen würden oder im Mülleimer oder auf dem Schrottplatz landen.

BZ: Was für Sachen?
Benedix: Fahrradteile, Lenker, Verschleißteile. Oder Trikots, Radhosen, alles Mögliche. Wir haben das den Teams gespendet und versucht, es immer direkt den Fahrern zu geben, weil wir dann sicher sein konnten, dass es auch wirklich da ankommt, wo es gebraucht wird.

"In Afrika gibt es kaum einen Radladen für bestimmte Teile."

BZ: Embrace the World verfolgt einen karitativen Ansatz. Fährt sozusagen die Rennen auch zur Hilfe vor Ort.
Benedix: Ich fand das Spendenkonzept schon immer spannend, habe aber erst jetzt erlebt, wie sehr es hilft. Man kann Geld spenden, aber das Problem vor Ort ist, dass die Teile gar nicht zur Verfügung stehen. Manche afrikanische Fahrer sagten, es gibt kaum einen Radladen. In Dakar gab es einen Decathlon, aber das war wahrscheinlich der einzige Laden in ganz Senegal, wo man Ersatzteile für ein Rennrad bekommt. Und wenn doch, dann immer ausverkauft. Da wurde dann plötzlich angerufen, es sei wieder ein Schwung Schläuche da, ihr könnt kommen.

BZ: Sie spenden Ihr Preisgeld?
Benedix: Man entscheidet im Team, wieviel und wofür. In dem Zusammenhang: Ich suche noch einen Kilometersponsor, es wird ja pro Kilometer, den man fährt, ein Projekt finanziert. In Burkina Faso habe ich auch 600 Euro für den Etappensieg eingefahren, in Senegal 200.

BZ: Wie haben Sie vor Ort noch erlebt?
Benedix: Wir hatten einen super Mechaniker aus Burkina Faso, Rasag. Seine Nichte hatte Geburtstag, und dort wurde gefeiert, wir waren eingeladen. Es war sehr interessant zu sehen, mit welch einfachen Mitteln sie dort leben. Wir haben dann auch die Schule seiner Nichte besucht und diese mit Schulmaterial unterstützt. Bücher, Hefte, Stifte.

BZ: Sie sind Amateur. Wieviele Kilometer machen Sie im Jahr?
Benedix: Laut meiner App etwa 12000. Ich mache viele Wettkampfkilometer. Ich war in diesem Jahr fast jedes Wochenende bei einem Rennen. Ich habe im Sommer in Erfurt gewohnt und das ist super, um in alle Ecken zu kommen. Ich bin mit dem Berthold-Rad-Team Bundesligarennen gefahren und einige Rennen in Sachsen.

"Ich möchte nicht nur rund um den Kirchturm fahren."

BZ: Wo soll es für Sie hingehen?
Benedix: Mit Lizenzrennen habe ich erst 2018 angefangen. Nächstes Jahr möchte ich erst mal zu möglichst vielen Rundfahrten. Das reizt mich am meisten. Bisschen rumkommen und nicht nur rund um den Kirchturm fahren. Mit Embrace the World fahren wir auch Bundesliga.

BZ: Was hat Ihr Team noch vor?
Benedix: Wir wollen weiter recht viel in Afrika fahren, es gibt Überlegungen, eine Tour in Uruguay zu fahren. Unser Team hat gerade die asiatischen Rennen im Blick. In Malaysia zum Beispiel. In China gibt es enorm viele Radrennen, es entsteht einiges. Vielleicht ist auch eine Kooperation mit dem Bund Deutscher Radfahrer möglich, dass wir als Nationalmannschaft fahren können. So werden wir in vielen Ländern ohnehin wahrgenommen, auch jetzt in Afrika, wo viele Nationalteams fahren.

BZ: Begonnen haben Sie als Fahrradkurier.
Benedix: Ja, in Dresden und ein halbes Jahr in Mailand, als ich ein Auslandssemester gemacht habe. Davon kann ich wahrscheinlich profitieren. Ich habe kein Problem damit, im Massensprint rechts und links Fahrer zu haben, da kann ich richtig reinhalten. Als Fahrradkurier ist man Einiges gewohnt.