Sportgeschichte

"Wir waren reine Autodidakten": Die Anfänge des Freiburger Frauenfußballs

Otto Schnekenburger

Von Otto Schnekenburger

Mo, 03. Juni 2019 um 11:03 Uhr

SC Freiburg

Der Sonntag Die Fußballerinnen des SC Freiburg stehen an der nationalen Spitze, die WM in Frankreich weckt großes Interesse. Freiburgs Fußball-Pionierinnen waren Punktspiele noch bis 1970 vom DFB verboten – unter anderem wegen "weiblicher Rohheit".

Sie standen vor ein paar Wochen im Pokalfinale gegen Wolfsburg. Ihre Torhüterin Merle Frohms und ihre Spielerinnen Giulia Gwinn und Klara Bühl sind im Kader der Nationalmannschaft bei der in wenigen Tagen beginnenden Frauenfußball-WM in Frankreich. Die Fußballerinnen des SC Freiburg erfreuen sich einer enormen Aufmerksamkeit. Eine, von der ihre Vorgängerinnen vor 50 Jahren nicht zu träumen gewagt hätten.
"Zwölf Kisten habe ich gefangen. Und danach fragen sie mich, ob ich zu ihnen wechseln will." Ute Willaredt
Die Trikots von Melanie Behringer, Melanie Leupolz und Sara Däbritz samt Unterschriften hängen wie Trophäen an der Wand des Büroraums im Clubheimtrakt des Schönbergstadions. Alles Nationalspielerinnen, alles Kickerinnen, die vom großen FC Bayern dem SC abspenstig gemacht wurden. Draußen auf dem Gelände von Blau-Weiß Wiehre, wo die SC-Frauen eine Heimat für ihren Trainingsbetrieb gefunden haben, umschwirren diverse Trainer und Betreuer die Kickerinnen. Drinnen am Tisch unter den Trikots sitzen mit Ute Willaredt und Elke Sovjak derweil Zeitzeugen aus einer anderen Welt. 1969 hat Sovjak auf eine Zeitungsannonce reagiert, in der fußballinteressierte Frauen zum Probetraining geladen wurden. Sie ging hin und gehört damit zu den Gründungsmitgliedern des Frauenteams der Spielvereinigung Wiehre, aus der die SC-Fußballerinnen hervorgingen. Ute Willaredt stieß 1975 dazu, als das Team das erste von zwei Malen von der Wiehre zum Sportclub wechselte.

Die heute 58-Jährige war erst Torhüterin in Köndringen und damit in einem der vielen Teams, die von den schnell sehr spielstarken Freiburger Frauen regelrecht verprügelt wurden. "12:0 haben wir verloren, zwölf Kisten habe ich gefangen. Und danach fragen sie mich, ob ich zu ihnen wechseln will", erinnert sich Willaredt. "Ich habe gedacht, ich bin im falschen Film, muss aber wohl noch ganz gut gehalten haben", sagt sie. "Wir waren an diesem Tag schwer beeindruckt von ihr, sie war ein großes Talent", erinnert sich Elke Sovjak neben ihr und lächelt.

Fußball zum Abnehmen?

Zu denen, die sich 1969 auf den Aufruf meldeten, gehörte Doris Klein. "Es war ein unglaublicher Auflauf, mehr als 100 schwergewichtige Frauen", blickt sie auf das erste Treffen in einer Schulsporthalle in der Wiehre zurück. "Die betrachteten Fußball offenbar als Möglichkeit zum Abnehmen." Klein war bereits 25 und vom Fach, weil sie in ihrer Kindheit mit den Jungs gekickt hatte. Sie erfreute sich daran, wie sich das Feld der Teilnehmerinnen von Woche zu Woche immer mehr lichtete.

"Bald war ich der ,Chef’, weil ich alle Regeln kannte", sagt Klein. "Weil ich schon verdient habe, habe ich die anderen zudem oft eingeladen." Vor allem aus dem Freiburger Stadtteil Haslach seien die jungen Fußballerinnen gekommen, oft aus sehr armen Familien. "Ich habe einigen Arbeitsstellen verschafft und mich gekümmert, dass sie dort erschienen sind." Bald löste Horst, Doris’ Mann, den Sohn des Wiehre-Vorsitzenden Kurt Mutter als Trainer ab.

Punktspiele waren bis 1970 verboten

Die ersten Freundschaftsspiele folgten, 1970/71 nahmen die Wiehre-Frauen an einer Wettkampfrunde teil. Hier ist ein kleiner Ausflug in die Geschichte des Frauenfußballs nötig. Denn der war – nachdem er vor allem in Norddeutschland in den Nachkriegsjahren gerne zur Belustigung an Neujahrstagen stattfand – in den Reihen des DFB von 1955 bis 1970 verboten, Vereine durften wegen der Gefahr "unästhetischer Bewegungsabläufe", "hoher Verletzungsgefahr" und "weiblicher Rohheit" keine Abteilungen gründen oder Plätze zur Verfügung stellen. Dennoch entstanden in den 60er Jahren immer mehr Vereine und Verbände.

Das auch durch den WM-Titel 1954 ausgelöste und später von der 68er-Bewegung mitbefeuerte Interesse ließ sich nicht mehr ausbremsen, analysiert der Freiburger Historiker Franz-Josef Brüggemeyer. Die Entwicklung ließ den DFB kapitulieren und sein Verbot am 30. Oktober 1970 aufheben. Nicht ohne den Frauen in den ersten Jahren des Spielbetriebs noch vorzuschreiben, die Spielzeit auf zweimal 30 Minuten zu begrenzen, Jugendbälle einzusetzen und "nur bei guter Witterung" aufzulaufen.

"Ich konnte das Wort Taktik gerade mal buchstabieren." Ute Willaredt
In den ersten Jahren blieb der Wettkampf auf die Bezirksebene beschränkt. Da waren die Freiburgerinnen bald kaum zu bezwingen. Dies, obwohl der mittlerweile verstorbene Horst Klein kein großer Trainer gewesen sein muss. "Ich konnte das Wort Taktik gerade mal buchstabieren", sagt Ute Willaredt. Kondition, das ja: "Wir haben Spiele oft gewonnen, weil wir am Ende noch Luft hatten und die Gegnerinnen nicht."

Trainingskonzept war, dass Horst Klein seine Kickerinnen durch den Wald scheuchte und dabei seine Reval rauchend spazieren ging. "Wir waren reine Autodidakten, wenn mir eines im Nachhinein richtig weh tut, ist es das, dass ich so wenig Schulung bekommen habe. Wir haben alle unsere Fehler immer mitgeschleppt", sagt Ute Willaredt, die noch heute für den Verein arbeitet, als Stellvertreterin der Managerin Birgit Bauer. "Ende der 80er Jahre habe ich mit dem Ex-FFC-Spieler Dieter Zimber meinen ersten richtig guten Trainer gehabt", pflichtet ihr Elke Sovjak bei. "Ich habe nochmal extrem Gas gegeben, aber ich war halt schon zu alt, musste bald danach aufhören."

Erstaunlich, dass sich der Erfolg dennoch so schnell und gründlich einstellte. Zum Erfolgsgeheimnis gehörte das Abwerben der besten Spielerinnen der Region. "Marianne Danner aus Bollschweil war die Erste, ich erinnere mich sehr gut", sagt die 75-jährige Doris Klein. Die aus Titisee kommende Beatrice Flury war ein spielstarker Vorstopper, "sie hatte mehr drauf als ich", urteilt Doris Klein, die hinter Flury meist den klassischen Libero gab. Sylvia Schulz war im defensiven Mittelfeld wichtig, vorne hatten die Frauen in Helga Roßwag und Elke Sovjak zwei schwer zu bremsende Stürmerinnen.

"Erst kamen sie ja zum Lachen." Doris Klein
Auch die Motivation der Anhängerschaft veränderte sich. "Erst kamen sie ja zum Lachen", sagt Doris Klein. "Aber schnell merkten sie, dass sie fußballerisch etwas zu sehen bekamen." Dumme Sprüche waren selbst in der Anfangszeit selten. "Zu mir hat mal einer ,Trikottausch’ gerufen", lacht Elke Sovjak. "Da habe ich mein Trikot ausgezogen und es ihm um die Ohren gehauen. Hinterher lachten wir beide."

Achim Stocker um Aufnahme gebeten

Dem Streben nach besseren Bedingungen war 1975 der erste Wechsel zum SC geschuldet. "Kurt Mutter hat uns bei der Wiehre nur als Beitragszahler gesehen", ärgert sich Klein heute noch. Sie wurde bei Achim Stocker vorstellig und bat um Aufnahme. "Ich habe nichts dagegen, ich muss aber noch den Platzwart fragen", war Stockers Antwort. Denn dieser Posten war mit Lothar Nageleisen besetzt. Einem alten Bruddler, aber eigentlich grundguten Menschen. "Nur wenn sie mir den Platz nicht kaputt machen", trug Nageleisen als Bedenken vor. "Wir haben ihn bezirzt und hatten ihn bald auf unserer Seite", meint Doris Klein. "Außerdem waren wir sehr ordentlich."

Beim SC Freiburg durften die Frauen die Einnahmen aus den Heimspielen behalten, die teils weiten Auswärtsfahrten ließen sich besser finanzieren. Zumal sie von Pit Zick, dem Inhaber des Autohauses Jakobi, Busse bekamen. An das Gespräch mit Zick, einem streitbaren Vereinsoriginal, zeitweise auch Spielausschussvorsitzenden und Klassenerhalter mit Pro-forma-Trainer bei der ersten Mannschaft, erinnert sich Doris Klein noch gut. "Was willst du blöde Kuh von mir?", habe Zick sie begrüßt. Sie habe geantwortet, dass er keine Ahnung von Fußball habe, sie aber zwei Busse für die Frauenmannschaft brauche. "Auf gar keinen Fall", hat Zick geantwortet. "Aber am nächsten Tag standen die Busse da. So haben wir immer miteinander verkehrt." Ohnehin waren es wilde Zeiten. In der Vereinsgaststätte dauerte die "dritte Halbzeit" oft bis in die Morgenstunden, neben den "unser gutes Training feiernden" SC-Frauen zockten am Nebentisch Männer um Geld Karten. "Zeitweise hatten gleich drei von uns keinen Führerschein mehr", erzählt Doris Klein.

Galaspiel zum Rummenigge-Abschied – drei Stunden vor dem Event

Die Strukturen im Frauenfußball nahmen inzwischen auch auf höherer Ebene Konturen an. So bekamen die SC-Frauen in der zweiten Hälfte der 70er Jahre ernsthaftere Gegnerinnen, konnten den Bezirksmeisterschaften südbadische Meistertitel folgen lassen. 1981 hatten sie bereits vier südbadische Meisterschaften geholt und bezwangen mit dem SC 07 Bad Neuenahr – dem Team der späteren Bundestrainerin Silvia Neid – in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft den Titelträger von 1978. In den 80er Jahren gab es mit Rosi Eichenlaub die erste Spielerin, die den SC Richtung Bayern München verließ. "Wir spielten auch einmal im Olympiastadion, beim Abschiedsspiel für Karl-Heinz Rummenigge", erzählt Ute Willaredt. "Aber drei Stunden vor dem eigentlichen Ereignis, als noch niemand im Stadion war."

1985 wechselte ein Großteil der Frauen nochmal für sechs Jahre zurück in die Wiehre. Die Beziehung zwischen Doris und Horst Klein war in die Brüche gegangen, auch im Kader gab es Spannungen, viele gute Spielerinnen folgten Horst Klein in die Wiehre, andere hörten ganz mit dem Kicken auf oder schlossen sich dem FC St. Georgen an.

Noch immer treffen sich Frauen aus der Pionier-Generation

Es folgten Jahre, in denen man sich regelmäßig mit dem TuS Binzen aus dem Landkreis Lörrach um die südbadische Meisterschaft duellierte. Und 1991 der erneute Wechsel zum SC Freiburg, wieder weil man von der Spielvereinigung Wiehre nicht so viel Unterstützung erhielt, wie man das gewünscht hätte. Noch einmal suchte Doris Klein das Gespräch mit Stocker, erneut wurde man aufgenommen.

In den frühen 90er Jahren hängten auch die Letzten aus der ersten Generation der Wiehre/SC-Frauen die Kickschuhe an den Nagel. Immer noch treffen sie sich gelegentlich, zuletzt bei einem Geburtstag am Bodensee. 2011 wurde mit "10 plus 20" das doppelte Jubiläum der Zugehörigkeitszeiten zum SC gefeiert. Seit 1991 ist Birgit Bauer Managerin bei den SC-Frauen, die Entwicklung des Vereins, aber auch die des gesamten Frauenfußballs nahm seither noch einmal einen beachtlichen Aufschwung. 1998 stiegen die SC-Frauen erstmals in die Bundesliga auf.

"Ich bin eine alten Straßenfußballerin." Elke Sovjak
Neben dem Tisch, an dem Willaredt und Sovjak sitzen, führt eine Tür zum Videoraum, an dem vergangene Partien und kommende Gegnerinnen der SC-Frauen unter die Lupe genommen werden. Ob sie ob solch perfekter Bedingungen gerne noch einmal junge Kickerinnen wären? "Mir würde hier ein bisschen die Freiheit fehlen, ich bin eine alten Straßenfußballerin", sagt Elke Sovjak.

Die ohnehin nicht auf den Mund gefallene Doris Klein beeindruckt der Siegeszug des Frauenfußballs derweil nur in Maßen: "Ich war immer davon überzeugt, dass es einmal so eine Entwicklung geben könnte."