Staatsgalerie Stuttgart zeigt Maria Lassnig

Antje Lechleiter

Von Antje Lechleiter

Do, 14. März 2019 um 19:47 Uhr

Kunst

Retrospektive mit Schwerpunkt auf den Sechzigern: Die Staatsgalerie Stuttgart zeigt Werke der lange übersehenen Maria Lassnig aus Anlass ihres 100. Geburtstags.

Es war ein langes und mit sieben Jahrzehnten künstlerischen Schaffens reiches Leben. Heute zählt Maria Lassnig (1919-2014) gemeinsam mit Louise Bourgeois und Eva Hesse zu den wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Doch der Weg zum Erfolg war lang und beschwerlich. Sie hatte die sechzig bereits überschritten, als ihr endlich die ersehnte öffentliche Anerkennung zuteil wurde. Eine Frau, die sich obsessiv mit ihrem körperlichen Empfinden beschäftigt, braucht einen langen Atem, um sich in der von Männern dominierten Kunstwelt zu behaupten.

Auch die Staatsgalerie in Stuttgart hat Lassnig lange übersehen oder zumindest nicht entdecken können. Nur eine Zeichnung aus den 1950er-Jahren sowie eine Druckgrafik der Künstlerin befinden sich in ihrem Bestand. Die Tatsache, dass dort dennoch zum 100. Geburtstag der Österreicherin eine Ausstellung mit zehn Gemälden und 72 Arbeiten auf Papier stattfindet, ist dem Kunstsammler Helmut Klewan zu verdanken – und das in doppelter Hinsicht: Zum einen stellte er seinen gesamten Lassnig-Sammlungsbestand als Leihgabe zur Verfügung. Zum anderen war er der erste in Deutschland, der 1981 in seiner Münchner Galerie die Werke der Künstlerin ausstellte. In den folgenden Jahren arbeitete er unermüdlich darauf hin, ihr Œuvre in eine breitere Öffentlichkeit zu bringen. Das war nicht immer leicht. Klewan bekennt in der Rückschau: "Dreißig Jahre Freundschaft mit Maria Lassnig waren wie ein Kampf. Man musste ihr jedes Bild abschwatzen. (...) Das Bewusstsein, ein Bild nicht mehr zurückzubekommen, war für sie unerträglich".

Warum die Künstlerin so eng mit ihren Werken verbunden war, wird beim Rundgang durch die Retrospektive, deren Schwerpunkt auf den 1960er-Jahren liegt, deutlich: Mit den Mitteln von Malerei und Zeichnung erkundet Maria Lassnig die eigene Befindlichkeit und stülpt ihr Innerstes schonungslos nach außen. In Körperbewusstseinsbildern wie "Herzselbstporträt im grünen Zimmer", 1968 oder "Die Verankerung", 1971 zeigt sie ihren Leib nicht so wie sie ihn sieht, sondern so, wie sie ihn fühlt: Gehäutet – seiner schützenden Hülle beraubt oder mechanisch fremd, als sei er Teil einer Maschine. Dazu sagte sie in einem Interview: "Wenn man zum Beispiel das Knie anwinkelt, bekommt man ein bestimmtes Körpergefühl, einen Druck, der sich im Körper fortpflanzt, weitervermittelt, und das malt man dann. Das ist mir nur irgendwann aufgefallen. Weil ich diesen Körperdruck gespürt habe. Ich habe meine Bilder, das begann um 1949 herum, dann ,introspektive Erlebnisse’ getauft."

Lassnigs Werk entzieht sich konsequent einer kunsthistorischen Einordnung. Abstraktion und Gegenständlichkeit fließen bei ihr in eins, real sind nur die Gefühle: Schmerz und Leiden, aber auch Erotik und Sexualität. Für diese Art der Wahrnehmung des eigenen Ich hat sie eine eigenständige Bildsprache entwickelt. Ihren Freund und Kollegen Arnulf Rainer porträtierte sie 1950 in einer witzigen Zeichnung. Beide reisten ein Jahr später gemeinsam nach Paris und beschäftigten sich kurzzeitig mit dem Surrealismus. Bewundernd bemerkt Rainer, dass Lassnig bereits in ihrem Frühwerk so malt und zeichnet, wie es niemand zuvor gemacht hat.

Maria Lassnig wurde 1919 in einem Dorf in Kärnten geboren. Ihr zeichnerisches Talent wurde zwar früh erkannt, eine Ausbildung zur Volksschullehrerin erschien aber zunächst als "passender". Mit dem Fahrrad fuhr sie schließlich nach Wien und wurde 1940 zum Studium an der Akademie bei Wilhelm Dachauer zugelassen. Mit ihren postkubistischen Versuchen war sie dort zur falschen Zeit am falschen Ort, doch nach einem Wechsel der Klasse konnte sie ihr Studium 1945 abschließen. Es muss eine große Enttäuschung gewesen sein, als Lassnig bei ihrem Umzug nach New York im Jahr 1968 feststellte, dass ihre Körpergefühlsmalerei – jetzt umformuliert als "Body Awareness" – in der Neuen Welt auf Unverständnis stieß. Sie reagierte darauf, indem sie sich einer realistischeren Wiedergabe ihres Körpers zuwandte und sich bildnerisch mit Relikten der amerikanischen Konsumwelt beschäftigte. Die Berufung an die Hochschule für angewandte Kunst führte sie 1980 zurück nach Wien.
Wie Christiane Lange, die Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie, im Gespräch pointiert, wird der Betrachter von manchen Werken Lassnigs wie von einem wilden Tier aggressiv angesprungen. Es gibt aber auch Exponate, die ruhen in sich selbst, so wie der Tiger im schönen Aquarell "Sanfter Schlaf".

Hinweis: Die Stuttgarter Staatsgalerie wartet seit kurzem mit einer besonderen Trophäe auf: Banksys "Balloon Girl", in Baden-Baden bereits massenhaft bestaunt. Zahlreiche Besucher verewigen sich hier mit einem Selfie. Besser kann man dröhnende Hohlheit des Kunstbetriebs nicht auf den Punkt bringen.

Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 30-32. Bis 28. Juli, Di bis So 10-17 Uhr, Do 10-20 Uhr.