Tschüss, Tampon!

Mona Wenisch

Von Mona Wenisch (dpa)

Mi, 22. September 2021

Gesundheit & Ernährung

Nachhaltige Periodenprodukte stecken noch in der Nische – mehrere Start-ups wollen das ändern.

. Mit Periodenslips, Softtampons und Menstruationstassen sagen Start-ups den etablierten Herstellern von Binden, Tampons & Co. den Kampf an. Ihre Botschaft: Wer menstruiert, soll sich wohlfühlen – und selbst über den Umgang damit entscheiden.

Eine der Gründerinnen ist Julia Rittereiser. "Ich habe selbst wahnsinnig Periodenschmerzen und war immer auf der Suche nach einer Lösung, die meine Periode komfortabler und angenehmer gestaltet", sagt sie. "Gleichzeitig wollte ich was haben, was nicht so viel Müll produziert." Ihr Unternehmen Kora Mikino hat sich deshalb auf Periodenslips spezialisiert. Die Unterhosen bestehen aus mehreren Schichten und können so nach Herstellerangaben bis zu 30 Milliliter Blut aufnehmen – das entspreche etwa drei mittelgroßen Tampons. Der Bestseller ist nicht etwa die unauffällige Unterhose, sondern der schicke Spitzenslip.

Die Zahlen scheinen Rittereiser Recht zu geben. "Wir wachsen sehr stark", sagt sie. Vergangenes Jahr sei der Umsatz siebenstellig gewesen, dieses Jahr werde er mehr als verdoppelt. "Ich glaube, das Produkt trifft den Zahn der Zeit." Die Vision sei, dass irgendwann in jeder Unterwäscheabteilung Periodenwäsche hänge.

Bisher spielen die Alternativen zu herkömmlichen Binden, Slipeinlagen und Tampons noch keine große Rolle in der Branche. Laut einer Marktanalyse von Splendid Research von 2019 kaufen 96 Prozent der Frauen Einwegprodukte. 57 Prozent betonen aber die Wichtigkeit biologisch abbaubarer und wiederverwertbarer Produkte. Zero Waste Europe schätzt, dass durch Einweg-Periodenprodukte in den EU-Staaten jedes Jahr etwa 590 000 Tonnen Müll anfallen.

Das Thema hat es auch bei Investoren schwer. "Man hat in gewissen Entscheiderpositionen mit Menschen zu tun, die sich absurd schwer tun, sich in die Zielgruppe hineinzuversetzen", sagt Rittereiser. Das sieht Komikerin und Geschäftsfrau Carolin Kebekus ähnlich: "Es wird viel zu wenig in Gründerinnen investiert, Frauen haben immer noch weniger Zugang zu Kapital als Männer." Mit der Unternehmerin Tijen Onaran und der Moderatorin Laura Karasek investiert Kebekus in das Start-up Nevernot, das unter anderem Softtampons verkauft.

Die herzförmigen Schwämme haben im Gegensatz zu klassischen Tampons keinen Rückholfaden und sollen deutlich weniger zu spüren sein. "Weibliche Produkte bekommen wesentlich weniger Finanzierung als Finanzprodukte – ich finde: Gesundheit schlägt Finanzen", sagt Onaran. "Oft wird ihnen weniger zugetraut, oder die Produkte werden als zu ’nischig’ bewertet", meint Kebekus. "Dabei haben die meisten Investoren einfach keine Ahnung, wie sehr ein guter Softtampon das Leben einer Frau zu 1000 Prozent verbessern kann."

Produkt und Ideale sind bei Start-ups oft eng miteinander verwoben – auch bei Cordelia Röders-Arnold von Einhorn. Das Berliner Unternehmen wurde durch bunte, nachhaltige Kondome bekannt. Vor vier Jahren kam Röders-Arnold dazu und trieb das Thema Periodenprodukte voran. "Es ist mein Wunsch, das Leben für menstruierende Menschen schöner zu machen. Periode zur Stärke zu machen, wo sie jahrelang als Schwäche empfunden wurde", sagt sie. Seither bietet Einhorn auch Biotampons und -slipeinlagen sowie Menstruationstassen an. Die Tassen werden gefaltet in die Vagina eingeführt, bilden dort ein Vakuum und fangen das Blut auf. Anders als Tampons können sie nach Gebrauch abgekocht und wiederverwendet werden.

Die bunte Aufmachung der Kondome übertrug Einhorn auf Tampons und Tassen. "Meistens sind die üblichen Verpackungen weiß, grün und diskret, sauber und sicher", weiß Röders-Arnold. Doch: "Die Periode darf Raum einnehmen und Lärm machen. Unsere Tampons heißen Tam-Tampons, weil wir wollen, dass man mit Tampons auch Tamtam machen kann." Mittlerweile machen Periodenprodukte bei Einhorn laut Röders-Arnold mehr als die Hälfte des Umsatzes aus, der im siebenstelligen Bereich liegt.

Zur Botschaft der Start-ups gehört auch, alle Menschen anzusprechen, die ihre Tage bekommen, zum Beispiel Intersexuelle. Bisher diktierten die etablierten Hersteller das Narrativ, kritisiert Rittereiser. "Menstruierende Menschen wollen sich davon emanzipieren, dass nicht-menstruierende Menschen ihnen vorschreiben, wie sie mit der Menstruation umgehen." Es gehe darum, die Deutungshoheit über das Thema zu erlangen, betont sie.