BZ-Interview

Steffen Engler von der Band von Welt, die ihr neues Album nur noch häppchenweise veröffentlichen

Felix Lieschke

Von Felix Lieschke

Mi, 12. Juni 2019 um 20:15 Uhr

Rock & Pop

Die Regioband von Welt hat sich vom Album-Format verabschiedet. Im Interview mit Felix Lieschke erklärt der Gitarrist Steffen Engler, warum das so ist.

Mit ihren Kopfhörerkonzerten (Stille Konzerte) hat die Band von Welt viele Fußgängerzonen Europas bespielt. Jetzt haben sie ein neues Album angekündigt. Rockiger soll es werden. Neu diesmal: Pro Monat wird nur ein neuer Song auf den großen Streaming-Plattformen veröffentlicht. Der Gitarrist Steffen Engler hat Felix Lieschke erklärt, warum sich die Band vom Album-Format verabschiedet hat und wie schwer es ist, als Regioband ganz groß rauszukommen.

BZ: Herr Engler, ich hätte gern eine von Welt-Playlist angelegt, aber mit einem Song könnte das etwas eintönig werden.

Engler: Wir haben vor zwei Jahren schon eine EP mit vier Songs veröffentlicht. Das funktioniert schon.

BZ: Aber wirklich auf einem Song hängenzubleiben, wird schwerer.

Engler: Es kommen ja noch mehr Lieder, nur eben zeitlich versetzt. Viele Gelegenheiten, um darauf hängenzubleiben. Wir haben seit unserer Gründung immer die Augen offengehalten, welche Tendenzen es bei den Konsumenten gibt. Bei unserer ersten EP haben wir gemerkt, dass der Trend von der CD weggeht. Damals gab es aber noch den Wunsch nach etwas Haptischem. Die Lösung war ein Fotobuch mit Download-Link. Jetzt, zwei Jahre später, mussten wir einsehen, dass nicht nur CD-Verkäufe, sondern auch die Downloadzahlen eingebrochen sind. Die Leute streamen ihre Musik nur noch, das müssen wir nutzen.

BZ: Wie soll das gehen?

Engler: Viele lassen ihre Hörgewohnheiten mittlerweile von Algorithmen bestimmen, indem sie sich größtenteils an Playlists orientieren. In die wollen wir rein. Wir wollen keinen Peak kurz nach der Veröffentlichung unseres Albums und danach brechen die Hörerzahlen sofort wieder ein. So wird jedem Lied eine viel größere Aufmerksamkeit zuteil.



BZ: Wie wurde das Thema intern diskutiert?

Engler: Anfangs waren nicht alle davon überzeugt. Ich kaufe auch lieber ein Album. Aber dieser Veröffentlichungsmodus ist unter HipHop-Künstlern schon länger verbreitet. Rockmusik-Hörer sind zwar etwas konservativer, aber das Risiko wollen wir eingehen. Als die ersten Bands keine Schallplatten, sondern CDs gepresst haben, wurden auch erstmal Leute vergrault.

BZ: Trotzdem sind die Produktionskosten doch die gleichen für jeden Song. Wie lässt sich daraus Geld machen?

Engler: Momentan noch gar nicht. Wir sehen das bisher als Investition, zumal wir wieder das Glück hatten, eine Förderung von der Initiative Musik zu erhalten. Mittel- bis langfristig müssen wir Leute auf unsere Konzerte locken. Für noch nicht so bekannte Bands ist es schwer, die Eintrittspreise abzuschätzen. Viele sind bereit, mehr als hundert Euro für ein Helene-Fischer-Konzert zu bezahlen. 20 Euro für von Welt sind aber oft schon zu viel.

BZ: Das heißt, die Stillen Konzerte wird es in Zukunft auch nicht mehr geben?

Engler: Doch, wir werden im Sommer weiterhin ein paar Stille Konzerte in den Fußgängerzonen geben. Im Winter ist dann aber eine Clubtour durch Deutschland geplant.

BZ: Haben die neuen Möglichkeiten es leichter gemacht, mit der Musik erfolgreich zu werden?

Engler: Definitiv. Jeder kann sich für ein paar Euro ein Musikbearbeitungsprogramm herunterladen und damit in seinem Wohnzimmer Musik produzieren. Die Möglichkeit, über das eigene Label seine Musik online zu veröffentlichen, gab es früher auch nicht. Gleichzeitig ist es für Künstler aber umso schwerer, aus der Masse herauszustechen. Da sind wir froh über unsere Stillen Konzerte.

BZ: Früher war es so, dass Musiker sich kennenlernten, probten, die ersten Konzerte gaben und eine CD aufnahmen. Funktioniert das noch?

Engler: Grundsätzlich ja, aber viele andere Faktoren spielen in ein Gesamtprodukt hinein. Der Fokus liegt zwar weiterhin auf guter Musik, aber viele Kanäle müssen zeitgleich bespielt werden, um interessant zu bleiben. Wir hatten alle vorher schon Bands und haben sehr genau analysiert, was damals schiefgelaufen ist. Diese Erfahrung bringen alle in von Welt ein. Es müssen alle an einem Strang ziehen, das Prinzip Bandleader und der Rest funktioniert nicht mehr.
Die Band

Der Gitarrist Steffen Engler ist 29 Jahre alt und Gründungsmitglied von von Welt und lebt in Freiburg, er ist in Kenzingen aufgewachsen. Die Band besteht aus Nicolas Kuri (Gesang, Gitarre), Nicolai Hoch aus Lahr (Bass) und Patrick Moser (Schlagzeug) aus Oberschopfheim.