Stilfrage

Wie damit umgehen, wenn sich Bekannte in politischen Gruppen engagieren, die ich ablehne?

Elisabeth Bonneau

Von Elisabeth Bonneau

Fr, 10. April 2020 um 16:31 Uhr

Stilfrage

Der Mann einer guten Bekannten engagiert sich neuerdings in einer politischen Gruppierung, deren Ziele ich in keiner Weise gutheiße. Ignorieren kann ich das nicht. Soll ich den Kontakt abbrechen?

"Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist." Generationen von Jugendlichen wurde dieses Goethe-Zitat ins Poesiealbum geschrieben: als Appell, sich durch "schlechten" Umgang nicht vom "rechten" (richtigen) Weg abbringen zu lassen. Umgang färbt ab – auf eine Person und auf das Bild, das sich andere von ihr machen.

Artikel 5 Grundgesetz

Begeben Sie sich nun in diese in Ihren Augen "schlechte" Gesellschaft, steht zu befürchten, dass Ihre Nachbarn, Kollegen, Freunde Sie dieser Gruppe zurechnen. Man könnte Sie dafür tadeln, Sie meiden, Ihnen keine Chance auf Klarstellung lassen. Demnach wäre Ihnen anzuraten, den Kontakt zu Ihrer Bekannten abzubrechen. Andererseits sagt Artikel 5 unseres Grundgesetzes: "Jeder hat das Recht, seine Meinung ... frei zu äußern und zu verbreiten ..."

Wo die Grenzen der freien Meinung und ihrer Umsetzung in der Öffentlichkeit verlaufen können, ist derzeit hochaktuell. Versteckte Ihre Bekannte in ihrem Gartenhäuschen einen international gesuchten Terroristen, sollten Sie das der Polizei melden. So schlimm ist es aber offensichtlich nicht. Es wäre also fair, dem politisch engagierten Herrn und Ihrer Bekannten – von deren Aktivitäten Sie gar nicht sprechen – das Recht auf freie Meinungsäußerung zuzugestehen.

"Über Politik möchte ich mit dir nicht sprechen."

Sollte diese versuchen, Sie zu indoktrinieren, können Sie mit ihr diskutieren. Dass es schwer ist, das mit Vertretern extremer Ansichten zu tun, ist bekannt, nicht nur aus den Medien. Sie können genauso gut Ihre persönliche Grenze ziehen: "Über Politik möchte ich mit dir nicht sprechen." Die Bekannte generell auszugrenzen jedoch wäre nicht nur stillos, sondern extrem unfair.
Elisabeth Bonneau

Die Autorin ist Kommunikationstrainerin und lebt in Freiburg.