Ausschreitungen in Paris

Streik legt Frankreich lahm – Hunderttausende protestieren gegen Rentenreform

dpa/AFP/bnü

Von dpa, AFP & Bärbel Nückles

Do, 05. Dezember 2019 um 22:39 Uhr

Ausland

Massive Streiks gegen die geplante Rentenreform haben in Frankreich den öffentlichen Verkehr fast komplett lahmgelegt. Hunderttausende gingen auf die Straße, auch im Elsass.

In der Hauptstadt Paris fuhren am Donnerstag fast keine Metros, die meisten Linien wurden nicht bedient, Bahnhöfe waren geschlossen. Am Rande der Proteste kam es vor allem in der Hauptstadt zu Ausschreitungen.

Das Innenministerium sprach am Abend von 806.000 Teilnehmern im ganzen Land, wie der Radionachrichtensender Franceinfo und andere Medien berichteten. Die Gewerkschaft CGT zählte hingegen mehr als 1,5 Millionen Demonstranten. Mehr als 12 000 Menschen gingen allein in Straßburg und Mulhouse gegen die Reformpläne auf die Straße. "Wir waren noch nie so zahlreich, um Paris zu sagen, dass wir selbst über unsere Zukunft entscheiden und dass wir eine gerechtere Gesellschaft fordern", sagte Jacky Wagner, Generalsekretär der Gewerkschaft CGT Bas-Rhin.

Der Streik hatte auch Auswirkungen auf Reisende in Deutschland. Am Euro-Airport wurden 17 Flüge gestrichen. Zugfahrten von und nach Frankreich fielen aus. Betroffen waren die ICE-Verbindungen von Frankfurt über Mannheim und Saarbrücken nach Paris sowie von München über Stuttgart und Straßburg nach Paris, ebenso die TGV-Verbindung von Frankfurt über Mannheim und Straßburg nach Marseille. "Es ist damit zu rechnen, dass der Streik ausgeweitet wird und mehrere Tage andauert", teilte die Bahn mit. Sie rief Reisende auf, sich im Internet zu informieren und bot eine kostenlose Umbuchung an. In Paris blieben Sehenswürdigkeiten wie der Eiffelturm zu.

Zahlreiche Gewerkschaften hatten im Konflikt um die geplante Rentenreform zu den branchenübergreifenden Streiks aufgerufen. Bei der Staatsbahn SNCF legten mehr als die Hälfte der Mitarbeiter die Arbeit nieder. Etliche Lehrer traten ebenfalls in den Ausstand. Auch in Teilen des öffentlichen Dienstes, in Krankenhäusern und Justizstellen wurde die Arbeit niedergelegt. Mit der Rentenreform will die Mitte-Regierung die Zersplitterung in 42 Einzelsysteme für bestimmte Berufsgruppen beenden. Sonderregeln, die von anderen oft als Privilegien gewertet werden, gibt es zum Beispiel für Eisenbahner oder Mitarbeiter der Energiewirtschaft. So können Lokführer theoretisch mit Anfang bis Mitte 50 in Rente gehen. Das normale Renteneintrittsalter liegt bei 62 Jahren. Künftig soll ein Punktesystem die Höhe der Rente mitbestimmen. Außerdem soll es Anreize geben, länger zu arbeiten.

Am Nachmittag kam es im Zentrum von Paris zu Krawallen. Vermummte mischten sich unter die Demonstranten, Autos wurden angezündet und Scheiben eingeschlagen. Die Polizei setzte Tränengas ein. Dutzende Menschen wurden festgenommen. In Paris waren 6000 Sicherheitskräfte im Einsatz. Der Streik soll in den nächsten Tagen weitergehen. Die Pariser Verkehrsbetriebe RATP wollen den Ausstand bis mindestens Montag verlängern. Die SNCF kündigte an, dass der Bahnverkehr am Freitag im ganzen Land "sehr gestört" sein werde. Die Zivilluftfahrtbehörde rief die Fluggesellschaften auf, auch am Freitag ihr Flugaufkommen um 20 Prozent zu reduzieren.