Uni Basel

Studie zeigt: Fluglärm führt zu mehr Herzinfarkten

Franz Schmider

Von Franz Schmider

Di, 08. Dezember 2020 um 09:15 Uhr

Südwest

Wissenschaftler der Universität Basel haben die Auswirkungen von Fluglärm auf die Gesundheit von Anwohnern untersucht – und erstmals einen konkreten Zusammenhang nachgewiesen.

Wissenschaftler der Universität Basel haben in einer Studie erstmals einen konkreten Zusammenhang zwischen nächtlichem Fluglärm und Todesfällen in Folge eines Herz-Kreislauf-Versagens aufgezeigt. Nach der im Fachmagazin European Heart Journal veröffentlichten Untersuchung können drei Prozent der Herz-Kreislauf-Todesfälle im Umfeld des Flughafens Zürich konkret auf nächtliche Überflüge zurückgeführt werden.

Wissenschaftler des Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Instituts (Swiss TPH) unter Leitung von Martin Röösli haben für ihre Studie die Daten von 25 000 Todesfällen in Folge eines Herzinfarkts oder Ähnlichem in den Jahren 2000 bis 2015 ausgewertet. Dass es einen Zusammenhang zwischen der Belastung durch Verkehrslärm und Herz-Kreislauferkrankungen gibt, ist bekannt. Röösli hatte dazu zuletzt 2018 eine epidemiologische Studie vorgelegt. Nun ging es um den Nachweis einer konkreten Wirkung-Dosis-Beziehung.

Das "innovative neue Studiendesign", wie es der Chefkardiologe der Uniklinik Mainz, Thomas Münzel, nennt, habe es erstmals ermöglicht, Todesfälle konkret mit Flugbewegungen in Zusammenhang zu bringen.

Aus der enormen Datenmenge wurde zunächst eine erwartete Todesrate modelliert. Überfliegt nun zum Beispiel aufgrund der Wetterlage ausnahmsweise ein Flugzeug ein bestimmtes Gebiet und es kommt dort zu mehr Herzattacken als erwartet, "dann haben wir eine solche direkte Wirkung-Dosis-Beziehung", erklärt Studienleiter Martin Röösli. Zumal dann, wenn es einen direkten Zusammenhang gebe zwischen der aus der dokumentierten Flugroute, dem Flugzeugtyp, der Airline und den Wetterverhältnissen errechneten Lärmbelastung und der Häufigkeit solcher Vorfälle. Denn alle weiteren Risikofaktoren wie Wohnverhältnisse, Ernährungsgewohnheiten, Lebensweise oder Tabakkonsum seien identisch. Die Aussagekraft beruht auch auf der hohen Zahl an Vorfällen und dem langen Beobachtungszeitraum.

Bewohner von Häusern mit schlechter Lärmisolierung waren häufiger betroffen

Die Basler Forscher haben nun in ihrer vom Schweizer Nationalfonds geförderten Studie zum einen festgestellt, dass die Vorfälle sich innerhalb eines Zeitraums von zwei Stunden nach dem Überflug ereigneten, dass Bewohner alter Häuser mit schlechter Lärmisolierung stärker betroffen waren und dass in Gebieten, die sonst eher ruhig sind, die Störung als besonders unangenehm wahrgenommen wurde und Stressreaktionen auslöste.

Zudem gibt es laut der Studie einen Anstieg der Fallzahl um 33 Prozent bei einem Lärmpegel zwischen 40 und 50 Dezibel. Bei einem Pegel von 55 Dezibel liege der Anstieg bei 44 Prozent. Bei den Todesfällen handelt es sich überwiegend um Menschen mit Vorbelastung.

"Wir haben festgestellt, dass bei ungefähr 800 von 25 000 Herz-Kreislauf-Todesfällen in den 15 Jahren in der Nähe des Flughafens Zürich Fluglärm die Ursache war", so Martin Röösli. "Das entspricht drei Prozent aller beobachteten Herz-Kreislauf-Todesfälle." Somit stirbt pro Woche ein Mensch vorzeitig in Folge des Flugbetriebes. Hintergrund sei, dass Fluglärm unangenehme Reaktionen auslöst, vergleichbar mit viel Ärger oder auch Wut, was direkt auf das Herz-Kreislauf-System wirke.

Europaweit würden rund 48 000 Fälle sogenannter ischämischer Herzerkrankungen pro Jahr auf eine Lärmbelastung zurückgeführt, in erster Linie des Straßenverkehrs. Als besonders schädlich gilt nächtlicher Lärm, der die Nachtruhe stört. In Zürich herrscht ein Nachtflugverbot in der Zeit zwischen 23.30 und 6 Uhr.

Für Röösli ist klar, dass "wir auf der Basis unserer Studienergebnisse folgern können, dass das nächtliche Flugverbot zusätzliche Herz-Kreislauf-Todesfälle verhindert". Zur Gesundheit der Menschen im deutschen Teil der Einflugschneise hätten keine Daten vorgelegen.