Wissenschaft

Studie zeigt, dass Menschen, die oft grünen Tee trinken, länger leben

Juliette Irmer

Von Juliette Irmer

Sa, 27. Juni 2020 um 07:23 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Grüner Tee hat einen guten Ruf. Und den haben Wissenschaftler aus China jetzt bestätigt. Sie haben Teetrinker über mehr als 20 Jahre begleitet und herausgefunden, dass diese länger leben.

Grüner Tee hat seit Jahrhunderten einen guten Ruf in Sachen Gesundheit: Neben seiner belebenden Wirkung soll er Krebs und Alzheimer entgegenwirken, den Blutdruck senken, die Durchblutung fördern und so Herzinfarkte und Schlaganfälle vorbeugen.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus China bestätigt einen Teil der Annahmen: Ein hoher Konsum des Teepflanzen-Aufgusses, so das Ergebnis der 1998 gestarteten Untersuchung mit rund 100 000 Teilnehmern, ist mit einem längeren und gesünderen Leben verbunden. So hatten jene Teilnehmer, die mindestens drei Mal pro Woche Tee tranken, ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und ein allgemein reduziertes Sterberisiko, im Vergleich zu denjenigen, die weniger als dreimal pro Woche Tee tranken. Konkret lebten 50-jährige Teeliebhaber 1,26 Jahre länger als Teeabstinenzler.

Schwarzer Tee soll keinen positiven Effekt haben

"Die positiven Auswirkungen auf die Gesundheit sind am stärksten, wenn man regelmäßig über viele Jahre hinweg Tee trinkt", sagt Erstautor Xinyan Wang von der Chinesischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften in Peking. Wang und seine Kollegen vermuten, dass die wichtigsten bioaktiven Verbindungen im Tee, die sogenannten Polyphenole, nicht langfristig im Körper gespeichert werden, weswegen "ein regelmäßiger Teekonsum über einen längeren Zeitraum für die kardioprotektive Wirkung notwendig ist."

Am besten schnitt grüner Tee ab. Für schwarzen Tee fanden die Forscher keinen positiven Effekt. Sie erklären sich das mit dem unterschiedlichen Verarbeitungsprozess: So enthält grüner Tee mehr Polyphenole, weil er im Gegensatz zu schwarzem Tee nicht fermentiert wird – ein Prozess, der den Anteil der bioaktiven Substanzen durch Oxidation mindert.

Was macht grünen Tee so gesund?

"Die Studie ist aufgrund ihrer Größe sehr aussagekräftig und übertrifft damit die meisten bisherigen Studien", sagt Michael Ristow, Internist und Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich. Allerdings handele es sich um eine Assoziationsstudie: Bei solchen Studien kann nur festgestellt werden, ob ein Verhalten wie etwa Teekonsum mit dem Auftreten einer oder mehrere Erkrankungen verbunden ist, nicht aber, ob das Trinken von Tee die Ursache für den beobachteten Zusammenhang ist. Inwieweit also tatsächlich grüner Tee für weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle sorgt oder womöglich doch ein anderer Aspekt der Lebensweise und Ernährung, lässt sich abschließend nicht sagen. "Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Teekonsum die Gesamtsterblichkeit vermindert, recht hoch", sagt Ristow.

Doch was macht grünen Tee überhaupt so gesund? Tee, insbesondere grüner Tee, ist, wie bereits erwähnt, reich an Polyphenolen, genauer gesagt an chemischen Verbindungen namens Katechinen. Die wichtigste hat den Namen Epigallocatechingallat (EGCG) und macht bis zu 65 Prozent des Katechingehalts einer Tasse grünen Tees aus. Studien an Zellkulturen und Tierversuche haben gezeigt, dass EGCG so einiges vermag: EGCG lindert Entzündungen, senkt den Cholesterinspiegel und den Blutdruck. "Katechine können auch die Gefäßfunktion günstig beeinflussen und den Blutdruck senken, allerdings gibt es dazu kaum Daten von großen Interventionsstudien, das heißt, es gibt noch große Unsicherheit zum Wirkungsmechanismus", sagt Gunther Kuhnle, Professor für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften an der Universität Reading, Großbritannien.

Damit nicht genug, bremst ECGC auch das Wachstum verschiedener Krebszellen – zumindest in Tierversuchen. So kann ECGC offenbar die Bildung aggressiver Sauerstoffverbindungen verhindern, sogenannte freie Radikale, die als potenziell krebsfördernd geltend, weil sie Schäden in der Erbsubstanz hervorrufen können.

Obwohl manche experimentelle Daten vielversprechend sind, kann man die Auswirkungen des Teekonsums auf Krebs beim menschlichen Patienten nicht eindeutig beurteilen. Das gilt auch für die Wirkung von ECGC auf neurodegenerative Erkrankungen: In Zellkulturen und im Tierversuch verhinderte ECGC, dass Proteine, die normalerweise einzeln vorliegen, zu Aggregaten verklumpen. Solche Häufungen, die aus mehreren Tausenden Proteinen bestehen können, formen bei Parkinson und auch bei Alzheimer unförmige Gebilde im Gehirn, die einer gängigen Hypothese zufolge letztlich zum Ausfall ganzer Hirnregionen führen können.

Lebensmittelbehörde warnt vor Kapseln

Eine Studie an Patienten mit MSA, einer parkinsonähnlichen, schnell voranschreitenden Krankheit, brachte jedoch nicht den gewünschten Erfolg: Die Patienten hatten bis zu 1200 Milligramm ECGC erhalten, so viel, wie in rund 50 Tassen grünem Tee enthalten ist. Zwar verkümmerten die betroffenen Gehirnregionen etwas weniger, aber die Krankheit wurde nicht aufgehalten und bei einzelnen Patienten kam es zu Nebenwirkungen wie Leberschäden.

Trotz potentiell gefährlicher Nebenwirkungen sind Grünteeextrakte und EGCG als Nahrungsergänzungsmittel seit Jahren frei verkäuflich und werden auf manchen Internetseiten auf fragwürdige Weise beworben: "Da im Regelfall nicht mit Nebenwirkungen zu rechnen ist, kannst Du bei der Dosierung nicht viel falsch machen." Ristow widerspricht: "Die Gefahr einer Überdosierung ist hoch. Es sind Leberversagen aufgrund von Grünteesupplementen und solchen mit EGCG sehr überzeugend beschrieben worden."

Auch die europäische Lebensmittelbehörde EFSA warnt: Als Nahrungsergänzungsmittel in Kapselform eingenommen, können Grünteextrakt und ECGC in Dosen von 800 Milligramm am Tag oder darüber gesundheitlich bedenklich sein.

Grünteeaufgüsse dagegen seien sicher. Grüner Tee enthält offensichtlich Inhaltsstoffe, die gesundheitsfördernde Eigenschaften haben. Bislang gibt es aber wenige klinische Studien am Menschen, die eine ursächliche Wirkung belegen. Es spricht allerdings auch nichts dagegen, sich drei Mal die Woche eine Tasse grünen Tee aufzubrühen.