Interview

Studierendenverteter: "Es herrscht eine große Unsicherheit"

Anika Maldacker

Von Anika Maldacker

Sa, 11. Juli 2020 um 10:20 Uhr

Freiburg

Christian Kröper studiert an der Albert-Ludwigs-Universität Anglistik und ist in der Studierendenvertretung aktiv. Nicht alles findet er schlecht am digitalen Studium – aber "das Soziale" fehle.

Mehr Arbeit, weniger soziale Kontakte und viel Bildschirm: Das Studium ist in der Corona-Pandemie komplett digitalisiert worden. Das birgt Vor- und Nachteile, wie Anglistik-Student Christian Kröper (31), der Teil der Studierendenvertretung der Uni Freiburg ist, berichtet.

Herr Kröper, es gibt ja dieses Klischee vom Student, der viel Freizeit, große Freiheiten und Zeit zum Philosophieren hat. Was ist da im digitalen Semester noch dran?

Christian Kröper: Dieses ideelle Bild existiert lange nicht mehr. Früher hat man den Lehrplan selbst zusammengestellt, inzwischen ist das Studium verschulter. Man könnte meinen, dass das digitale Semester ein Rückschritt in diese Richtung ist. Das ist nicht der Fall. Es wird strikt vorgegeben, was zu tun ist. Die Erwartungshaltungen der Dozierenden an Studierende gehen stark auseinander. Einige nehmen Rücksicht, andere denken: Die Studis sitzen jetzt mehr zuhause, also können sie mehr machen.

Das digitale Studium findet fast nur am PC statt.Was fehlt Ihnen besonders?

Kröper: Mir fehlt definitiv das Soziale. Im Seminarraum trifft man Kommilitonen und tauscht sich aus. Das passiert nicht mehr. Der Kontakt gibt Rückhalt. Im Digitalsemester loggt man sich ein, die Lehrveranstaltung beginnt, dann ist es vorbei, man loggt sich aus.

Kaffeepause oder in die Mensa gehen ist nicht mehr drin?

Kröper:Es würde inzwischen wieder gehen, aber es ist kein natürlicher Vorgang mehr, weil man sich nicht mehr an der Uni trifft.

Wie hat sich Ihr studentischer Alltag verändert?

Kröper: Mein Alltag ist freier geworden. Ich schätze die asynchronen Veranstaltungen. Also die Vorlesungen, die aufgezeichnet werden und die man nacharbeiten kann, wann man will. Die schaue ich mir meistens nicht zum Veranstaltungstermin an, sondern wenn es passt.
Zur Person
Christian Kröper, 31, studiert Anglistik und Germanistik auf Bachelor, er ist Referent für Hochschulpolitik der Studierendenvertretung und beratendes studentisches Mitglied im Senat der Universität Freiburg.

Hat man immer die Wahl zwischen synchron und asynchron?

Kröper:Es gibt synchrone Veranstaltungen, zu denen man zu einem Zeitpunkt anwesend sein muss. Das ist im Vergleich zur Präsenzlehre anstrengender, weil vor dem Computer die Aufmerksamkeitsspanne geringer ist. Man hat auch mehr Hemmungen, im Seminar zu sprechen.

Einige Studierende meinten, dass für sie die Hemmschwelle geringer war, sich zu beteiligen, weil man sich teils über Chats melden kann.

Kröper:Ich habe das Gefühl, dass ich mehr Hemmungen habe, mich zu Wort zu melden. Es gab auch eine Umfrage am englischen Seminar, wo mehr als die Hälfte der Studierenden meinte, dass die Hemmschwelle größer geworden ist.

Darunter leidet doch der fürs Studium wichtige Diskurs?

Kröper:Ich habe das Gefühl, dass das hitzige und längere Debattieren fehlt. Man darf aber nicht vergessen, dass die Situation für alle neu und anstrengend ist. Ich glaube, alle wollen das digitale Semester schnell hinter sich bringen und sind froh, dass es technisch funktioniert.

Was sind die Vorzüge?

Kröper:Die asynchronen Veranstaltungen. Nicht nur wegen der Flexibilität, sondern auch weil man zurückspulen oder Stellen nochmal anhören kann, wenn man etwas nicht verstanden hat. Ich hoffe, dass man solche Elemente mit in die Präsenz nimmt.

Was stört am meisten?

Kröper:Mich stört, dass die Uni und die Lehrenden das digitale Semester nicht stärker als Chance begriffen haben. Es wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, kreativ zu sein und die Vorlesung nicht eins zu eins von der Präsenz ins Digitale zu übertragen. Mich stören auch die höheren Anforderungen.

Dass der Arbeitsaufwand zugenommen hat, berichten viele Studierende. Wieso ist das so?

Kröper: Ich denke, dass das aus einer Unsicherheit der Dozierenden entsteht. Ich habe den Eindruck, einige denken, dass man mit der digitalen Lehre nicht das Niveau der Präsenzlehre erreichen kann und erlegen den Studierenden daher mehr Aufgaben auf.

"Wir haben von Studierenden gehört, die ihre Nebenjobs

verloren haben, und zu den Eltern zurückziehen mussten."

Sie sind in der Studierendenvertretung aktiv. Was sorgt die Studierenden?

Kröper:Einige haben Geldsorgen, Zukunftsängste und es herrscht generell eine große Unsicherheit. Es gibt Studierende, die in ihren Zimmern keine gute Internetverbindung haben, um der Lehre gut folgen zu können. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass es Uni-Räume gibt, wo sich Studierende in solchen Situationen hineinsetzen konnten. Das Rektorat war einverstanden, die Landesverordnung hat das aber zunächst nicht erlaubt. Seit Juli gibt es dieses Angebot.

Gibt es Studierende, die durch die Corona-Krise in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind?

Kröper: Ja. Wir haben von Studierenden gehört, die ihre Nebenjobs verloren haben, und zu den Eltern zurückziehen mussten. Ein Kommilitone arbeitete in der Gastronomie. Durch Corona hat er seinen Job verloren. Seine Eltern sind beide in Kurzarbeit. Er weiß nicht, wie es weitergeht. Es gibt zwar finanzielle Hilfen vom Bund und den Ländern, die aber teils zu spät kamen. Viele Studierende haben sich bei uns gemeldet, die die Anforderungen für die Überbrückungshilfe des Bundes scheinbar erfüllten, die Förderung aber nicht erhielten. Was uns auch sorgt: dass Studierende nun in Schuldenfallen geraten, in dem sie fragwürdige Kredite mit hohen Zinsen aufnehmen.

Wie viele Studierende sind durch die Corona-Krise in finanzielle Schieflage gekommen?

Kröper:Ich denke, dass die Zahl höher ist, als man mitbekommt. Menschen, die in finanzielle Notlagen geraten, reden nicht darüber. Das ist ein Tabuthema. Die meisten betrifft das aber nicht, weil das Elternhaus hilft.


Ist die Studentenstadt Freiburg leerer, weil viele Studierende vom Elternhaus aus studieren?


Kröper:Mein Eindruck ist, dass viele ihr Zimmer untervermietet haben oderleer stehen lassen und bei den Eltern sind. Das hat auch mit Sicherheit zu tun. Studierende tendieren dazu, die Krise in der Sicherheit des elterlichen Hauses auszusitzen. Das sind nicht nur jüngere Studierende, sondern quer durch die Bank. Dort ist man versorgt, muss sich um weniger kümmern. Das ist wie eine sichere Kuscheldecke.

Wie ergeht es Studierenden, die kurz vor dem Abschluss stehen?

Kröper:Es herrscht eine große Unsicherheit. Es ist wenig ausgeschrieben. Ein wichtiges Thema sind Absolventen, die demnächst ein weiterführendes Studium beginnen wollen. Der Zugang zur Literatur ist schwieriger geworden. Die Bibliotheken sind eingeschränkt offen. Es ist nicht sicher, ob man den Abschluss bis zum Wintersemester schafft.

Die Regelstudienzeit wurde ja verlängert. Wer profitiert davon?

Kröper:Für Bafög-Empfänger ist das wichtig, aber auch für internationale Studierende, deren Aufenthaltserlaubnis an die Regelstudienzeit geknüpft ist.

Werden viele ihr Studium verlängern müssen?

Kröper: Es gibt Studierende, die ganz froh über ein längeres Studium sind, weil sie hoffen, dass sich die wirtschaftliche Lage bis dahin verbessert hat.

Wie wirkt sich diese unsichere Zeit auf die Psyche der Studierenden aus?

Kröper:Psychische Probleme, Einsamkeit und soziale Isolation sind große Themen. Studierende sind im Hinblick auf das Wintersemester verunsichert. Sei es, weil sie als Risikogruppen nicht an der Präsenzlehre teilnehmen können. Oder, weil ihnen die digitale Lehre zu schaffen macht.

Welche Sorgen treiben Sie um?

Kröper: Meine Probleme sind nicht so groß. Ich meide mein Elternhaus, weil mein Vater zur Risikogruppe gehört. Die Gefahr ist mir zu groß. Mein Großvater ist über 90, er ist im Krankenhaus. Eigentlich würde ich gerne zu ihm fahren, um ihn nochmal zu sehen. Aber das ist gerade nicht möglich.