Baden-Württemberg

Es gibt so viele Hebammen wie noch nie – und trotzdem zu wenige

Anika von Greve-Dierfeld

Von Anika von Greve-Dierfeld (dpa)

Mo, 10. Juni 2019 um 21:32 Uhr

Südwest

Die Nöte von Geburtshelferinnen haben inzwischen viel Aufmerksamkeit – doch noch immer sind ihre Arbeitsbedingungen schwierig. Ihr Vertreter zieht Parallelen zum Pflegenotstand.

Für die Karlsruher Hebamme Franziska Fery sind es nach eigenen Worten goldene Zeiten. Sie kann sich vor Anfragen nicht retten, ist gut mit anderen Hebammen vernetzt und betreut gemeinsam mit einer Kollegin, mit der sie sich ein Büro teilt, Hausgeburten. Meistens ist die 32-Jährige mit Fahrrad und Hebammenkoffer unterwegs, um sich um ihre "Kundinnen" zu kümmern. Um die 40 werdende Mütter pro Jahr sind es, die die freiberufliche Geburtshelferin vor oder nach der Geburt versorgt oder deren Kind sie zuhause auf die Welt bringt. Wer sich aber nicht quasi sofort nach dem positiven Schwangerschaftstest an sie wendet, bekommt keinen Platz.

Obwohl es laut der Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes (DHV), Ulrike Geppert-Orthofer, so viele Hebammen wie noch nie gibt, sind Geburtshelferinnen verzweifelt gesucht – trotz aller Anstrengungen, die Situation zu ändern. Alleine schon die sogenannte Landkarte der Unterversorgung, auf der Frauen melden können, wenn sie keine Hebamme finden, verheißt nichts Gutes. In Baden-Württemberg für die Wochenbettbetreuung gesucht: mehr als 4000 Hebammen; für die Schwangerenvorsorge: fast 800; für eine Hausgeburt: 56.

Hat sich so wenig zum Guten verändert?

Die Zahl der Hebammen und Entbindungspfleger in Baden-Württemberg ist leicht gestiegen. Das zeigen Statistiken des Spitzenverbandes der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und des Statistischen Landesamtes.

Laut Sozialministerium gab es 2017 im Südwesten 2410 freiberufliche Hebammen (2016: 2379). Im Krankenhaus angestellt waren 1476 (2016: 1429) – fast zwei Drittel davon allerdings in Teilzeit. Zudem ist einiges angestoßen worden auf Bundesebene wie auch im Südwesten, wo seit 2017 der Runde Tisch Geburtshilfe tagt. Von den hohen Haftpflichtprämien – ab Juli mehr als 8600 Euro jährlich –, die freiberufliche Hebammen für Geburtshilfe abschließen müssen, werden inzwischen rund 75 Prozent von den Krankenkassen in Form eines Sicherstellungszuschlags zurückbezahlt.

Haken dabei: Der Eigenanteil der Hebammen steigt. Und die Geburtshelferinnen müssen in Vorlage gehen. Bis die Ausgleichungszahlung kommt, vergehen mitunter rund sechs Monate, moniert Geppert-Orthofer.

Situation in Kliniken weiterhin angespannt

In ihrem Krankenhaus in Karlsruhe sei sie zwar sehr zufrieden und der Beruf sei wunderschön, sagte die 22-jährige Hebamme Mona Korn. "Aber ich weiß nicht, ob ich ihn nochmal erlernen würde, wenn ich wüsste, wie die Arbeitsbedingungen sind." Als Vollzeitkraft komme sie bei zehn Nachtschichten im Monat an ihre physische und psychische Grenzen. "Über außerklinische Geburtshilfe wird viel gesprochen. Aber die Bedingungen in Krankenhäusern kommen zu kurz", findet sie.

Dass sich in Kliniken eine Hebamme meist um mehrere Frauen gleichzeitig kümmert, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. "Von einer Eins-zu-Eins-Betreuung sind wir noch ganz weit weg", sagt Geppert-Orthofer. Es fehle das Bewusstsein für die Bedeutung von Schwangerschaft und Geburt. Sie fordert, dass nicht mehr nur über Fallpauschalen abgerechnet wird, sondern zusätzliche Hebammenstellen über ein Extra-Budget finanziert werden.

Offene Stellen sind nur schwer neu zu besetzen

Rund 20 000 Hebammen sind Mitglied im DHV, rund 1300 davon werden laut DHV in den kommenden fünf Jahren das Rentenalter erreichen. Eine Umfrage des Sozialministeriums im Land ergab für 2017, dass immer mehr Kliniken im Südwesten Probleme haben, offene Stellen zu besetzen und die Geburtshelferinnen nur vier bis sieben Jahre im Beruf bleiben. Geppert-Orthofer zieht Parallelen zum Pflegenotstand: Auch dort fehle längst das Fundament, das Menschen ursprünglich in diese Berufe brachte: die Möglichkeit, Zeit zu haben und Zuwendung zu geben.