Hundertfacher Missbrauch vor Gericht

Peter Sliwka

Von Peter Sliwka

Di, 21. Januar 2020

Südwest

Prozess gegen 42-jährigen Jugendleiter von Pfadfindern aus Staufen / Dem Angeklagten droht nach Haft Sicherungsverwahrung.

STAUFEN/FREIBURG. Insgesamt 330 Fälle des sexuellen und schweren sexuellen Missbrauchs von vier Jungen im Alter zwischen acht und vierzehn Jahren im Zeitraum von 2010 und 2018 zählt die Anklageschrift gegen einen 42-Jährigen Gruppenleiter von Pfadfindern in Staufen auf. Am Montag wurde vor dem Landgericht Freiburg der Prozess gegen den Mann eröffnet.

Gegen den Mann, der seit 1999 mit einer Unterbrechung von drei Jahren bis zu seiner Festnahme am 22. Februar 2019 bei den Pfadfindern in Staufen engagiert war, war schon zwischen 2004 und 2007 wegen den Verdachts von Sexualstraftaten ermittelt worden. Im Jahr 2007 war er freigesprochen worden und konnte erneut Gruppenleiter bei den Pfadfindern in Staufen werden.

Laut Anklage, die im Falle einer Verurteilung auch die Anordnung der Sicherungsverwahrung gegen den 42-Jährigen fordert, hat er zwei der vier Jungen bei den Pfadfindern kennengelernt. Mit der Mutter eines anderen Jungen sei er vordergründig eine Beziehung eingegangen, um sich so das Vertrauen des Kindes zu verschaffen. Bei dem vierten Jungen soll er laut Anklage die Rolle des Patenonkels übernommen haben. Da er sich jedoch zu sehr in die Belange der Familie eingemischt habe, hätten ihn die Eltern um Abstand gebeten, nicht ahnend, dass ihr Kind da schon eine geraume Weile von ihm missbraucht worden sein soll.

Angesicht der Anklage voller intimer Details über das Sexualleben seines Mandanten sowie der vier Jungen stellte Verteidiger Stephan Althaus einen weitgehenden Antrag auf Ausschluss der Öffentlichkeit. Der bezog auch die Verlesung der Anklageschrift mit ein. Die 15. Große Strafkammer unter Leitung von Alexander Schöpsdau hat dem Antrag nur insoweit stattgegeben, dass die Öffentlichkeit für die Aussage zur Sache des Angeklagten, das mündliche Gutachten des forensischen Psychiaters und der Plädoyers ausgeschlossen sein wird.

Die Anklage, so hieß es in dem Beschluss zu Gunsten der Pressefreiheit, habe eine herausragende Funktion. Hier gehe es um erhebliche Straftaten gegen Kinder, die dazu geeignet seien, den Rechtsfrieden erheblich zu stören. Deshalb überwiege hier das Interesses der Öffentlichkeit gegenüber dem Schutzinteresse des Angeklagten. Die Anklage stelle nur das vorläufige Ergebnis der Ermittlungen dar. Außerdem, so Alexander Schöpsdau, gelte für den Angeklagten die Unschuldsvermutung.

Opfern könnte eine Aussage erspart bleiben

Die Anklage hatte ursprünglich 676 Vorwürfe zu Lasten des Angeklagten aufgezählt. Das Gericht hat die Vorwürfe anhand der Ermittlungsergebnisse geprüft und die Anklage nur in 330 Fällen des sexuellen Missbrauchs zur Hauptverhandlung zugelassen. Aus einer Anmerkung des Vorsitzenden Richters ergibt sich, dass der Angeklagte nach knapp sechs Monaten Untersuchungshaft ein weitgehendes Geständnis abgelegt habe. Inwieweit dies den vier Jungen, die laut Anklage unter erheblichen psychischen Folgen der Taten leiden, eine Zeugenaussage im Gericht ersparen wird, bleibt abzuwarten. Sollten sie im Prozess aussagen müssen, wird dies vermutlich ebenfalls unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Der Angeklagte soll den Jungen erklärt haben, dass das Nacktsein und der Austausch von Intimitäten völlig natürlich sei. Bei den Kindern habe er die Rolle eines Vaters und Übervaters eingenommen. Lehnten sie sein Drängen auf sexuelle Handlungen ab, habe er verärgert und wütend reagiert. Die Anklage schildert auch Fälle, in denen er trotz erkennbarer Widerstände der Jungen seine sexuellen Wünsche in die Tat umgesetzt haben soll. Die Rede ist von gegenseitigem Masturbieren und Oralverkehr bis hin zum Analverkehr.

An sieben Tagen soll bis zum 18. Februar verhandelt werden. Die Verkündung des Urteils sowie seine Begründung werden, so der Gerichtsbeschluss, öffentlich erfolgen.