Staufener Missbrauchsfall

Psychiatrischer Gutachter sieht bei Berrin T. kaum eine Rückfallgefahr

Carolin Buchheim

Von Carolin Buchheim

Mo, 09. Juli 2018 um 18:39 Uhr

Südwest

Der psychiatrische Gutachter im Staufener Missbrauchsprozess spricht sich am achten Verhandlungstag im Ergebnis eher gegen eine Sicherungsverwahrung von Berrin T. aus. Christian L. hingegen attestiert er ein hohes Rückfallrisiko und psychopathische Züge.

Die Hauptanklage im Staufener Missbrauchsprozess
Christian L. und Berrin T. sollen den heute zehnjährigen Sohn von Berrin T. und ein dreijähriges Mädchen missbraucht haben und den Jungen gegen Geld weiteren Männern zum Missbrauch überlassen haben. Der Prozess gegen die mutmaßlichen Haupttäter im Staufener Missbrauchsfall ist die vierte gerichtliche Aufarbeitung des Falls. Drei Männer, die das Kind missbraucht haben, wurden bereits verurteilt: Markus K. aus dem Breisgau zu zehn Jahren Haft und Sicherungsverwahrung; der Bundeswehrsoldat Knut S. aus dem Elsass zu acht Jahren Haft und der Schweizer Jürgen W. zu neun Jahren Haft und Sicherungsverwahrung. Gegen einen vierten Mann, Javier G.-D. aus Spanien, wurde bereits Anklage erhoben. Ein 44-Jähriger aus Norddeutschland, der das Kind missbrauchen und töten wollte, wurde in Karlsruhe zu acht Jahren Haft verurteilt.
Der Prozess wird am kommenden Freitag, 13. Juli 2018, um 9 Uhr fortgesetzt. Dann beginnen – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – die Schlussvorträge.
Referat von Gutachter Pleines zu den Folgen der Erfahrungen sexuellen Missbrauchs für Betroffene
17.15 Uhr: Im Anschluss an die beiden Gutachten spricht der Gutachter auf Bitte der Kammer noch einmal ganz allgemein über die Folgen eines sexuellen Missbrauchs für Kinder. "Es geht hier nicht um eine Einschätzung [des Jungen]", sagt Gutachter Pleines. Wie es dem Kind einmal gehen werde, dafür gäbe es keine einfachen Vorhersagemodelle: Zu unterschiedlich seien Lebensbedingungen und Konstitution von Betroffenen.

Allgemeine Erkenntnisse gäbe es trotzdem, so Pleines, und fasst als Leitsatz zusammen: Chronische Missbrauchserfahrungen wirken persönlichkeitsprägend und können die seelische und körperliche Gesundheit eines Betroffenen langfristig beeinträchtigen.

Für die Entwicklung des kindlichen Selbst seien wechselseitige Beziehungen besonders wichtig. Deren Grundlage sei das Respektieren der körperlichen und psychischen Integrität eines Kindes. Körperliche, psychische und sexuelle Gewalt würden diese Beziehung nachhaltig verletzen. Negative Kindheitserfahrungen und -bedingungen könnten sich daher nachhaltig und langfristig auswirken. Die Erfahrungen könnten nicht einfach abgeschüttelt werden, sie prägten sich auch körperlich in die neurobiologische Struktur ein.

Einige Kriterien würden auf schwerere Folgen von Missbrauch deuten, zum Beispiel: Dauer, Intensität und Bedrohlichkeit des Missbrauchs; Gewaltanwendung beim Missbrauch; Missbrauch durch Vater, Stiefvater oder Lebenspartner der Mutter; Missbrauch durch erwachsene Männer; Fehlen von unterstützenden oder stabilisierenden Elternteilen; wenn positive Quellen von Selbstbestätigung fehlen; ungüstige, instabile Lebensbedingungen oder Familienumstände; und Missbrauchserfahrungen, die nach einer Entdeckung fortgesetzt werden.

"Das ist keine Checkliste", sagt Pleines. Man könne nicht abhaken, und deshalb auf schwere Folgen schließen. Sie diene eher der Orientierung, bei der es nicht um den konkreten Einzelfall ginge. Zum Zeitpunkt der Aufdeckung von Missbrauch würden nur 20 Prozent der Kinder Symptome zeigen; Probleme zeigten sich oft erst verzögert – mit einsetzender kognitiver Reife oder etwa mit dem Eintritt in die Pubertät. Kinder, die einem interfamiliären Missbrauch ausgesetzt seien, würden durch dem Widerspruch des Missbrauchs durch die enge Bezugsperson eine Ambivalenz erleben, die sie zunächst nicht in Kontext setzen können. "Sie spüren es, begreifen es schon, aber es übersteigt ihren persönlichen Erkenntnisbereich", sagt Pleines.

Mögliche Folgen seien etwa: psychologische Langzeitfolgen wie sexuelle Probleme; Probleme bei der Beziehungsfähigkeit; erhöhtes Risiko, wieder Opfer sexueller Gewalt zu werden, erhöhtes Suizidrisiko; bei männlichen Opfer erhöhtes Risiko, selber Täter zu werden; Alkohol- und Drogenmissbrauch; erhöhtes Risiko für depressive und Angst-Störungen, Bordeline-Syndrom, Esstörungen und körperliche Folgen wie Schmerzstörungen.

Therapie sei bei symptomfreien Betroffenen zunächst nicht angezeigt. Es sei besser, ein Kind im Blick zu behalten und ihm stabile, belastbare Beziehungen und ein sicheres Lebensumfeld zu bieten. Therapeutische Maßnahmen sollten veranlasst werden, wenn Probleme offenbar würden. Für einige letzte Nachfragen der Prozessbeteiligten, die sich auf das betroffene Kind beziehen, wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Gutachter Pleines berichtet über Berrin T.
16.10 Uhr: Sein Gutachten über Berrin T. will Gutachter Pleines genau so strukturieren, wie das über Christian ...

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