Prävention

Warum das Projekt "Mutige Mädchen" ums Überleben kämpft

Susanne Ehmann

Von Susanne Ehmann

Mi, 01. Juni 2016 um 00:00 Uhr

Südwest

Der Bedarf an Präventionsprogrammen gegen sexualisierte Gewalt ist groß – aber die Finanzierung mehrerer Initiativen steht auf wackeligen Beinen. Das zeigt ein Beispiel aus Freiburg.

FREIBURG. Wann darf ich Nein sagen, wann sollte ich schreien, wann weglaufen? Und darf ich erzählen, was ich erlebt habe? In Präventionsprogrammen gegen sexualisierte Gewalt lernen Mädchen und Frauen, sich zu wehren. Wie wichtig das ist, haben die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln erst wieder gezeigt. Entsprechende Präventionsprogramme gibt es einige, und auch der Bedarf ist da – und doch kämpfen viele um ihre Existenz.

So etwa das 2006 gegründete Programm "Mutige Mädchen" in Freiburg. In Kursen an Schulen lernen Mädchen und Frauen, wie sie sich wehren können, auch wenn der andere größer ist als sie. Dass sie sich wehren dürfen, wenn sie sich bedroht fühlen. Und dass sie auch im Nachhinein etwas tun können.

Doch ob es das Projekt in einem Jahr noch geben wird, ist ungewiss. Denn die Organisatorinnen des bisher ehrenamtlich geführten Projekts suchen seit Langem einen Kooperationspartner, der eine hauptamtliche Stelle finanziert. Bisher kam das Geld vorwiegend aus dem geringen Grundbeitrag, den die Schulen pro Kurs zahlen. Da der Posten "Personalkosten" bei dem von Studentinnen geführten Projekt bisher quasi nicht existierte, habe sich der laufende Betrieb mit diesen Einnahmen decken lassen, erklärt Laura Klatt, beim Programm unter anderem für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Doch auf Dauer geht das nicht mehr. "Uns geht es darum, die Professionalität aufrechtzuerhalten", sagt Lynn Kalinowski, Mitbegründerin und Leiterin. "Dafür benötigen wir aber eine gewisse Kontinuität."

Die Organisatoren schrieben Briefe ans Regierungspräsidium, führten Gespräche mit dem Kultusministerium, bewarben sich bei Stiftungen – nichts half. "Dort hieß es, man fördere nur Neuprojekte oder habe aktuell andere Schwerpunkte", erzählt Laura Klatt. Auch an der Universität Freiburg kam nichts zustande. "Unser Eindruck ist, dass die Verantwortung von einer Stelle zur anderen geschoben wird." Die beiden Frauen können das nicht verstehen: "Die Prävention sexualisierter Gewalt ist unbestritten ein wichtiges gesellschaftspolitisches Anliegen", sagt Lynn Kalinowski. "Warum gerade ein Vorreiter-Projekt auf diesem Gebiet ausgerechnet jetzt um seine Existenz kämpfen muss, ist unbegreiflich."

Das Mutige-Mädchen-Projekt rühmt sich damit, seine Kursabläufe besonders transparent zu machen und die Themen Selbstbehauptung und Selbstverteidigung – im Gegensatz zu anderen Präventionsprogrammen – in einem Kurs miteinander zu verknüpfen. Zudem habe eine eigens durchgeführte Studie mit 500 Mädchen die Wirksamkeit des Programmes wissenschaftlich erwiesen. Doch warum wird es dann nicht finanziell gefördert? Zu allem Überfluss braucht die Uni die bisherigen Räume, das organisatorische Zentrum des Projekts. Wohin also mit dem Projekt? Auf die Schnelle in Freiburg günstige Räume zu finden, ist schwierig. Und überhaupt: Von welchem Geld?

Die "Mutigen Mädchen" kämpfen ums Überleben – und stehen damit nicht alleine da. Auch die Frauenberatung Lörrach bietet, neben anderen Projekten, in Kindergärten, Grund- und Sonderschulen ein Präventionsprojekt gegen sexualisierte Gewalt an. "Mut tut gut" heißt es. Und auch dort kämpfen die Beteiligten ständig darum, genug Geld zusammenzubekommen. Denn trotz Spendern und Sponsoren muss der Verein immer noch ein Drittel seiner Ausgaben selbst finanzieren. Dabei ist das Interesse an dem Projekt da, die Anfragen werden ständig mehr, erzählt Mieke Nizet von der Beratungsstelle. Auch was Präventionskurse für behinderte Menschen angeht – denn die können sich am wenigsten wehren. Immerhin: Im Gegensatz zu den "Mutigen Mädchen" ist man in Lörrach einen Schritt weiter. Dort fördert der Landkreis inzwischen das Projekt. Ein Anfang. Doch für vieles gibt es weiterhin kein Geld. Für das Präventionsprojekt gegen Essstörungen etwa. "Die Schulen sollten einen festen Betrag für Präventionsprojekte einplanen", findet Mieke Nizet. "Und das Geld muss natürlich vom Kultusministerium kommen."

Ähnliche Probleme hat der Ortenauer Verein "Aufschrei!", der ebenfalls unter anderem an Schulen Präventionskurse gegen sexuelle Gewalt anbietet. Die Vorfälle von Köln hätten einen bitteren Beigeschmack, sagt Vera Doering vom Verein. "Wenn so etwas passiert, kocht das Thema ‚Sexuelle Gewalt‘ hoch – und ebbt schnell wieder ab. Man guckt nicht gerne hin. Für uns aber ist es ständig präsent." Auch "Aufschrei!" wird finanziell gefördert: vom Landratsamt Ortenaukreis, von den großen Kreisstädten und durch Zuschüsse von Städten und Gemeinden – dennoch ist der Verein auf Spenden und Zuwendungen angewiesen, um seine etwa 2,3 Stellen finanzieren zu können.

"Die Arbeit ist sehr schwer", sagt Vera Doering. "In der Beratung sind unsere Mitarbeiter mit schlimmen Schicksalen konfrontiert. Wenn man dabei dann noch darum bangen muss, über die Runden zu kommen – das erschwert zusätzlich."

Es gibt also noch viel zu tun. Wie es mit dem "Mutige Mädchen"-Projekt weitergeht – die Beteiligten wissen es nicht. "Die Frage ist, wie lange die Kraft noch reicht, die uns zusammenhält", sagt Lynn Kalinowski. "Wir werden in diesem Semester noch einmal Studentinnen ausbilden, aber es könnten die letzten sein."