Fessenheim vor der Abschaltung

Zwei langjährige Gegner des Atomkraftwerks von beiden Seiten des Rheins erinnern sich

Otto Schnekenburger, Bärbel Nückles

Von Otto Schnekenburger & Bärbel Nückles

So, 28. Juni 2020 um 08:22 Uhr

Südwest

"So etwas schafft man nie alleine", sagt Jean-Jacques Rettig, "wir haben Fehlinvestitionen verhindert", sagt Axel Mayer. Was zwei Gegnern zur Abschaltung des Atomkraftwerks am Rhein einfällt.

Vorher waren wir die Fortschrittsverweigerer, hinterher waren die Firmenbesitzer stets froh, wenn wir ein Atomkraftwerk oder eine Dreckschleuder wie es in den 70er-Jahren etwa ein Bleichemiekraftwerk Marckolsheim geworden wäre, verhindert hatten", sagt Axel Mayer. Der Kampf gegen Fessenheim, aber auch unzählige andere ökologische und soziale Projekte, haben einen Großteil des Lebens des 64-jährigen Endingers ausgemacht. "Wir haben Fehlinvestitionen verhindert", meint Mayer, der im Januar nach bald 30 Jahren als BUND-Regionalgeschäftsführer in den Ruhestand ging und nun miterleben darf, wie wenig später Fessenheim tatsächlich endgültig abgeschaltet wird.

Erinnerung an einen Leserbrief

Die Abschaltung von Montag auf Dienstag rief bei Mayer die Erinnerung an seinen ersten Leserbrief seines Lebens wach. Vor 45 Jahren in der Zeitschrift der IG Metall. Es werde in der Zukunft zu schweren Atomunfällen kommen, prognostizierte der junge Mayer, damals Lehrling am Vermessungsamt Emmendingen. Er rief dazu auf, besser auf einen Mix aus regenerativen Energien, kombiniert mit Wasserstofftechnologie, zu setzten. "Damals galt der Einsatz von regenerativer Energie noch als uneffektiv. Wir Atomkraftgegner waren verwegen – und wir waren Propheten", lacht Mayer.

Dazu passt die Meldung des Statistischen Bundesamtes, die er auf den Tisch legt und vorliest: "Im 1. Quartal 2020 wurde in Deutschland mit 72,3 Milliarden Kilowattstunden Strom erstmals mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt und in das Stromnetz eingespeist als aus konventionellen Energieträgern." In Mayer ist jetzt die Leidenschaft erwacht, die ihn über Jahrzehnte in seinen Engagements stets auszeichnete. Er kramt einen Text der Hamburger Elektrizitätswerke aus dem Jahr 1973 hervor. Dort wird die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls, dem sämtliche Sicherheitseinrichtungen eines Kernkraftwerks nicht gewachsen sind, mit 1:1 Milliarde pro Jahr beziffert. Wenn "Vormenschenaffen im Alt-Tertiär vor 50 Millionen Jahren 20 Kernkraftwerke gebaut und seither betrieben hätten, hätte man einen solchen Unfall vielleicht registrieren müssen", heißt es dann. "Mit Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima hatten wir aber schon drei solcher Unfälle in den vergangenen 40 Jahren."

Was an den Fessenheim-Gegnern erstaunt, ist die Konstanz, mit der sie das Thema Jahrzehnte im Gespräch gehalten haben. Nicht immer erschien der Kampf gegen Atomenergie in den Augen vieler so relevant wie in den späten 70er-Jahren oder nach Fukushima. Und dann gab es bezüglich Fessenheim noch diverse Abschalt-Ankündigungen, die nicht eingehalten wurden. "Seit Francois Hollande waren es sieben oder acht, irgendwann glaubt man dann nicht mehr dran", sagt Mayer.

"Fühlt er sich nun "am Ziel"? "Die Arbeit der französischen Atomkraftgegner und unsere wird jetzt erfreulicherweise an Wichtigkeit verlieren." Die Bilanz von Jahrzehnten ökologischen Bemühens falle aber äußerst ambivalent aus. Auf der Haben-Seite seien Katalysatoren, das Stoppen des sauren Regens oder saubere Flüsse, die einst Kloaken waren, zu verbuchen. Doch auf der anderen Seite steht das Artensterben und die Klimaerwärmung.

Eine weltweite Entwicklung macht Sorge

Auch nach Fessenheim bleiben weitere überalterte Werke wie die grenznahen Schweizer Anlagen in Beznau und Leibstadt, zur Aufgabe wird zudem der Rückbau von Fessenheim. "Wir werden ein Auge darauf haben müssen, dass das kein Billig-Abriss wird."

Darüber hinaus macht Mayer eigentlich mehr eine weltweite Entwicklung Sorge. "Wenn ’sonnenarme’ Länder wie der Iran, Saudi-Arabien, die Türkei oder die Vereinigten Arabischen Emirate neue Atomkraftwerke bauen wollen, dann kann ich nicht daran glauben, dass es denen nur um die Energiegewinnung geht." Otto Schnekenburger

Jean-Jacques Rettig, einer der ersten der deutsch-französischen Protestbewegung gegen Atomkraft am Oberrhein, ist kein lauter Protestierer, aber er ist ein Pionier: Rettig war einer der ersten, die in den 70er Jahren den Widerstand gegen den Bau des Kernkraftwerks Fessenheim organisiert haben. "So etwas schafft man nie alleine", sagt Rettig fast entschuldigend. Wenn der zweite Reaktor, der sich am Freitag noch einmal automatisch heruntergefahren hatte, abgeschaltet und so die Stilllegung des Akw nicht mehr nur Ziel, sondern Wirklichkeit ist, verleihen ihm seine Weggefährten einen "Antiatomverdienstpreis".

Abgeschieden in den Vogesen, aber die Atomkraft im Blick

Rettigs Wohnort lag immer relativ weit entfernt von Fessenheim, oben in den mittleren Vogesen, im Breuschtal (Vallée de la Bruche), wo er aufgewachsen ist und mit bald 81 Jahren, mit seiner Frau Inge abgeschieden lebt, seinen Garten pflegt, den Kampf gegen die Gefahren der Atomkraft jedoch nach wie vor im Blick hat. Rettig taucht immer noch verlässlich bei den Sitzungen der Fessenheim-Kommission auf und legt mit nervenden Fragen den Finger in Wunden.

Geprägt hat ihn sein Elternhaus, in dem politisch gedacht und diskutiert wurde. Später hat er mit seiner Frau die Dorfschule in Sâales in den Vogesen geleitet. Damals, erinnert er sich, sei er zum ersten Mal auf die Gefahren von Strahlung aufmerksam geworden. "Zur Vorsorge gegen Tuberkulose sollten sich Lehrer jährlich einer radiologischen Untersuchung unterziehen", erinnert sich Rettig. Er hatte sich informiert, ahnte die Schädigung durch die Strahlenbelastung und widersetzte sich – sein Protest begann.

Oder ist der Anfang jener Tag, an dem er in der Lokalzeitung einen Artikel las über die Pläne für ein Atomkraftwerk in Fessenheim? Rettig zitiert präzise das Datum, 18. Juli 1970. Er gründet mit anderen das Comité de Sauvegarde de Fessenheim et de la plaine du Rhin (CSFR; Komitee zur Rettung Fessenheims und der Rheinebene). "Mir war schon damals klar, dass diese Sache das gesamte Oberrheintal angeht."

Rettigs CSFR war Teil einer deutsch-französischen Protestbewegung, die in Fessenheim damals ihr Ziel zwar nicht erreichen sollte. Die baden-württembergischen Akw-Pläne in Wyhl verhinderte sie jedoch und erfolgreich agierte sie zugleich gegen das in Marckolsheim geplante Bleichemiewerk.

Nie entmutigen lassen

Wie war dieser Erfolg möglich, aber nicht die Verhinderung Fessenheims? Rettig liefert eine so einfache wie einleuchtende Erklärung: "Wenn man so etwas durchsetzen will", sagt er, "muss man Verbündete vor Ort haben." In Fessenheim, wo er mit Mitstreitern Broschüren verteilte und über Atomkraft aufklären wollte, seien die Bürger hinter ihren Vorhängen gesessen. Und der Dorfpfarrer warnte von der Kanzel herab vor angeblichen Zeugen Jehovas mit schlechtem Einfluss. Rettig ist sicher: Hätte der Betreiber Électricité de France damals nicht schon das Gelände gekauft und einen Zaun gezogen, als die Bewegung Fahrt aufnahm, wäre ihr mehr Erfolg beschieden gewesen.

In Wyhl und Marckolsheim jedenfalls gelang der Protest durch Hartnäckigkeit. Und dort hatte der Protest die Bauern und Winzer und die Bevölkerung auf ihrer Seite. Entmutigen ließ sich Rettig sowieso nie. Und heute blickt er auch mit einem Lächeln zurück: "Man kann sich mit 27 Jahren in eine Sache hineinstürzen und plötzlich ist man 80 Jahre alt." Bärbel Nückles