10 Jahre Krieg

Syrien versinkt im Elend: "Wir sind so verzweifelt, dass wir uns 2010 zurückwünschen"

Cedric Rehman

Von Cedric Rehman

Di, 16. März 2021 um 12:40 Uhr

Ausland

Milizen, Islamisten, Regime: Seit zehn Jahren tobt der Krieg in Syrien – von Frieden ist das Land weit entfernt. Drei Syrer aus den drei Zonen berichten über Alltag und Verzweiflung im zerstörten Land.

Der Arabische Frühling lag in der Luft, als syrische Sicherheitskräfte am 17. März 2011 Demonstranten in der südsyrischen Stadt Daraa erschossen. Die Polizei hatte zuvor Schulkinder in der Stadt verhaftet. Sie hatten regierungsfeindliche Graffiti an Hauswände gesprüht. Proteste breiteten sich, inspiriert von den Revolutionen in Ägypten und Tunesien, zu Beginn des Jahres 2011 wie ein Lauffeuer in Syrien aus. Präsident Bashar al-Assad gab anders als etwa sein ägyptischer Kollege Hosni Mubarak dem Druck der Straße nicht nach. Er setzte im April 2011 seine Armee gegen Demonstranten ein. Unter den Regierungsgegnern bildete sich die "Freie Syrische Armee" (FSA) heraus, ein Zusammenschluss von unterschiedlichen, oft islamistisch orientierten Rebelleneinheiten. Es folgte ein Gemetzel, bei dem Giftgas, Fassbomben und weißer Phosphor auf syrische Städte regneten. Alle Konfliktparteien begingen Gräueltaten. Die Terrormiliz IS nutzte 2014 die Wirren, um Territorium für ihr sogenanntes Kalifat zu erobern. 2015 griff Russland auf Seiten Assads in den Krieg ein. Die USA bekämpften auf syrischem Boden den IS und gemeinsam mit Israel auch die iranischen und pro-iranischen Verbündeten Assads. Die Türkei zog in Syrien ebenfalls mehrmals in den Krieg. Sie sieht in der Kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens eine Bedrohung. Wie viele Opfer die Kämpfe bisher gefordert haben, ist kaum zu schätzen. Eine letzte Zahl nannte die UNO vor fünf Jahren. Sie ging 2016 von mehr als 400 000 Toten aus.

Zehn Jahre nach dem Ausbruch des Krieges in Syrien ist das Land in von ausländischen Mächten kontrollierte Zonen geteilt. Die Türkei dominiert die vor allem von der al-Qaida-nahen Terrormiliz Hai’at Tahrir asch-Scham (HTS) und lokalen Verbündeten der Türkei gehaltene nordwestliche Provinz Idlib. Iran und Russland dominieren das offiziell von Präsident Bashar al-Assad kontrollierte und inzwischen den Großteil Syriens umfassende Gebiet. Die USA und Russland konkurrieren in der Kurdenregion Rojava im Nordosten um Einfluss. Die kurdische Selbstverwaltung ist nach dem Krieg mit der Türkei im Oktober 2019 geschwächt. Das Assad-Regime gewinnt auch in Rojava wieder an Einfluss.
Die Kurden - Das verratene Volk

Can Mustafa (Name auf Wunsch geändert). 50 Jahre, Kurde und Inhaber eines Ladens in Quamischli, Rojava, Kontaktaufnahme über den aus Quamischli stammenden und in Deutschland lebenden Aktivisten und Autor Mohammed Osman:
Gestern musste ich eine neue Gaskartusche kaufen, damit meine Familie kochen kann. Ich stand viereinhalb Stunden in Quamischli in der Schlange. Als ich an der Reihe war, waren alle schon verkauft. Ich bin dann an Checkpoints vorbei in ein arabisches Dorf gefahren. Dort hatten sie noch Kartuschen. Der Verkäufer wollte mir eine Gasflasche für umgerechnet 25 Euro verkaufen. Das ist mehr als die meisten Menschen derzeit im Monat verdienen. Ich bin also erst einmal wieder nach Hause gefahren, um den Schock zu verdauen. Vor vier Wochen gab es kein Brot mehr in Quamischli. Wir kennen den Grund nicht dafür. Aber es wird gemunkelt, dass es wieder mal wegen der Politik war. Unsere Stadt ist geteilt. Manche Viertel kontrolliert die syrische Armee, andere unsere kurdische YPG-Miliz. Immer wieder gibt es Streit. Und die Weizenmühle steht in einem von den Syrern beherrschten Stadtteil. Wir sind es inzwischen gewohnt, nichts zu essen oder kein Wasser zu haben, weil es zwischen den Parteien Konflikte gibt. Im Sommer 2020 stellten die Türken einer halben Million Menschen in der Stadt al-Hasaka das Wasser ab. Die kurdische Selbstverwaltung weigerte sich, Strom zu liefern an das Wasserwerk, das von den Türken kontrolliert wird. Wir fühlen uns wie gefesselt. In den ersten Jahren des Krieges gab es unsere Selbstverwaltung und die Truppen Assads in Rojava. Dann kamen nach dem Beginn des Kampfes gegen den IS 2014 noch Amerikaner und Russen. Die Türken stehen seit dem Krieg zwischen unserer Selbstverwaltung und der Türkei im vergangenen Jahr vor unserer Haustür. Es gibt bei uns nicht einen Staat im Staate, sondern viele. Will ein Händler Ware aus Damaskus nach Rojava liefern, muss er an den Checkpoints der syrischen Armee und unserer Kurdenmiliz vorbei und bezahlen. Deshalb sind alle Waren so teuer. Wir sehen inzwischen Menschen buchstäblich verhungern in unseren Straßen. Am meisten wundert mich, dass wir kein Benzin haben. Donald Trump meinte ja, seine Armee solle bei uns bleiben wegen unserer Ölquellen. Als gehörten sie jetzt Amerika. Aber er versprach uns, zumindest etwas abzugeben. Davon sehe ich nichts. Wir Kurden sind es gewöhnt, von der Welt im Stich gelassen zu werden. Wie ihr im Westen gejubelt habt, als wir unsere Töchter und Söhne in dem Kampf gegen den IS geschickt haben. Das war ja auch euer Feind. Wir haben euch vertraut. Gegen die Türken habt ihr uns dann 2019 im Stich gelassen. Auch wir Kurden hatten Hoffnungen, als vor zehn Jahren die Revolution begann. Jetzt sind wir so verzweifelt, dass wir uns das Jahr 2010 zurückwünschen. Wenn es besser werden soll, sollte die UNO eine wirkliche Weltgemeinschaft sein und Syrien unter Mandat stellen ohne Beteiligung Russlands und der USA. Übrigens werde ich die Kartusche in dem arabischen Dorf kaufen. Mir bleibt keine Wahl.

Die letzte Offensive der syrischen Regierung gegen die von der Türkei unterstützen Aufständischen in Idlib endete im Februar 2020 mit einem zwischen der Türkei und Assads Schutzmacht Russland ausgehandelten Waffenstillstand. Assad und Russland setzen Luftangriffe gegen Stellungen ihrer Gegner in Idlib fort.
Idlib – Das Land der Witwen

Muntaha Abdulrahman, Kindergärtnerin, 40 Jahre alt, Kontakt vermittelt von der deutschen Organisation "Adopt a Revolution":
Wenn Bomben fallen, gehen wir mit den Kindern in den Keller, singen Lieder und versuchen sie abzulenken. Unsere Kinder sind zwischen vier und sieben Jahren alt. Sie kennen nichts als Krieg. Das ist für sie normal. Was nicht heißt, dass sie das gut verarbeiten. Alle sind verhaltensauffällig. Wir bräuchten dringend einen Psychologen für sie. Unser Kindergarten wird aus dem Ausland unterstützt. Das ist für mich und meine Familie ein großes Glück. Es bedeutet, dass ich einen Job habe und Geld verdiene. In Idlib heißt es: Hast du einen Job, dann bleibst du am Leben. Es ist trotzdem schwierig. Für unsere Wohnung habe ich 2018 umgerechnet fünf Dollar bezahlt. Der Vermieter verlangt jetzt 100 Dollar. Oft sind es die Frauen in Idlib, die das Geld verdienen. Die Männer sind tot oder kamen als Invaliden von der Front nach Hause zurück. Wir sind ein Land, in dem Witwen alles am Laufen halten. Das verträgt sich nicht gut mit der Ideologie der Islamisten, die bei uns an der Macht sind. Aber selbst ihnen bleibt keine Wahl, als die Frauen arbeiten zu lassen. Sonst ist ja niemand mehr da. Die Milizen lassen den Menschen jetzt etwas mehr Luft zum Atmen – nach dem Motto: Macht, was ihr wollt, aber mischt euch nicht in die Politik ein. Das Elend haben sie nicht im Griff. Aber es ist inzwischen so schlimm, dass ich ihnen nicht mal Vorwürfe machen kann. Es gibt einfach zu viele Vertriebene aus anderen Landesteilen in Idlib. Irgendwann besetzten sie selbst die Baustellen. Als die alle belegt waren, bildeten sich auf jedem freien Fleck Zeltlager. Sie standen im Januar nach Regen unter Wasser. 100 Zelte teilen sich ein sogenanntes Bad. Das ist ein Loch mit Tüchern verhängt. Wer kein Diesel für den Generator auftreiben kann, hat nicht einmal Strom. Ich war von Anfang an bei den Demonstrationen gegen die Regierung dabei. Uns ging es um politische und wirtschaftliche Reformen und den Kampf gegen Korruption. Wir hatten keine Ahnung, dass es zum Krieg kommen wird. Wir sind mit Blumen auf die Straßen gegangen. Gerade wir Frauen waren stark und schön. Wir rechneten nicht damit, dass Teile des Widerstands sich radikalisieren und bewaffnen. Ich vermute, das war Assad ganz recht. Und wir konnten auch nicht wissen, dass Syrien Schauplatz eines neuen Kalten Kriegs zwischen Amerika und Russland werden wird. Es ist so egal geworden, was wir Syrer wollen. Andere entscheiden alles über unsere Köpfe hinweg. Vielleicht wird Idlib von der Türkei annektiert, vielleicht kommt das Regime zurück. Wenn ich einen Wunsch frei hätte, müssten sich alle Verantwortlichen auf allen Seiten vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten. Ich glaube, dann hätten wir Syrer die Kraft, unser Land wiederaufzubauen.

Covid 19 breitete sich 2020 auch in Syrien aus. Der frühere US-Präsident Donald Trump verschärfte 2020 außerdem die US-Sanktionen gegen Syrien. Elf von 17 Millionen Syrern sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Sechs Millionen Syrer sind Binnenflüchtlinge im eigenen Land, fünf Millionen sind im Exil. Internationale Organisationen haben zu keinem der drei Landesteile ungehinderten Zugang.
Damaskus – die Hauptstadt hungert

Mohammad Mansour (Name auf Wunsch geändert), Angestellter in Damaskus, genaues Alter möchte er aus Sicherheitsgründen nicht verraten, vermittelt von dem in Nürnberg lebenden und aus Syrien stammenden Journalisten Mahmoud Ali:
Wir haben nur zwei bis drei Stunden Strom am Tag. Nachts bleibt nur Kerzenlicht. Das syrische Pfund ist nichts mehr wert und ein Angestellter wie ich kann sich nicht mal mehr Gemüse oder Obst kaufen. Wir ernähren uns von Brot und dem, was wir im vergangenen Jahr eingemacht haben. Alles dreht sich nur noch darum, etwas zu essen aufzutreiben. Hafiz al-Assad, der Vater von Bashar, versprach in den 60ern, dass es den Syrern nie an Brot mangeln würde. Ich stehe 2021 acht Stunden lang an für Brot. Der Hunger macht die Menschen rasend. Jeder denkt nur noch an sich. Und jeder klaut, wenn er die Möglichkeit dazu hat. Auf den Straßen leben viele, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Viele meiner Nachbarn sind am Coronavirus gestorben. Die Regierung hat offiziell bei uns natürlich die Lage im Griff. Aber jeder weiß, dass das nicht stimmt. Wie sollen wir uns auch schützen? Wir müssen ja für alles dicht an dicht Schlange stehen. Ärzte können uns nicht helfen. Die Krankenhäuser sind kaum ausgestattet. Die Regierung sagt, an allem Mangel seien nur die US-Sanktionen schuld. Sie haben sicher ihren Anteil an dem Elend. Aber unsere Regierung ist so korrupt und unfähig wie eh und je. Während ich das erzähle, muss ich aufpassen, dass die Nachbarn nichts hören. Wer weiß, ob sie mich verpfeifen würden. Die Geheimpolizei verhaftet jetzt ständig Leute, die sich beklagen. Vor zehn Jahren hatte ich die Hoffnung, dass es bald keine Geheimpolizei mehr geben wird. Ich wollte ohne Angst sagen können, was ich denke. Ich denke heute noch, dass es richtig war, auf die Straße zu gehen. Die Generation vor uns hat einfach alles ertragen. Im Moment fällt es mir schwer, mir eine Zukunft vorzustellen. Aber hat die Revolution in Frankreich nicht auch 100 Jahre gedauert? Was mich enttäuscht, ist die Gleichgültigkeit der Welt. Die reichen Länder schauen ja einfach nur zu.

Der Autor hat mit den Protagonisten seiner Geschichte per Zoom oder Skype gesprochen. Aus Sicherheitsgründen wollten einige von ihnen kein Foto bereitstellen.