"Tatendrang und Frust"

Stefan Mertlik

Von Stefan Mertlik

Do, 10. Oktober 2019

Freiburg

BZ-INTERVIEW mit Agnes Halski und Sandro Eisenhauer von Extinction Rebellion, die Berlin blockieren.

FREIBURG/BERLIN. Seit Montag wollen die Klimaaktivisten von Extinction Rebellion Städte weltweit lahmlegen. Sie blockieren Straßen und Brücken. Unter den Hunderten von Aktivisten in Berlin befinden sich die Psychologin Agnes Halski (33) und der Erzieher Sandro Eisenhauer (30) aus Freiburg, die bis nächsten Montag bleiben. Stefan Mertlik hat mit beiden telefoniert.

BZ: Was haben Sie schon gemacht und was haben Sie noch vor?
Halski: Ich habe letzte Nacht mit anderen Freiburgern an der Siegessäule übernachtet. Am Mittwochvormittag bin ich wieder aufs Camp. Natürlich gab es danach noch Aktionen, zu denen man dazustoßen kann, wenn man möchte.
BZ: Wie nehmen Sie die Atmosphäre in Berlin wahr?
Eisenhauer: Unter den Aktivisten ist es gemischt, weil es ziemlich aufreibend ist. Wir sind teilweise seit Samstag in Berlin. Am Montagmorgen haben wir uns um halb drei in der Früh zu unserer ersten Aktion aufgemacht. Es ist ein Auf und Ab zwischen Begeisterung und Tatendrang, aber auch Erschöpfung und Frustration. Unter der Bevölkerung ist das Stimmungsbild geteilt. Es gibt Leute, die uns auf den Aktionen mit Essen beliefern und ihre Solidarität aussprechen. Natürlich gibt es auch Leute, die dafür kein Verständnis haben und wütend sind.
BZ: Haben Sie Anfeindungen von der Bevölkerung erlebt?
Halski: Bei meiner ersten Aktion am Potsdamer Platz hat ein Vorbeigehender gesagt, dass er gespannt ist, wie viel Müll die Klimaspinner diesmal hinterlassen. Wenn die Person kein Interesse hat, ist ein Gespräch schwierig. Ich habe aber auch junge Menschen erlebt, die interessiert waren und sich dazugestellt haben. Mit denen konnten wir über das Ausmaß der Klimakatastrophe sprechen.
BZ: Wie hat sich die Zahl der Aktivisten entwickelt, seit Sie vor Ort sind?
Eisenhauer: Es kommen immer wieder welche dazu, dafür fahren wieder welche ab. Leider sehe ich noch keine Vergrößerung.
BZ: Wie verhält sich die Polizei Ihnen gegenüber?
Halski: Einige Polizisten wirken nach stundenlanger Arbeit natürlich gestresst. Es gab aber auch ein berührendes Bild. Ich habe einen Polizisten gesehen, der unseren Songtext in der Hand hielt und mitgesungen hat.
Eisenhauer: Die Erfahrungen waren aber auch schwierig. Gestern wurde kurzfristig ein Straßenzug an der Siegessäule geräumt. Dabei wurden Isomatten, Schlafsäcke und warme Klamotten konfisziert. Über den Verbleib der Sachen wurden widersprüchliche Infos herausgegeben. Ein Polizist hat einer Aktivistin gesagt, dass alle Isomatten und Schlafsäcke, die sie nicht zuordnen konnten, an die Abfallwirtschaft übergeben wurden.
BZ: Wie geht die Polizei bei den Räumungen vor?
Eisenhauer: Größtenteils war das friedlich. Bei zwei Aktionen wurden aber schon Schmerzgriffe angewendet. Ich habe auch beobachtet, wie ein Polizist eine Aktivistin zur Seite geschubst hat und diese dann gegen einen Laternenpfahl gestoßen ist. Das waren zwar Einzelfälle, aber auch die sind für uns schwer zu verstehen, weil von uns keine Aggression ausgeht.
BZ: Meinen Sie, Ihre Aktionen könnten auch vom Klimaschutz abschrecken?
Halski: Menschen, die hierherkommen, haben die Möglichkeit, sich zu informieren. Jeder, der sich auch an keinem hohen Aktionslevel beteiligen möchte, kann dabei sein. Deswegen würde mich an der Stelle eher interessieren, was die Leute abschreckt.
BZ: Es gibt zum Beispiel Politiker, die Extinction Rebellion Demokratiefeindlichkeit vorwerfen.
Eisenhauer: Ich würde sagen, dass das Gegenteil der Fall ist. Wir wollen die Demokratie stärken. Die dritte Forderung von uns ist, dass Bürgerversammlungen eingesetzt werden. Das führt nach unserer Auffassung zu mehr Demokratie. Deshalb habe ich den Eindruck, dass es da ein Missverständnis gibt und diese Politiker sich nicht intensiv genug mit Extinction Rebellion auseinandergesetzt haben.