Radsport

Team Heimat: Im Wohnzimmer über die WM-Strecke hetzen

Uwe Schwerer

Von Uwe Schwerer

Di, 28. April 2020 um 15:36 Uhr

Radsport

Virtuelle Rennen auf dem Rollentrainer: Die Radler aus der Region sammeln wichtige Erfahrungen im Wettkampf mit ausgesprochen hochkarätiger Konkurrenz.

LAHR. Das Radeln auf der Rolle zählt nicht zu den allerliebsten Beschäftigungen von Rennradfahrern: Es ist monoton und zermürbend. Doch in der Corona-Krise erfreut sich diese Form der sportiven Ertüchtigung steigender Beliebtheit. Weil es keine echten Straßenrennen gibt, messen sich die Pedaleure nun in der GCA-Liga auf einer Online-Plattform. Auf diese Weise soll auch ein Ersatz geschaffen werden für in der Realität ausfallende Bundesligasaison. Dabei sind unter anderem das Team Heimat und Kerstin Pöhl vom Team Belle Stahlbau.

Das Prinzip
Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) hat diesen Wettbewerb aus der Taufe gehoben. Anders als bei der regulären Rad-Bundesliga auf der Straße, bei der nur die gemeldeten Teams starten können, ist die GCA-Liga offen für alle. In die Rangliste kommen nur Teams, Athletinnen und Athleten, welche im Besitz einer BDR-Lizenz sind. Grundvoraussetzung ist zudem ein Zwift-Account. Außerdem müssen Radler und Radlerinnen einige Euro für die Technik berappen. "Man braucht die komplette Ausstattung: Einen Rollentrainer von Zwift, einen Pulsmesser und die passende Software", sagt der 23-jährige Lukas Mild vom Team Heimat/RSV Hofweier, der sich bei den vergangenen beiden Rennen zu Hause in Altenheim vor dem Bildschirm setzte. Eine stabile Datenleitung ist für den sportlichen Erfolg ebenso unerlässlich, wie Lukas Mild gerade schmerzvoll erleben durfte.

Die Motivation
"Unsere Fahrer sind in der glücklichen Lage, alleine in der Ortenau zu trainieren, aber motivierend ist dies für sie nicht", stellt Alexander Wörter, Gründer des Teams Heimat fest. "Unsere Fahrer sind es gewohnt, ständig im Vergleich zu sein." Deswegen habe man das Training teilweise umgestellt, so Wörter, der auch als Trainer im RSV Hofweier tätig ist. Der Verein unterhält eine E-Sportgruppe, die ständig wächst. Angeführt von Lukas Mild weitet der Verein das Angebot aus. So war es auch keine Frage, als Daniel Mild, neben Wörter der Gründer des Teams, die Ausschreibung zur virtuellen Rad-Bundesliga vorlegte. Schnell war man sich einig, dass dies eine gute Chance sei, die Fahrer zu motivieren. Zudem wurde die Chance genutzt, potenzielle Teamfahrer der Zukunft mit ins Team zu nehmen. So startet der ehemalige Deutsche Jugendmeister Felix Bauer vom RSV Hofweier in dieser GCA-Liga für das Team Heimat. Normalerweise radelt er auf der Straße für den badischen Radsportverband in der Junioren-Bundesliga.

Die Konkurrenz
"In dieser Serie herrscht ein sehr hohes Niveau. Mehr als die Hälfte des Feldes besteht aus Profis", erklärt Lukas Mild. Er und seine Team-Kollegen sammeln im Moment wertvolle Erfahrungen – in mehrfacher Hinsicht. "Das Fahrerfeld ist extrem gut besetzt, es sind starke Fahrer mit am Start, viele Deutsche Meister, viele Europa- und sogar Weltmeister", stellt auch Alexander Wörter fest. Nach einem Warm-up am 15. April wurden die beiden ersten Rennen der GCA-Liga an den beiden vergangenen Samstagen ausgetragen. Das Team Heimat fand sich jeweils im hinteren Teil des Feldes wieder, was angesichts des Gesamtbildes durchaus erwartet werden durfte.
Das erste Rennen
Beim ersten Wettbewerb am 18. April, einem Rennen auf einer fiktiven Strecke, bezahlten die Heimat-Radler Lehrgeld. Patrice Heidmann erzielte das beste Ergebnis für das Team Heimat. Unter 227 Fahrern kam er auf Rang 188. Simon und Lukas Mild belegten die Plätze 217 und 224 – eher bescheidene Ergebnisse. "Für uns geht es nicht darum, Top-Platzierung einzufahren, sondern den Sportlern die Motivation zu geben, sich zu messen", sagt Alexander Wörter. Zudem findet sich der Name von Felix Bauer nicht in der Ergebnisliste, was daran lag, dass er den geforderten Pulsmesser nicht besaß. "Bei den Junioren war er am Ende im Mittelfeld", schätzt Lukas Mild. Er selbst berichtet von Problemen: "Zwift benötigt eine schnelle und stabile Datenübertragung. Bei mir gab es immer wieder Abbrüche, dann werden die Daten nicht an den Server weitergeleitet, hat man Nachteile und verliert seine Positionen." Alexander Wörter wollte das erste Rennen zu Hause im Livestream verfolgen, doch das scheiterte noch an der Technik. Am folgenden Samstag saß er dann vor der Mattscheibe.

Das zweite Rennen
Auf den virtuellen Rundkurs der Straßen-WM 2018 in Innsbruck wurden die Pedaleure am 25. April geschickt. Zu fahren waren fünf Runden mit je 8,8 Kilometer Länge und 77 Höhenmetern. Die Strecke ist eher flach, mit einer 500 Meter langen Rampe, die rund vier Kilometer vor der Ziellinie angelegt ist. Anders als in den normalen Rennen gibt es virtuell keine Möglichkeit, sich rollen zu lassen. "Auf den ersten Kilometern fahren die Profis 56 bis 58 Stundendenkilometer. Wenn du da zwei Tritte auslässt, wirst du abgehängt", erklärt Alexander Wörter. "Die ersten Meter sind die wichtigsten im Online-Rennen", so Patrice Heidmann, aktuell Beste des Heimat-Teams in der Gesamtwertung. Er kam auf dem WM-Kurs als 138. ins Ziel. Mit diesem Ergebnis ist Teamchef Alexander Wörter extrem zufrieden. Lukas und Simon Mild hatten erneut mit der unzureichenden Internetverbindung zu kämpfen. "Wenn man technische Probleme hat, verliert man den Windschatten und wird abgehängt", so Alexander Wörter. Lukas Mild fuhr trotzdem knapp hinter dem Bahn-Vizeweltmeister Dominik Weinstein über den Zielstrich.

Das Erlebnis
Wie fühlt sich das Fahren auf der Rolle an? "Ganz anders als auf der Straße", stellt Lukas Mild fest. Naturgemäß fehlt der direkte Kontakt zu den Teamkollegen. Die Heimat-Radler versuchen hilfsweise, sich per Skype oder Whats App zu kontaktieren. "Durch die Software wird aber doch ein relativ realistisches Fahrgefühl erzeugt. Bei manchen Rollentrainern – mein Bruder Simon hat so einen – werden auch Wind und Kopfsteinpflaster simuliert. Dann wird das Rad richtig durchgeschüttelt. Das fühlt sich ziemlich echt an. Bei meinem Rollentrainer ist das leider nicht der Fall. Das ist eben auch eine Frage der Preisklasse."

Das Team Belle
Kerstin Pöhl vertrat sehr erfolgreich die Farben des Teams Belle Stahlbau (früher Racing Students) in beiden Rennen. Im ersten Wettbewerb jagte sie auf Platz zwei, eine Woche danach wurde sie Dritte in der Frauenwertung. Die männlichen Fahrer des Teams halten sich in Einklang mit den aktuellen Regelungen fit und genießen das Radfahren auch ohne Wettkämpfe. Bislang haben sie noch nicht an virtuellen Bundesligarennen teilgenommen.

Der Ausblick
Geplant sind weitere Rennen am 2., 9. und 13. Mai. Die Distanz wird zwischen 40 und 60 Kilometern betragen; das Rennen zwischen 50 und 80 Minuten dauern. Welche Strecke gefahren wird, soll am Mittwoch vor den jeweiligen Rennen bekanntgegeben werden. Zudem werden die Rennen live moderiert und gestreamt, prominente Radfahrer wie Profi Rick Zabel sind als Kommentatoren dabei. "Wir machen weiter mit", sagt Lukas Mild. "Es ist schwer sich zu motivieren und im Training alles zu geben, vor allem, da man wohl in diesem Jahr keine Rennen mehr bestreiten wird." Er erwartet noch in dieser Woche ein Techniker, der sich der schlechten Verbindung annimmt.