Erstickt im Feuermeer

Joss Reinicke

Von Joss Reinicke

Di, 11. Juni 2019

Theater

Lotte de Beer inszeniert, Daniela Dolci dirigiert Nicolò Jommelis Oper "Didone abbandonata" am Theater Basel.

"Ich allein will über meinen Thron und mein Herz herrschen!" – proklamiert die machtbewusste Dido, Königin von Karthago. Inmitten des Saales im Theater Basel steht sie auf einer laufstegähnlichen Erhöhung, die sich quer durch den Raum zieht. Keine Bühne ist es, vielmehr der Schauplatz einer Arena, von dem Nicolò Jommelis italienische Oper "Didone abbandonata" (Die verlassene Dido) ihren Ausgang nimmt. Die Inszenierung der Holländerin Lotte de Beer (Jahrgang 1984) steht unter der musikalischen Leitung von Daniela Dolci mit dem Barockensemble Musica Fiorita, das zum ersten Mal am Theater Basel gastiert.

Dido, gesungen von Nicole Heaston, gibt sich stark und machtbewusst, während sie in ihrer anfänglichen Arie mit Fingerschnipsen ihren Hofstaat kommandiert. Bei energischem Allegro, reich an Koloraturen, besingt Heaston im prächtigen roten Kleid diese Herrscherschau mit ihrer wendigen Sopranstimme. Dido hatte zuvor den gestrandeten Aeneas (Vince Yi) in ihr Königreich aufgenommen, woraus sich ein folgenschweres Liebesverhältnis entwickeln sollte. Der Trojaner konnte seiner untergehenden Stadt gerade noch entkommen, allerdings mit der göttlichen Weisung, ein neues Troja zu errichten, das spätere Rom. Mit dem ersten Auftritt Jarbas verhärtet sich die Konstellation. Dieser, gesungen vom Tenor Hyunjai Marco Lee, ist König des angrenzenden Staates Nubier und unsterblich in Dido verliebt. Seine unerwiderte Liebe besingt der bereits zornig Gewordene mit ausdrucksstarkem Tenor; ahnungsvoll Dido betrachtend, klappt er ein kleines Gasfeuerzeug auf und zu. In den von Liebe und Macht gespannten Konfliktlinien gliedern sich dann auch Selene, die Schwester Didos (Sarah Brady), Osmidas, ein Gehilfe (Ena Pongrac), sowie Araspes (Luigi Schifano), ein Anhänger Jarbas, ein.

Mit den 25 Musikern ebnet Musica Fiorita diesem Drama seine musikalische Kulisse, in transparentem Ensembleklang und artikulatorischer Sensibilität für die historischen Instrumente. Scharfe Akzente und dynamische Wendigkeit geben ihrem Spiel Vitalität und die Continuo Partie gerät gelegentlich zur feierlichen Rhythmusgruppe barocker Sechzehntelphrasierung.

Aeneas hatte es bis jetzt noch nicht fertiggebracht, der Königin seine bevorstehende Abreise zu gestehen. Seine Bestimmung für Ruhm und Heldentum zieht er ihrer Liebe vor: "Ein edler Wunsch nach Ehre ruft mich zum Siegen", singt Vince Yi mit dem Degen in der Hand und ist schon wegen seines vollen Klangs mit kernigen Resonanzen in der hohen Altuslage beeindruckend zu hören. Als die langen Kreuzfahrten der Koloraturen – entsprechend jener, die ihm im Mittelmeer bevorstehen – in die Kadenz münden, gelingt einer der musikalischen Höhepunkte des Abends. Die unbegleiteten Melisma deklamiert Yi mal in die eine, dann in die andere Richtung des Saales und bei der halbschlüssigen Pause, zischt er mit seinem Degen. Stimme, Stille und Performance sind grandios verflochten: "Ich bin kein Liebender mehr, sondern Krieger".

Das kann Dido nicht ertragen – sie ist außer sich, jetzt in schwarzem Kleid und zerzaustem Haar. Ihr Gesicht glüht, der vorerst noch triumphale Herrscher-Habitus hat sich ins Gegenteil gewendet: Ihr einstiger Laufsteg, von dem sie auf ihr Volk, ihr Publikum, herabblickte, ist jetzt zur Arena ihres Untergangs geworden. Ihr einstiger Geliebter, ihr Hofstaat, ein intrigantes Gestrick; ihr Verehrer Jarbas mutiert zum Rächer und Zerstörer ihres gesamten Königreiches. "Alleine, verraten, verlassen" wettert ihre Ohnmachtserfahrung, doch auch die Anrufungen der olympischen Mächte ersticken. Das Panorama der Affekte weitet sich in immer stärkere Extreme – und diesen Wesenszug in Didos Rolle meistert Heaston stimmlich sowie schauspielerisch mit großartigem Einsatz.

Dabei verlangt die Inszenierung den Darstellern viel ab, haben sie doch keine behütende Bühne, kein einfaches Gegenüber von Publikum und Sänger. Sie werden beobachtet, von allen Seiten, und stehen – Dido verstärkt – von überall unter Behauptungszwang. Damit tritt eine aufregende Dynamik in Gang. Didos Intriganz treibt Jarbas Rachsucht schließlich dazu, ganz Karthago abzubrennen. De Beer setzt diese Apokalypse mit sehr geringen Mittel in Szene – und darin liegt ihre Stärke: Nur flackerndes Licht und inmitten des Raumes die ohnmächtige – im doppelten Sinne – Dido, deren Welt gerade im Feuermeer ertrinkt.

Das Verhältnis von Weiblichkeit und Macht, von Lieben und Herrschen, ist damit raffiniert sowie mitreißend in Szene gesetzt und kommt ohne herangetragene Moralisierung aus. Die Relevanz des Stoffes ist konsequent aus dem Stück entwickelt. Wollte Dido doch über Thron und Herz herrschen, regieren und lieben – nun erlischt ihre ganze Existenz in den Trümmern Karthagos. Jarbas kleines Feuerzeug war doch nur der Zünder ihres selbst gesäten Sprengstoffs.

Weitere Termine ab 12. Juni
http://www.thater-basel.ch